Institutionen im Fokus: Der Dokumentarfilmer Frederick Wiseman
- Walter Gasperi

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Ein Gefängnis für psychisch kranke Straftäter, eine Highschool, der Pariser Nachtclub Crazy Horse, das Ballett der Pariser Oper, die Londoner National Gallery, ein französisches Landrestaurant – das sind nur einige Institutionen, die Frederick Wiseman zwischen 1967 und 2023 mit der Kamera durchleuchtete – ohne Off-Kommentar und ohne Musik. Das Kino Rex in Bern widmet dem am 16. Februar dieses Jahres verstorbenen Meister des Direct Cinema im Juni eine Filmreihe.
Als Filmregisseur begann der am 1. Januar 1930 in Boston geborene Frederick Wiseman erst im Alter von 37 Jahren. Davor hatte er ein Jus-Studium absolviert, in Paris als Anwalt und ab 1959 als Professor für Recht und Medizin an der Boston University gearbeitet. Nachdem er schon 1963 als Produzent bei der semidokumentarischen Milieustudie "The Cool World" (Regie: Shirley Clarke) fungiert hatte, erhielt er Mitte der 1960er Jahre die Erlaubnis im Bridgewater-Krankenhaus in Massachusetts, in dem psychisch kranke Straftäter gefangen gehalten wurden, zu drehen. Nach der indianischen Bezeichnung der Gegend, in dem das Krankenhaus steht, erhielt der Film den Titel "Titicut Follies" (1967).
Schon hier arbeitete Wiseman mit den Mitteln des Direct Cinema, das sich seit Anfang der 1960er Jahre auch aufgrund der veränderten Technik entwickelt und den Dokumentarfilm revolutioniert hatte. Mit leichten, tragbaren 16mm-Kameras in Verbindung mit neuen kabellosen Synchronton-Aufnahmegeräten und lichtempfindlicherem Filmmaterial für Innen- und Außenaufnahmen konnte man nun mit zuvor nicht gekannter Unmittelbarkeit die Wirklichkeit einfangen.
Auf auktorialen Voice-over Kommentar verzichtete man, ließ Bild und Ton für sich sprechen. Die Rolle des Regisseurs ist die eines Beobachters, der ohne vorgefasste Meinung und Drehplan an sein Projekt geht und die Personen in ungestellten, authentischen Situationen zeigt.
Der Filmemacher erscheint als Entdecker, stellt keine Fragen, gibt keine Anweisungen und vermeidet während der Aufnahme jede Kommunikation mit den gefilmten Personen. Das Filmteam wird möglichst klein gehalten, auf zusätzliches Licht, Stativ und untermalende Musik wird verzichtet.
Wiseman hielt sich nicht nur in "Titicut Follies", in dem er die Haftbedingungen schilderte und Anklage gegen das unmenschliche Leben in dieser Anstalt erhob, an diese Arbeitsweise, sondern auch in seinen folgenden rund 40 Dokumentarfilmen.
Nicht Einzelpersonen stellt er dabei immer wieder in den Mittelpunkt, sondern durchleuchtet vielmehr Institutionen. Der Bogen spannt sich vom Schulwesen in "High School" (1968) und dem Militär in "Basic Training" ("Grundausbildung", 1971) über ein Forschungszentrum, das Primaten wissenschaftlichen Experimenten unterwirft, in "Primate" ("Herrentiere", 1974), die Intensivstation des Bostoner Beth Memorial Krankenhauses in "Near Death" (1989) und ein Amt für Sozialhilfe in New York in "Welfare" (1975) bis zur Arbeit der Legislative des US-Bundesstaats Idaho in "State Legislature" (2007), der Londoner National Gallery in "National Gallery" (2014), die New York Public Library in "Ex Libris – The New York Public Library" (2017) und dem französischen Landrestaurant Les Troisgros in "Menus Plaisirs – Les Troisgros" (2023).
Auf umfangreiche Recherchen im Vorfeld verzichtet Wiseman dabei, denn er sieht das Drehen selbst als Recherche an. Im genauen Blick auf unterschiedlichste Aspekte, der freilich auch zu einer Überlänge seiner Filme führt, und der präzisen Montage durchleuchtet er messerscharf die jeweilige Institution.
Mit seiner Methode, zu der auch jeweils die Konzentration auf einen Ort gehört, schafft er es aber auch das Interesse der Zuschauer:innen selbst bei Themen, die spröde klingen oder zu denen man nicht von vornherein großen Bezug hat, zu wecken und hochzuhalten. Durch den Verzicht auf einen Off-Kommentar will er die Trennung zwischen Publikum und den Ereignissen im Film aufheben.
Phänomenal ist es, wie so eine nüchterne Beobachtung des Betriebs um das Ballett der Pariser Oper ("La danse – Le ballet de l´Opéra de Paris", 2009), einen Sog und große Spannung entwickelt, wie er den langwierigen Prozess der politischen Entscheidungsfindung in "State Legislature" als packenden Krimi inszeniert oder in "National Gallery" mit seinem Blick auf Kunstwerke und deren Vermittlung auch beim Publikum Lust auf Kunst weckt.
Dass freilich auch im Direct Cinema mit manipulativen Techniken gearbeitet wird und nur scheinbar objektiv das Leben eingefangen wird, bestreitet Wiseman, in dessen Schaffen und Arbeitsweise das von Hannes Brühwiler herausgegebene Buch "Frederick Wiseman: Das Schauspiel der Gesellschaft" einen vielschichtigen Einblick bietet, selbst keineswegs und erklärte 1999 offen im Kompilationsfilm "Cinéma Vérité: Defining the Moment": "Natürlich haben wir die Wirklichkeit verzerrt, alles andere ist Unfug."
Auch im Direct Cinema wird nämlich selbstverständlich durch Auswahl und Anordnung der Szenen sowie durch den Schnitt, mit dem Wiseman seinen Filmen eine dramatische Struktur und den passenden Rhythmus gibt, die Wirklichkeit gestaltet. Andererseits lässt dieser Filmemacher, der gegen Lebensende mit "Un couple" (2022) auch einen Spielfilm inszenierte und in Cameo-Auftritten in Rebecca Zlotowskis "Les enfants des autres" ("Die Kinder der Anderen", 2022) und "Vie privée" ("Paris Murder Mystery", 2025) sowie in Laura Pianis "Jane Austen a gâché ma vie" ("Jane Austen und das Chaos in meinem Leben", 2024) zu sehen war, den Zuschauer:innen immer auch mit langen und meist distanzierten Einstellungen Raum, um sich ein eigenes Urteil zu bilden.
Entstanden ist so durch das konsequente Festhalten an einer Methode und den Blick auf unterschiedlichste Institutionen ein einzigartiges Werk, das immer wieder das Verhältnis zwischen Mensch und staatlichen Einrichtungen, aber auch Prozesse der Kunstproduktion und ihrer Vermittlung auf faszinierende Weise reflektiert.
Buchtipp: Hannes Brühwiler (Hg.), Frederick Wiseman. Das Schauspiel der Gesellschaft, Deep Focus 35, Bertz + Fischer Verlag, Berlin 2023, 188 Seiten, 16 Farbseiten, 156 Fotos, € 29, ISBN 978-3-86505-338-1
Weitere Informationen und Spieltermine der Filmreihe des Berner Kino Rex finden Sie hier.
Arte-Beitrag zu Frederick Wiseman (9 Minuten)




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