• Walter Gasperi

70. Berlinale: Frauen im Zentrum

Aktualisiert: März 1


Hong Sangsoo lässt in „The Woman Who Ran“ eine Frau um die 40 drei Freundinnen besuchen, Eliza Hittman begleitet in „Never Rarely Sometimes Always“ einen Teenager auf dem Weg zu einer Abtreibung: Zwei ebenso unaufgeregte wie präzise Filme.


Immer wieder betont Gamhee, die im Laufe des Films drei Freundinnen besucht, dass sie die letzten fünf Jahre jeden Tag mit ihrem Mann zusammen war, dieser nun aber auf Geschäftsreise sei – so oft freilich, dass der Eindruck entsteht, dass es um die Ehe wohl doch nicht so gut bestellt ist.


Ums Reden und was damit verdeckt wird, geht es im 24. Film von Hong Sangsoo. Ganz einfach gehalten sind Handlung und Form. Aus kaum mehr als 20 Einstellungen bestehen die 77 Minuten, statisch ist die Kamera meist, einzig Zooms sorgen wiederholt für Bewegung. Frontal erfasst die Kamera die Sprechenden auf einer Couch oder an einem Tisch, dem Schuss-Gegenschuss-Verfahren verweigert sich Hong konsequent, Musik wird nur eingesetzt wenn die von Hongs Stammschauspielerin Kim Minhee gespielte Protagonistin von einem Besuch zum nächsten wechselt und kurz eine Straßen- oder Stadtansicht eingeschoben wird.


Männer bleiben in dem Film aus den Wohnungen der Freundinnen ausgesperrt, tauchen nur dreimal als Störfaktoren auf. Denn während in der ersten Wohnung die Frauen durch einen Nachbarn gestört werden, der bittet die wilden Katzen aufgrund einer Phobie seiner Frau nicht mehr zu füttern, wird die zweite Freundin von einem früheren Geliebtenbelästigt, während Gamhee bei der dritten Freundin, die sie in einem Kulturzentrum aufsucht, auf ihren Ex-Geliebten, einen Filmregisseur, trifft.


In den Begegnungen mit diesen Männern, die nur von hinten gezeigt werden, werden dabei hinter der Höflichkeit mehr oder weniger deutlich Aggressionen spürbar und im Gespräch mit dem Regisseur kommt die Unfähigkeit über den Bruch der Beziehung zu sprechen zum Ausdruck. Banal wiederum sind die Gespräche der Frauen untereinander, kreisen ums Grillen, um Vegetarismus und die Schönheit von Kühen, um Hühner, das Bild eines Malers oder eine frische Bekanntschaft.


Nur die letzte Freundin äußert Schuldgefühle, weil sie Gamhee wohl einst mit dem Regisseur betrogen hat, doch Gamhee wischt dieses Bedauern nach außen hin locker weg, erklärt, dass alles in Ordnung und die Sache längst vergessen sei.


Die Kunst Hongs besteht einerseits in der bestechenden Form mit sorgfältig kadrierten, in gedeckte Farben getauchten Einstellungen und einem genau kontrollierten Erzählrhythmus, andererseits darin, wie er in diesem trügerisch einfachen Film in diesen langen, betont banalen Gesprächen aufdeckt, wie reden häufig dazu dient, vom Wesentlichen abzulenken und die wahren Gefühle zu verdecken.


Ganz auf der 17-jährigen Autumn fokussiert dagegen Eliza Hittman in „Never Rarely Sometimes Always“. Erst in der Mitte des Films wird die Bedeutung des Titels klar, wenn der von Sidney Flanigan gespielte Teenager in einer Abtreibungsklinik in einer endlos langen Befragung zu ihren Sexualpartnern, zu Nötigung und Gewalt durch die Männer mit den möglichen Antworten „nie selten manchmal immer“ schließlich in Tränen ausbricht.


Die Unterdrückung der Frau durch die Männer und die Schwierigkeit dagegen aufzubegehren oder die Übergriffigkeit publik zu machen, trat freilich schon zuvor zutage, als sich Autumn und ihre Cousine im Supermarkt, in dem sie neben der Schule als Kassierinnen arbeiten, Zärtlichkeiten vom schmierigen Chef gefallen lassen mussten oder als Autumns Vater wie ein Patriarch zu Hause herrschte und kein Einfühlungsvermögen für seine Tochter zeigte.


Bald nach dem positiven Schwangerschaftstest steht für Autumn fest, dass sie sich noch nicht bereit fühlt, Mutter zu sein und abtreiben will, doch weil dazu in Pennsylvania bei Minderjährigen die Unterschrift der Eltern nötig ist, bricht sie mit ihrer Cousine per Bus nach New York auf.


Auf wenige Tage beschränkt sich die Handlung, der Weg zur Abtreibung ist das einzige und zentrale Thema, gleichzeitig wird der Film dabei natürlich auch zu einem Plädoyer für die unabhängige Entscheidung der Frau und zur ebenso unaufgeregten wie eindringlichen Abrechnung mit der vielfältigen Ausbeutung durch Männer.


Große Dichte gewinnt „Never Rarely Sometimes Always” durch die enge Handlungsführung ebenso wie durch die unaufdringlich, aber präzise und atmosphärisch dichte Verankerung in einem realistischen Milieu, vor allem aber durch die beiden famosen Hauptdarstellerinnen Sidney Flanigan und Talia Ryder. – Ganz auf Augenhöhe und nah dran an ihnen ist Hittman und arbeitet gerade in der unaufgeregten, nie wertenden Begleitung dieser beiden Jugendlichen Grundsätzliches heraus.


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