Filmbuch: Carl Theodor Dreyer (Film-Konzepte 77)
- Walter Gasperi

- vor 3 Stunden
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Der 77. Band der Reihe Film-Konzepte widmet sich in tiefschürfenden Essays speziellen Aspekten im Schaffen des dänischen Meisterregisseurs Carl Theodor Dreyer.
Nur 14 Spielfilme umfasst das Œuvre des Dänen Carl Theodor Dreyer (1889 – 1968), doch nicht nur Regie-Kollegen wie Chris Marker oder Paul Schrader zählen seine Filme "La passion de Jeanne d´Arc (1928), "Vampyr" (1932), "Ordet – Das Wort" (1955) und "Gertrud" (1964) zu den absoluten Höhepunkten der Filmkunst und Filmgeschichte.
Wie in den anderen Bänden der Reihe Film-Konzepte werden auch in diesem Band über den bedeutendsten Filmemacher des dänischen Kinos nicht chronologisch die einzelnen Filme vorgestellt, sondern der Fokus auf spezielle Aspekte gelegt. Einzelanalysen erhalten nur "Vampyr" und "Gertud".
Daniel Illger fokussiert so bei "Vampyr" auf dem Spannungsfeld von Wissenschaft und Fantastik und arbeitet heraus, wie Dreyer durch Kameraarbeit, Musik, Ton und somnambules Schauspiel eine Welt des Zwielichts zwischen Realität und Alptraum evoziert. Michael Ufer widmet sich dagegen Dreyers letztem Spielfilm und spürt in seinem sehr akademischen Essay, ausgehend vom Gegensatz zwischen der sehr negativen Rezeption von "Gertrud" bei seiner Uraufführung und späteren hymnischen Rezensionen, in akribischer Analyse der Abwesenheit der Protagonistin in einzelnen Szenen nach sowie der Frage, wer oder was Gertrud ist.
Im Gegensatz zu diesen Einzelanalysen arbeitet Herausgeber Michael Wedel in seiner Einleitung, nicht nur die konträre Ein- und Wertschätzung Dreyers heraus, sondern blickt einerseits auch auf die Brüche und Differenzen in diesem schmalen Werk, die für den Autor auch mit den unterschiedlichen Entstehungsorten und der Heterogenität der Produktionsumstände zusammenhängen können, andererseits auf Parallelen, die es zwischen den Filmen gibt.
In einem weiteren Essay analysiert Wedel die Rolle von Tieren in Dreyers Filmen und zeigt durch detaillierte Beschreibungen von Szenen auf, wie dabei immer wieder das Symbolische der Tiere und das Natürliche Hand in Hand gehen. Der Autor spannt dabei den Bogen von einer Katze in "Die Gezeichneten" (1922) über Fliegen in "La passion de Jeanne d´Arc", die sowohl in Bezug zum Teufel als auch als memento-mori-Zeichen gelesen werden können, bis zu den Tierlauten, die in "Vampyr" und "Ordet" auf der Tonspur präsent sind.
Heide Schlüpmann wiederum untersucht die Rolle des Haushalts in "Du sollst deine Frau ehren" (1925) und arbeitet heraus, wie sich in diesem Stummfilm der gesellschaftliche Umbruch und die Schwächung des Patriarchats nach dem Ersten Weltkrieg spiegelt. Ida Muus deckt dagegen in ihrem Beitrag anhand der Skulptureninszenierung im Kurzfilm "Thorvaldsen" (1948) und der Menscheninszenierung in "Gertrud" skulpturale Elemente im Werk eines Regisseurs auf, dessen Arbeitsweise für die Autorin der eines Bildhauer gleicht, "der dem Publikum seine Figuren auf gezielte und präzise Weise zur Anschauung bringt" (S. 66).
Einen ungewöhnlichen Aspekt beleuchtet Stephan Michael Schröder, der sich dem Thema "Dreyer und die Fans" widmet. Ausgehend von einem bewundernden Brief an Dreyer zu "Vredens Dag - Dies Irae" (1943) bietet der Autor in seinem flott geschriebenen Essay zunächst Einblick in Kennzeichen und Geschichte der Fankultur, ehe er auf die im Dänischen Filminstitut archivierten Bewundererbriefe an Dreyer eingeht.
Plastisch wird dabei anhand von "Vredens Dag" der für diesen als elitär geltenden Regisseur überraschende Widerspruch zwischen den Verrissen durch die professionelle Filmkritik und begeisterten Briefen eines eher jungen Publikums herausgearbeitet. Schröder zeigt dabei auf, dass diese Fanbriefe im Gegensatz zu denen für Schauspieler:innen sich ausschließlich auf das Werk, nicht aber auf die Person beziehen, und erkennt in ihnen unverzichtbare Werke für die Dreyer-Rezeption, da sie ein ganz anderes Bild des dänischen Meisterregisseurs zeichnen.
Wie gewohnt werden die ebenso fundierten wie tiefschürfenden Essays, die nicht immer leicht zu lesen sind, aber zumindest für die Dreyer-Forschung spannende Aspekte aufarbeiten, durch eine kurze Biographie und gesonderte Filmographien zu den Drehbucharbeiten, Spielfilmen und Dokumentarfilmen des Dänen abgerundet.
Michael Wedel (Hg.), Film-Konzepte 77: Carl Theodor Dreyer, Edition text + kritik, München 2025. 110 S., € 24, ISBN 978-3-68930-107-1



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