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47. Filmfestival Max Ophüls Preis: Realität oder Fiktion?

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 30 Minuten
  • 4 Min. Lesezeit
47. Filmfestival Max Ophüls Preis: Lustvolle Spiele mit Realität und Fiktion
47. Filmfestival Max Ophüls Preis: Lustvolle Spiele mit Realität und Fiktion

Während sich Lena Fakler und Zarah Schrade in "Hygge" sowie Musa Kohlschmidt und Felix Schwaiger in "Hätten wir doch die Aida genommen" der Welt der Reality-Shows widmen, blickt Julius Feldmeier in "Wir sind da" hinter die Fassaden einer Schauspielschule und Michael Gülzow schickt in seinem Mockumentary "Der tote Winkel der Wahrnehmung" zwei junge Frauen auf eine Recherche zu Reptiloiden.


Aufregend macht das auf den deutschsprachigen Nachwuchsfilm fokussierte Saarbrückner Filmfestival Max Ophüls Preis die vielen verschiedenen Erzählweisen, die man hier entdecken kann. Immer wieder suchen die jungen Filmemacher:innen nach einer eigenen filmischen Sprache, gleichzeitig werden aber auch Parallelen sichtbar.


Zwei Filme des Spielfilmwettbewerbs setzen sich so mit der Welt der Reality-TV-Shows auseinander. Lena Fakler und Zarah Schrade lassen in "Hygge" den Traum eines lesbischen Paars wahr werden, als es aus der – unsichtbar bleibenden – trostlosen realen Welt in die perfekte Insel-Welt der Reality-Show Hygge eingeladen wird.


In sanften Pastellfarben, perfekt eingerichteten Häusern und gepflegten Gärten evoziert das Regie-Duo ein Paradies, das freilich bald rasch ins Gegenteil kippt, als permanente Überwachung und Drohung des Ausschlusses bei Verstoß gegen Regeln sichtbar werden.


Mit starker Ausstattung, lustvollem Schauspiel und satirischem Blick auf solche TV-Sendungen macht "Hygge" durchaus Spaß, doch sind als großes Vorbild Peter Weirs "Truman Show" und andere dystopische US-Filme nicht weit. Einzig in einer stärkeren Präsenz von Queerness geht diese Satire darüber hinaus, bewegt sich aber vor allem im Finale, in dem von Satire nicht mehr viel zu spüren ist, doch zu sehr in bekannten Bahnen.


Eine ungleich originellere Auseinandersetzung mit dem Reality-TV legt das Theater- und Filmkollektiv DIN 04 Format mit "Hätten wir doch die Aida genommen" vor. Lustvoll wird hier mit der fiktiven Reality-Show "Aufgeklärt – On Tour" einerseits dieses TV-Format parodiert, wenn eine junge Frau, begleitet vom Moderator, nach ihrem vor Jahrzehnten verschwundenen Opa sucht, andererseits wird gleichzeitig die Produktion der Show ins Spiel gemacht.


So wechseln – durchs Filmformat abgehoben – Drehszenen, in denen es immer wieder zu Konflikten innerhalb des Teams kommt, und Szenen der TV-Sendung. Zum Vergnügen trägt freilich auch bei, dass bei der Recherche zur hinreißend überzogenen Familiengeschichte schließlich ein – allerdings vorhersehbares - dunkles Geheimnis gelüftet wird, das freilich nicht TV-tauglich ist und herausgeschnitten wird.


Ganz den Schwung des Anfangs halten Musa Kohlschmidt und Felix Schwaiger zwar nicht durch und Längen bleiben im Mittelteil nicht aus, doch im Finale nimmt der erste Film dieses Kollektivs doch nochmals kräftig Fahrt auf.


Julius Feldmeiers "Wir sind da" gibt sich wiederum als dokumentarischer Blick hinter die Kulissen einer Schauspielschule, ist in Wahrheit aber durch und durch inszeniert. Hier führt nicht nur ein Filmemacher durch die Räumlichkeiten, sondern beobachtet mit der Kamera auch Proben mit den Student:innen, bei denen der Schauspiellehrer Grenzen überschreitet und auch ausführliche Informationen über das Privatleben seiner Schützlinge verlangt.


Gleichzeitig hält sich aber auch das Filmteam nicht zurück, wenn es trotz des "Neins" des Schauspiellehrers und der Student:innen die Kamera weiterlaufen lässt. Aber auch, wie der Filmregisseur, der Schauspiellehrer und seine Student:innen immer wieder die vierte Wand durchbrechen und direkt in die Kamera über ihre Gefühle und Ziele sprechen, trägt zur Dichte und scheinbaren Echtheit dieses quasidokumentarischen und mit viel Improvisation entstandenen Spielfilms bei.


Nochmals an Originalität übertroffen werden diese Filme aber von Michael Gülzows "Der tote Winkel der Wahrnehmung", der schon 2025 bei der Grazer Diagonale gezeigt wurde. Für Witz sorgt schon der diesem Mockumentary vorangestellte Warnhinweis "Der folgende Film beabsichtigt in keinster Weise die Verbreitung von Verschwörungstheorien. Es existieren keine Echsenmenschen, die die Menschheit durch eine verdeckte Hybridisierung unterwerfen wollen."


An "The Blair Witch Projekt" knüpft Gülzow im Folgenden an, wenn zwei angeblich gefundene Mini-DV-Tapes den Film bilden. In diesen "Beweisstücken" dokumentierten zwei TU-Studentinnen im Frühjahr 1996 ihre Recherche zur Existenz von Echsenmenschen, die die Menschheit unterwerfen wollen. Sie befragen dazu einen Bauern, der über seine Stute angeblich Nachrichten von Außenirdischen erhält, ebenso wie einen totalen bekifften jungen Mann, der sich durch einen Aluhut vor der Bedrohung schützen will.


Auch eine skeptische Sozialwissenschaftlerin wird interviewt, vor allem aber ein Autor, der einen Bestseller über die angebliche Echsenverschwörung geschrieben hat. Seiner Meinung nach werde die Gefahr nicht wahrgenommen, da sie in einem toten Winkel der Wahrnehmung liege, doch schaue man genau hin, sehe man beispielsweise im Spielfilm "Die letzte Nacht der Titanic" schon bei der Schiffstaufe am Bildrand einen Echsenmenschen.


In einer großartigen Mischung aus Found Footage und nachinszenierten Szenen, die beide gleichermaßen verpixelt und unscharf sind, ruft Gülzow nicht nur die 1990er Jahre mit der TV-Serie "Alf", John Carpenters "They Live" und dem Brand der Wiener Hofburg in Erinnerung, sondern bringt über die Tonebene mit Nachrichtenmeldungen und Reden Jörg Haiders auch den Aufstieg der FPÖ ins Spiel. Deren Positionen haben freilich teilweise durchaus den Charakter von Verschwörungstheorien.


So ist "Der tote Winkel der Wahrnehmung" auch mit seinem Detailreichtum und seinem 1990er-Jahre Retro-Charme nicht nur ein hinreißend abgefahrenes Vergnügen, sondern regt auch zu einem kritischen Blick auf die Welt an, in der sich Theorien, die zunächst als absurd abgetan und belächelt werden, zu einer ernsthaften Bedrohung für die Demokratie entwickeln können.

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