• Walter Gasperi

74. Locarno Film Festival: Hochpoetisches und Deftiges zum Start des Wettbewerbs

Aktualisiert: Aug 14


Mit dem meditativen libanesischen Film "Al Naher – The River" und der deftigen Balkankomödie "Nebesa – Heavens Above" startete beim Locarno Film Festival der Wettbewerb, in dem 17 Filme um den Goldenen Leoparden konkurrieren.


Eine große Bandbreite versprach Festivalleiter Giona A. Nazarro und schon die ersten beiden Wettbewerbsfilme setzten Akzente in diese Richtung. Denn da stand gleich Ghassan Salhabs sehr poetischem, langsamem und leisem "Al Naher – The River" Srdan Dragojevic´ deftige schwarze Komödie "Nebesa – Heavens Above" gegenüber.


Der im Senegal geborene und seit dem 12. Lebensjahr im Libanon lebende Ghassan Salhab schließt mit "Al Naher" eine Trilogie ab, die er mit "The Mountain" (2010) und "The Valley" (2014) begonnen hat. Sieht man in der einleitenden Szene im Garten eines Restaurants noch andere Menschen, so liegt der Fokus bald ganz auf dem Paar, das durch eine von Karstfelsen durchzogene Waldlandschaft streift und seine Beziehung verhandelt.


Großartig sind die langen Einstellungen, die mit aufziehendem Nebel oder auch einem Hund, der als Begleiter auftaucht, teilweise an Andrej Tarkowskijs "Stalker" oder "Nostalghia" erinnert. Doch während die Bilder Tarkowskijs zwingend sind und zum Nachdenken anregen, zelebriert Salhab seine Kunstfertigkeit und fordert mit jedem der symbolbeladenen Bilder den Zuschauer zur Interpretation auf. Kunstvoll ist auch die Tonspur mit dem Lärm von Kampfjets und Granateinschlägen, die einen nahen Krieg andeuten, doch zu vage und abstrakt wirkt "Al Naher" insgesamt, um zu fesseln, lässt es bei aller Kunstfertigkeit doch entschieden an Bodenhaftung vermissen.


Während dieser hochpoetische und meditative Film ganz in der Tradition der sperrigen Wettbewerbsbeiträge steht, die Nazarros Vorvorgänger Carlo Chatrian immer wieder nach Locarno holte, bietet Srdan Dragojevic mit "Nebesa – Heavens Above" deftiges Kino im Stile eines Emir Kusturica.


In drei 1993, 2001 und 2026 spielenden Kapiteln erzählt der Serbe, der sich von französischen Kurzgeschichten aus den 1930er Jahren inspirieren ließ, am Beispiel einer Familie von den Entwicklungen im postkommunistischen Serbien. Lebt Protagonistin Stojan mit Frau und Tochter im ersten Kapitel noch als Arbeitsloser während des Jugoslawienkriegs in einer tristen Barackensiedlung, so wird er in den folgenden Kapiteln zum Gefängnisdirektor und schließlich zum Minister aufsteigen.


Mit diesem sozialen Aufstieg korrespondiert aber auch eine moralische Wandlung. Ist Stojan nämlich zunächst ein einfacher, aber herzensguter Mann, so setzt mit einem Stromschlag, durch den er einen Heiligenschein erhält, eine Wandlung ein. Verdeckt er den unliebsamen Begleiter, der nie als Gabe, sondern immer als Fluch erscheint, zunächst unter einer Pelzkappe, so will er ihn bald loswerden. Selbst die Kirche sucht der überzeugte Kommunist dafür auf und bittet Gott um Hilfe, während seine resolute Frau von einem Fernsehprediger den Tipp erhält, dass Stojan eben sündigen müsse.


Wenig Interesse zeigt er zwar zunächst an Völlerei und am Beischlaf mit der Nachbarin, entwickelt aber dann doch zunehmend Lust am Sündigen, schlägt bald brutal auf seine Frau ein, bringt auch Prostituierte nach Hause und will seine eigene Tochter zur Prostituierten machen.


Mit dem geistig zurückgebliebenen Gojko, den das Verlangen nach einem Handy, mit dem er glaubt mit der Heiligen Maria telefonieren zu können, zum Doppelmörder macht, der bald gefasst wird, und Gojkos Künstlerkarriere gibt es in den folgenden Kapiteln zwar einen anderen Protagonisten, aber Stojan und seine Familie kommen auch hier vor.


Vor allem im ersten Abschnitt ist das atmosphärisch dicht und schwungvoll inszeniert, wartet mit markant gezeichneten und mit Verve gespielten Figuren auf und besticht mit Lust am deftigen und auch schwarzen Humor. Gegen diesen starken Auftakt fallen die beiden folgenden Kapitel doch etwas ab, aber mit seinem Einfallsreichtum wie dem plötzlichen Rückfall eines Erwachsenen in den Babystatus oder Kunstwerken, die durch ihre Betrachtung sättigende Wirkung haben, und seiner Fabulierfreude bietet "Nebesa" doch auch hier saftige Kinounterhaltung.


Weitere Berichte zum 74. Locarno Film Festival:

- Vorschau - Eröffnungsfilm "Beckett" - Stefan Ruzowitzkys "Hinterland" - "Petite Solange" und "Soul of a Beast" (Wettbewerb)

- Sis corrents dies", "Gerda", "After Blue - Paradis sale" (Wettbewerb) - "Monte Verità", "La place d´une autre", "Niemand ist bei den Kälbern" - Shawn Levys "Free Guy" und Mamoru Hosodas "Belle" - Peter Brunners "Luzifer" und Alexander Zeldovichs "Medea"

- Abel Ferraras "Zeros and Ones"

- Bilanz des 74. Locarno Film Festivals - Die Preisträger