• Walter Gasperi

74. Locarno Film Festival: Rückkehr zur Normalität - Eine Vorschau


Großes Open-Air-Kino auf der Piazza Grande

Nach der Corona bedingten Hybrid-Veranstaltung 2020 soll das heurige Locarno Film Festival (4. – 14. 8. 2021) wieder normal über die Bühne gehen. Der neue Künstlerische Leiter Giona A. Nazzaro präsentierte am 1. Juli bei einer Pressekonferenz das Programm für Piazza Grande, Internationalen Wettbewerb und die weiteren Sektionen.


Nachdem Lili Hinstin nach nicht einmal zwei Jahren im September 2020 als Künstlerische Leiterin zurückgetreten war, wurde im 55-jährigen Italiener Giona A. Nazzaro, der seit 2016 die Kritikerwoche des Internationalen Filmfestivals Venedig leitete und schon seit 2009 in Locarno als Moderator tätig war, rasch ein Nachfolger gefunden.


Eröffnet wird das Festival auf der Piazza Grande mit der Weltpremiere der Netflix-Produktion "Beckett" von Ferdinando Cito Filomarino. Der Italiener erzählt im mit John David Washington ("Tenet"), Alicia Vikander und Vicky Krieps hochkarätig besetzten Thriller von einem Amerikaner, der in Griechenland zum Ziel einer Menschenjagd wird und das ganze Land durchqueren muss, um die US-Botschaft zu erreichen.


Insgesamt 14 Filme werden auf der prächtigen Piazza jeweils abends als Open-Air-Kino gezeigt, sechs davon als Weltpremieren. Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky ("Die Fälscher") entführt in "Hinterland" ins Wien der 1920er Jahre, in dem ein ehemaliger Kriminalbeamter nach seiner Rückkehr aus der russischen Kriegsgefangenschaft mit einem schrecklichen Mord konfrontiert wird.


Im Jahr 1906, aber in unmittelbarer Nachbarschaft von Locarno spielt dagegen Stefan Jägers "Monte Verità", in dem sich eine zweifache Mutter, die von ihrem Mann sexuell bedrängt wird, bei dem jungen Psychoanalytiker Otto Gross auf dem gleichnamigen Berg bei Ascona in Therapie begibt. Großes US-Kino ist mit Liesl Tommys "Respect" getitelten Biopic über Aretha Franklin zu erwarten.


Spektakuläres Kino könnte auch Gaspar Noés "Vortex" bieten, in dem mit Kult-Regisseur Dario Argento, Françoise Lebrun und Alex Lutz in den Hauptrollen von den letzten Jahre eines liebenden Paares, bei dem sich die Altersschwäche bemerkbar macht, erzählt wird. Mit Shawn Levys "Free Guy" fehlt auch eine Science-Fiction-Action-Komödie aus den USA nicht und auch aus Südkorea wurde mit Kim Ji-hoons "Sinkhole" eine Komödie eingeladen.


Mit John Swabs Krimidrama "Ida Red" findet sich ein weiterer US-Film im Programm, aber auch mehrere Debüts fehlen mit "Rose" der Französin Aurelie Saada und Bassel Ghandours jordanisch-ägyptisch-saudi-arabischer Koproduktion "The Alleys" nicht.


Dazu kommen Klassiker wie Michael Manns Thriller "Heat", John Landis Komödie "National Lampoon´s Animal House" und James Camerons "The Terminator", die anlässlich der Verleihung von Ehrenpreisen an Kameramann Dante Spinotto ("Heat"), John Landis und die Produzentin Gale Anne Hurd ("The Terminator") gezeigt werden. Speziell diese Filme sorgen für ein deutliches Übergewicht der US-Produktionen auf der Piazza.


Dafür fehlen andererseits im Wettbewerb um den Goldenen Leoparden, in dem 17 Filme konkurrieren, die USA völlig. Da es sich ausschließlich um Weltpremieren handelt, ist über die Filme bislang wenig bekannt. Überraschend ist allerdings, dass hier mit Abel Ferrara auch ein echter Altmeister vertreten ist. Nach dem Höllentrip mit "Siberia" legt der 70-Jährige mit "Zero and Ones" einen Thriller vor, in dem ein von Ethan Hawke gespielter in Rom stationierter US-amerikanischer Soldat einen Feind aufspüren muss, der die ganze Welt bedroht.


Gespannt sein darf man auch, was der Franzose Bertrand Mandico mit "After Blue" nach seinem ziemlich verstörenden "Les garcons sauvages – Wild Boys" und der Österreicher Peter Brunner, der in "Luzifer" eine Kaspar-Hauser- mit einer Exorzismus-Geschichte verbindet, nach dem starken "To the Night" präsentieren werden.


Aus der Schweiz wurde "Soul of a Beast" von Lorenz Merz eingeladen, Russland ist mit "Medea" von Alexander Zeldovich und "Gerda" von Natalya Kurdyashova gleich doppelt im Leopardenrennen vertreten. Mit Produktionen von Island über Nigeria und den Libanon bis Serbien, Hong Kong und Indonesien weist der Wettbewerb eine geographisch-kulturelle Spannweite auf, die sich auch in der Vielfalt der Themen und filmischen Erzählweisen niederschlagen sollte. Stark präsent sind aber auch Frankreich mit insgesamt drei und Spanien mit zwei Produktionen, während Lateinamerika und Ostasien fehlen.


Spannende Entdeckungen kann man in Locarno oft auch in der Sektion "Cinéastes du present" machen, die ästhetisch innovativen Produktionen vorbehalten ist. Bekannte Namen findet man hier kaum, aber auch hier kann die große geographisch-kulturelle Breite Interesse wecken. Dazu kommt die Sektion "Pardo di domani", in der junge Talente ihre Filme einem internationalen Publikum präsentieren können, aber auch die Filmgeschichte wird gepflegt.


Denn in Locarno werden nicht nur zur Verleihung der Ehrenpreise an Landis, Spinotto, Hurd sowie Laetaitia Casta und den Visual Effect-Specialist Phil Tippett mit mehreren ihrer Filme Einblick in ihr Schaffen gewährt, sondern mit der Retrospektive für Alberto Lattuada wird auch ein bedeutender, aber nicht so bekannter Regisseur des italienischen Nachkriegskinos geehrt und in Erinnerung gerufen.


Auch ein fünf Filme umfassendes Kinderprogramm wird angeboten und im "Panorama Swiss" wird mit einem Dutzend Schweizer Produktionen wie Ramon und Silvan Zürchers "Das Mädchen und die Spinne", Andrea Stakas "Mare", Thomas Imbachs "Nemesis", Milo Raus "Das neue Evangelium" sowie Stéphanie Chuats und Véronique Reymonds "Schwesterlein" Einblick in das aktuelle eidgenössische Filmschaffen geboten.


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