• Walter Gasperi

75. Locarno Film Festival: Eine Vorschau

Aktualisiert: vor 5 Tagen


Morgen (3.8.) beginnt das 75. Locarno Film Festival (3.8. - 13.8. 2022) mit David Leitchs Action-Komödie "Bullet Train". Neben Piazza Grande und Internationalem Wettbewerb gibt es die gewohnten weiteren Sektionen und eine große Douglas-Sirk-Retrospektive. Insgesamt dürfte auch wieder das Genrekino, das sonst auf Festivals ein Schattendasein führt, im Programm des künstlerischen Leiters Giona A. Nazzaro seinen Platz finden.


Während man sich bei anderen großen Festivals an renommierten Namen orientieren kann, fällt diese Möglichkeit in Locarno weitgehend weg. Unbekannte Regisseure dominieren das abendliche Open-Air-Programm der prächtigen Piazza Grande und den internationalen Wettbewerb.


Ein wahres Meisterwerk der Filmkunst wird freilich schon als Pre-Opening in der Sparte "Histoire(s) du Cinéma" mit David Wark Griffiths Stummfilm "Broken Blossoms" gezeigt.


Die eigentliche Eröffnung auf der Piazza Grande erfolgt dann mit der internationalen Premiere von David Leitchs "Bullet Train". Wie im letzten Jahr mit der dürftigen Netflix-Produktion "Beckett" setzt Nazarro damit zum Auftakt wieder auf einen Actionfilm.


Insgesamt 17 Filme werden über 10 Tage auf der Piazza gezeigt. Unter den zehn Weltpremieren finden sich auch drei Debüts, aber anlässlich der Verleihungen von Ehrenpreisen an Laurie Anderson und Costa Gavras werden auch deren "Home of the Brave" (1986) und "Compartiment Tueurs" (1965) gezeigt. Und auch die Retrospektive ist hier mit Douglas Sirks grandiosem Meisterwerk "Imitation of Life" (1959) vertreten.


Der Bogen der aktuellen Produktionen spannt sich von den italienischen Produktionen "Delta" und "Piano Piano" über zwei französische ("Une Femme de notre temps" und "Annie Colère") und zwei US-Produktionen ("Paradise Highway" und die Bestseller-Verfilmung "Where the Crawdads Sing - Der Gesang der Flusskrebse") bis zum israelischen Film "My Neighbor Adolf".


Wie gewohnt feiern in diesem Rahmen auch Schweizer Filme ihre Weltpremieren. Neben Caterina Monas Debüt "Semret" wurde so mit André Schäfers "Alles über Martin Suter. Außer die Wahrheit" auch ein Dokumentarfilm über den Schweizer Schriftsteller eingeladen. Fast nie fehlen darf auf der Piazza auch Deutschland, das mit Kilian Riedhofs "Vous n´aurez pas ma haine" wenigstens eine Koproduktion beisteuert.


17 Weltpremieren bietet der Wettbewerb um den Goldenen Leoparden. Mit dem Russen Alexander Sokurov, der seinen neuen Film "Skazka – Fairytale" präsentiert, findet sich hier auch ein großer Name des Weltkinos. Mit Nikolaus Geyrhalter und Ruth Mader ist auch Österreich mit zwei renommierten Regisseur*innen vertreten. Geyrhalter präsentiert mit seinem Dokumentarfilm "Matter out of Place" eine Bestandsaufnahme des Abfalls an den entferntesten Orte der Welt und Mader entführt in "Serviam – Ich will dienen" in ein katholisches Mädcheninternat in der Nähe von Wien, in dem eine Nonne gegen den Untergang des Glaubens kämpft.


Aus der Schweiz wurde "De noche los gatos son pardos" von Valentin Merz eingeladen, zahlenmäßig stark vertreten ist Deutschland mit Ann Orens "Piaffe" und Helena Wittmanns "Human Flowers of Flesh". Der Fokus liegt mit weiteren Produktionen aus Frankreich, Italien und Belgien klar auf Europa, Nordamerika fehlt völlig, Asien ist mit einer indischen, einer malayischen und einer libanesischen Produktion vertreten.


Auf Entdeckungsreise kann man auch im Concorso Cineasti del presente gehen, in dem 17 Filme von noch weitgehend unbekannten Regisseuren als Weltpremiere gezeigt werden. Einen Blick auf den Filmnachwuchs ermöglicht dagegen die Sektion "Pardo di domani".


Dazu kommt eine Reihe von Weltpremieren in "Fuori concorso" und in der Sparte "Historie(s) du cinéma" wird anlässlich von Preisverleihungen mit ausgewählten Filmen Einblick in das Werk der Geehrten geboten. Die Verleihung des Ehrenleoparden an Kelly Reichardt wird so von der Vorführung von "Meek´s Cutoff" (2010) und "Night Moves" (2013), aber leider nicht von ihrem neuen Film "Showing Up" begleitet.


Aus Anlass des Premio Raimondo Rezzonico an den Produzenten Jason Blum kann man nochmals Jordan Peeles "Get Up" und M. Night Shyamalans "Split" sehen und die Verleihung des Vision Award Ticinomoda an Laurie Anderson wird begleitet von der Vorführung von "Heart of a Dog" (2015) und "Home of the Brave" (1986) begleitet. Auch die Verleihung des Pardo alla carriera an Constantin Costa-Gavras wird mit "Compartiment Tueurs" (1965) und "Un homme de trop" (1967) von zwei Filmen gerahmt und Matt Dillons Regiearbeit "City of Ghosts (2002) und Gus van Sants "Drugstore Cowboy" (1989) werden anlässlich der Verleihung des Lifetime Achievement Award an Matt Dillon gezeigt.


Auch ältere Schweizer Filme werden in restaurierten Fassungen präsentiert und das "Panorama Suisse" mit 14 Filmen bieten einen Einblick in das aktuelle Schweizer Filmschaffen. Der Bogen spannt sich hier in von der Schweiz schon in den Kinos gelaufenen Filmen wie Eva Vitijas "Loving Highsmith", Elie Grappes "Olga" oder Maria Brendles starken mittellangen Film "Ala Kachuu – Take and Run" bis zu erst im Herbst anlaufenden Filmen wie Michael Kochs bei der Berlinale teils hochgelobtem "Drii Winter".


Zum Glanzstück des Festivals könnte aber die große Retrospektive für Douglas Sirk werden. Hier wird nicht nur das gesamte Werk des Meisters des Melodrams vorgestellt, sondern auch stark von ihm geprägte Filme wie Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" (1974) oder Todd Haynes´ "Far from Heaven" (2002) werden gezeigt.

Weitere Berichte zum Locarno Film Festival 2022:

- Eröffnungsfilm "Bullet Train"

- Asiatische Wettbewerbsfilme "Ariyippu - Declaration" und "Stone Turtle"

- Toxische Männlichkeit: "Saturne Bowling", "Der Gesang der Flusskrebse", "Nação Valente"

- Vorhölle und Mittelalter: "Skazka" von Alexander Sokurov und "Il Pataffio" von Francesco Lagi - Teenagergeschichten: Sylvie Verheydes "Stella est amoureuse" und Julie Lerat-Gersants "Petites" - Meditativer Bilderfluss und Antikrimi: Helena Wittmanns "Human Flowers of Flesh" und Alessandro Comodins "Gigi la legge" - Smarte und herzerwärmende Piazza-Filme: "My Neighbor Adolf" und "Last Dance" - Österreichische Filme im Wettbewerb: Ruth Maders "Serviam - Ich will dienen" und Nikolaus Geyrhalters "Matter Out of Place"

- "Tengo suenos electricos" von Valentina Maurel und "Piaffe" von Ann Oren

- Preisträger und Resümee