• Walter Gasperi

70. Berlinale: Abel Ferraras Höllentrip und bewegendes Drama

Aktualisiert: März 1


Während Stéphanie Chuat und Véronique Reymond in „Schwesterlein“ sehr klassisch, aber bewegend vor dem Hintergrund einer schweren Krankheit von einer Geschwisterbeziehung erzählen, schickt Abel Ferrara den Zuschauer in „Siberia“ auf einen regelrechten Höllentrip.


Der Schnitt von einer Blut spendenden Frau (Nina Hoss) zu dem mit Glatze in einem Isolationszelt liegenden Sven (Lars Eidinger) stimmt schon auf die enge Beziehung dieser Geschwister ein, dazu signalisiert das Volkslied „Schwesterlein“ die drohende Trennung durch Tod.


Bald wird Sven aus dem Krankenhaus entlassen, wohnt zunächst mit seiner Zwillingsschwester Lisa in der Wohnung der Mutter (Marthe Keller) in Berlin und möchte auch wieder den „Hamlet“ in der Wiederaufnahme des Stücks spielen, doch der Regisseur ist aufgrund von Svens Gesundheitszustand skeptisch. Bald zieht Lisa auch angesichts der überlasteten und chaotischen Mutter mit Sven zu ihrer Familie in die Westschweiz, wo ihr Mann eine internationale Eliteschule leitet.


Auch wenn der Fokus auf der Beziehung zwischen den Zwillingen und der bedingungslosen Fürsorge Lisas liegt, so wird diese doch auch durch die Umwelt kontrastiert, in der das Leben weitergeht, der Theaterregisseur eine Entscheidung bezüglich des Einsatzes von Sven treffen und Lisas Mann sich hinsichtlich einer Verlängerung der Direktorenstelle entscheiden muss. Den Plänen, die hier gemacht werden und für die Lisa wenig Verständnis zeigt, wird so die Krankheit gegenübergestellt, die jedes Planen ad absurdum führt.


Rund erzählen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond, leuchten, unterstützt von einem starken Ensemble das Beziehungsgeflecht differenziert und ausgewogen aus und schonen den Zuschauer auch nicht bei der Schilderung des sich verschlechternden Gesundheitszustands von Sven.


Ein kleiner, aber bewegender Film ist dem Duo so gelungen, überflüssig ist allerdings und zu nichts führt, dass der Umstand, dass Lars Eidinger in der Realität unter der Regie von Thomas Ostermeier, der den Theaterregisseur spielt, an der Berliner Schaubühne tatsächlich „Hamlet“ spielte, in "Schwesterlein" übernommen wurde.


Im Gegensatz zu diesem sorgfältigen, aber auch sehr konventionellen Drama legt Abel Ferrara mit „Siberia“ einen wilden Bastard von einem Film vor. Ausgehend von einem Vorspanntext, in dem die Hauptfigur – offen bleibt, wie viel von Ferrara selbst in ihr steckt – von Kindheitsausflügen mit dem Vater mit Schlittenhunden in die kanadische Wildnis zum Fischen erzählt, versetzt der 69-jährige Amerikaner den Zuschauer in eine abgelegene Berghütte – gedreht wurden diese Szenen in Südtirol –, in die Clint (Willem Dafoe) sich zurückgezogen hat.


Wirken die ersten Szenen noch real, wenn dieser Mittsechziger einen Inuit bedient oder einem englisch sprechenden Mann beim Spiel an der Slot Machine zuschaut, so wirkt der Auftritt einer alten Russin und ihrer Tochter schon surreal. Immer intensiver brechen nun Alpträume und Erinnerungen auf den von Willem Dafoe gespielten Protagonisten herein, bald sieht er sich eine Felswand hinabstürzen, dann sieht man bruchstückhaft Bilder eines Massakers, das an die NS-Zeit erinnert, die Mutter erscheint ihm ebenso wie er sich in die Wüste fantasiert und in einem Beduinenzelt seinem Vater bei einer Operation zusieht.


Das Bild seiner Frau vermischt sich mit anderen Geliebten, Schuldgefühle werden sichtbar, aber andererseits weckt eine Traumgestalt auch seine Lebensfreude, wenn sie ihn zum Tanzen auffordert und er bald auf einer sommerlichen Wiese mit Kindern um einen Maibaum tanzt.


Offen bleibt, wie viel hier Fiktion und wie viel Ferraras reale Dämonen sind und verstörend ist dieser Trip, bei dem sicher nicht alles zu entschlüsseln ist. Faszinierend ist aber zweifellos die Bildmacht, das Spiel mit Licht und sehr viel Dunkelheit, der Wechsel zwischen der Enge der Hütte und den weiten lichtdurchfluteten Landschaften und natürlich das Spiel des immer physisch enorm präsenten Willem Dafoe.


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