Filmbuch: Wolfgang Kohlhaase (Film-Konzepte 75)
- Walter Gasperi

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Das Schaffen des Drehbuchautors und Schriftstellers Wolfgang Kohlhaase spannte sich über rund 65 Jahre und von der DDR zum wiedervereinten Deutschland. Der 75. Band der Reihe Film-Konzepte bietet in sechs Essays und zwei Exposés Einblick in wiederkehrende Themen und Kennzeichen im Werk des am 5. Oktober 2022 verstorbenen Berliners.
Das neue Babelsberger Herausgebertrio Ilka Brombach, Chris Wahl und Michael Wedel wollte für seinen ersten Band der im Verlag edition text+kritik erscheinenden Reihe Film-Konzepte auch ein Babelsberger Thema wählen. Schnell gefunden wurde dies in Wolfgang Kohlhaase. Der am 13. März 1931 in Berlin geborene Schriftsteller und Drehbuchautor arbeitete von den 1950er bis zu den 2010er Jahren nicht nur mit bedeutenden Regisseuren wie Gerhard Klein, Konrad Wolf, Frank Beyer, Volker Schlöndorff und Andreas Dresen, sondern auch in zwei politischen Systemen. Brüche ergaben sich dadurch in seinem Schaffen aber nicht, denn nie stand die Ideologie, sondern immer die genaue Beobachtung des Alltags im Zentrum.
Die Drehbuchautorin Laila Steiler spürt, ausgehend von ihrer persönlichen Bekanntschaft mit Kohlhaase, der Poesie seiner Arbeiten nach. Sie entdeckt diese vor allem im Weglassen und Schaffen von Leerstellen, die Raum für die Fantasie öffnen, im neugierigen Erkunden der Figuren und in der Haltung, die in seinen Drehbüchern immer zum Ausdruck kommt.
Andy Räder blickt auf Kohlhaases erste Filmarbeit "Die Störenfriede" (1953), der noch kein Berlin-Film, aber der erste farbige Kinder- und Jugendfilm der DEFA war. Der Autor zeichnet die Entwicklung des Drehbuchs nach, für das zunächst der Schriftsteller Hermann Werner Kubesch verantwortlich zeichnete, das der Dramaturgin aber zu eintönig und zu lehrhaft war. Kohlhaase brachte hier Leben hinein, indem er auf Augenhöhe der Kinder erzählte. Er durchbrach die eng gefassten Regeln des Sozialistischen Realismus und orientierte sich in der genauen Beschreibung der Figuren und Schauplätze am italienischen Neorealismus.
Chris Wahl beschäftigt sich dagegen mit Kohlhaases Filmen über die Zeit des Nationalsozialismus. Detailliert arbeitet der Autor heraus, wie in Gerhard Kleins "Der Fall Gleiwitz" (1961) durch die Montage, in Konrad Wolfs "Ich war 19" (1968) und "Mama, ich lebe" (1977) durch die Fokussierung auf ein exemplarisches Einzelschicksal und in Frank Beyers "Der Aufenthalt" durch die Konzentration auf eine Gefängniszelle das Geschehen verdichtet und moralische Fragen zugespitzt werden.
Aber auch auf Bernhard Wickis "Die Grünstein-Variante" (1984), Kohlhaases eigenen Dokumentarfilm "Viktor Klemperer – Mein eigenes Leben ist so sündhaft lang" (1998) geht Wahl ein und arbeitet auch die Unterschiede von Kohlhaases Erzählung "Erfindung einer Sprache" und Vadim Perelmans Verfilmung "Persischstunden" (2020) heraus.
Ilka Brombach wiederum fokussiert auf den deutsch-deutschen Filmerzählungen Kohlhaases. In detaillierter Analyse spannt die Autorin den Bogen von Gerhard Kleins Berlin-Filmen "Alarm im Zirkus" (1954), "Eine Berliner Romanze" (1956) , "Berlin – Ecke Schönhauser" (1957) und "Berlin um die Ecke" (1965) über Konrad Wolfs "Solo Sunny" (1980) bis zu den Nach-Wende-Filmen "Die Stille nach dem Schuss" (2000) von Volker Schlöndorff und "Sommer vorm Balkon" (2005) von Andreas Dresen. Plastisch arbeitet Brombach heraus, wie diese Filme nicht nur die sozial und lokal präzise Einbettung ins jeweilige Milieu, sondern auch die historische Einbettung in ein zeitliches Umfeld kennzeichnet.
Elisabeth Ward widmet sich dagegen den Protagonistinnen in "Eine Berliner Romanze", "Solo Sunny" und "Sommer vorm Balkon". Im Vergleich schärft die Autorin den Blick auf diese nicht angepassten, rastlosen Frauen, die keine stereotypen sozialistischen Heldinnen sind, sondern Frauen, die aus sozialen, politischen und ökonomischen Gründen in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt sind. So spannend dieser Beitrag aber auch ist, so ist doch auch nicht zu übersehen, dass sich Redundanzen einstellen, da die gleichen Filme wie in Ilka Brombachs Beitrag analysiert werden.
Michael Wedel bietet schließlich in seinem Beitrag zu Frank Beyers Verfilmung von "Der Hauptmann von Köpenick" (1997) Einblick in Kohlhaases Umgang mit der Realität und der Vorlage von Carl Zuckmayer. Wahl zeichnet nämlich nicht nur die dem Film und dem Stück zugrunde liegenden realen Ereignisse nach, sondern vergleicht auch die Unterschiede zwischen den drei Verfilmungen und erkennt im Märchenhaften und der Fokussierung auf dem Menschlichen etwas sowohl für Zuckmayer als auch für Kohlhaase Typisches.
Abgerundet wird der Band durch das Exposé zu "Mann auf der Kante" (1960), das von einem nicht nur zwischen Ost und West, sondern auch zwischen Legalität und Kriminalität pendelnden Mannes erzählt, das aber aufgrund des Mauerbaus nie verfilmt wurde, sowie durch das Exposé zu "Solo Sunny". Wie gewohnt bei dieser Reihe fehlen aber auch eine kurze Biographie Kohlhaases sowie – in Auswahl – eine Filmografie zum umfangreichen Schaffen des 2022 im Alter von 91 Jahren verstorbenen Drehbuchautors, Schriftstellers und Hörspielautors nicht.
Ilka Brombach / Chris Wahl / Michael Wedel (Hg.), Film-Konzepte 75: Wolfgang Kohlhaase, Edition text + kritik, München 2025, 129 S., € 24, ISBN 978-3-689-30020-3
Einen ausführlichen Beitrag über Wolfgang Kohlhaase finden Sie hier.


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