47. Filmfestival Max Ophüls Preis: Der lange aus dem Trauma
- Walter Gasperi

- vor 2 Minuten
- 3 Min. Lesezeit

Catharina Lott versetzt in ihrem Spielfilm "Run Me Wild" intensiv in die Belastung und Unsicherheit einer traumatisierten 19-Jährigen. Felix Rier schildert dagegen in seinem Dokumentarfilm "Despite the Scars – Auch wenn Narben bleiben" berührend den Weg einer jungen Tänzerin nach einer brutalen Gruppenvergewaltigung zurück ins Leben.
Zu viel verrät im Grunde die Catharina Lotts Langfilmdebüt "Run Me Wild" vorangestellte Triggerwarnung, die auf die Themen Trauma und sexuellen Missbrauch hinweist. Denn explizit wird der Film in dieser Hinsicht im Grunde nie. Was wirklich in der Jugend oder Kindheit der 19-jährigen Toni (Luna Jordan) vorgefallen ist, wird nie gezeigt, doch immer wieder wird durch kurze Bildfetzen, Detailaufnahmen ihres Nackens und anschwellende Tonkulisse intensiv erfahrbar, wie sehr körperliche Nähe und Berührungen, aber auch neue Situationen die junge Frau verunsichern und stressen.
Bald bricht Toni, die viele aufgrund ihres androgynen Aussehens und auch aufgrund ihres Vornamens für einen Mann halten, so auch ihr Studium an der mit Menschen überfüllten Uni ab und setzt lieber die ruhige Arbeit in der kleinen Gärtnerei der Eltern fort. Gegensätze prallen aufeinander, wenn sie bei der Gartengestaltung einer Villa die etwa gleichaltrige, aber feminine und extrovertierte blonde Anna (Renée Gerschke) kennenlernt.
Bald entwickelt sich mehr als eine Freundschaft und sichtlich sehnt sich auch Toni nach körperlicher Nähe, doch auf Annas Berührungen reagiert sie immer wieder mit abrupter harscher Zurückweisung. Dazu kommen auch noch Nachrichten über einen entlaufenen Tiger, der durch die Gegend streunen soll. Mehr als real ist dies freilich eine Metapher für die Gewalt, die Toni erfahren hat und die sie lange lieber verdrängt, als sich ihr zu stellen.
Etwas zu gedehnt mag "Run Me Wild" gegen Ende vielleicht sein, doch insgesamt gelingt es Catharina Lott mit starker Bild- und Tonsprache und dank eines hervorragenden Ensembles intensiv in die Befindlichkeit ihrer Protagonistin zu versetzen und bewegend vom schwierigen Weg aus ihrem Trauma, über das sie nicht zu sprechen wagt, zu erzählen.
Im Gegensatz zu dieser fiktiven Geschichte ist die brutale Gruppenvergewaltigung der jungen Tänzerin Thea in Berlin im Jahr 2020 Realität. Zu Schwarzfilm berichtet sie im Dokumentarfilm "Despite the Scars – Auch wenn Narben bleiben" darüber, denn abbilden lässt sich die entsetzliche Erfahrung nicht. Dem befreundeten Dokumentarfilmer Felix Rier, der der erste Junge war, dem sie einen Kuss gab, und mit dem sie auch liiert war, gibt sie aber Einblick in ihren langwierigen und mühsamen Weg zurück ins Leben.
Wie ein dokumentarischer Parallelfilm zu Eva Victors Spielfilm "Sorry, Baby" wirkt Riers Langfilmdebüt so. Unerlässlich war seine persönliche Beziehung und sein Vertrauensverhältnis zu Thea für diesen Film. Unsichtbar bleibt der Regisseur, der auch selbst die Kamera führte, meldet sich aber mehrfach mit einigen Zwischenfragen aus dem Off zu Wort und wird auch hin und wieder direkt von Thea angesprochen.
Nah dran ist Rier an seiner Protagonistin, folgt ihr zu Tanzkursen und Kursen in einem Fitnessstudio, mit denen sie das Trauma zu bewältigen versucht, ebenso wie zu Sitzungen bei einem Psychotherapeuten oder zum Prozess gegen die Vergewaltiger. Spürbar wird in der geduldigen Beobachtung und in Theas Erzählungen von immer wieder hervorbrechenden Erinnerungen, wie lang der Weg zur Bewältigung des Traumas ist und wie wichtig die Stütze durch ihren fürsorglichen Freund Thiago und ihren großen schwarzen Hund Mandinga war und ist.
Und doch führt in diesem ebenso berührenden wie hoffnungsvollen Dokumentarfilm der Weg von der Verzweiflung mit einer Schwangerschaft und der Geburt eines Babys zurück in ein neues Leben, mit dem die Kämpferin und Kriegerin Thea ihr früheres Ich hinter sich lässt und ein neues findet – auch wenn sie sich bewusst ist, dass die Narben bleiben und quälende Erinnerungen zwar vielleicht seltener, aber doch immer wieder durchbrechen werden.



Kommentare