• Walter Gasperi

75. Locarno Film Festival: Starker Wettbewerbsstart mit asiatischen Filmen

Aktualisiert: vor 5 Tagen


Mit dem sozialrealistischen indischen Drama "Ariyippu – Declaration" und der bildschönen und atmosphärisch-dichten malaiischen Rachegeschichte "Stone Turtle" startete der Wettbewerb um den Goldenen Leoparden.


Dass das indische Kino auch ganz anderes als Bollywood zu bieten hat, beweist Mahesh Narayanan mit "Ariyippu – Declaration". Quasidokumentarisch ist sein Blick auf die Produktionsprozesse und Arbeitsbedingungen in einer Fabrik für Gummihandschuhe. Dass – abgesehen vom Ende – auf Filmmusik verzichtet wird, verstärkt den nüchtern-sachlichen Erzählton, Gesichtsmasken wegen der Covid-19 Pandemie verankern das Drama zudem klar in der Gegenwart.

Verbunden wird diese Arbeitswelt mit der Geschichte eines Paares, das aus dem südindischen Kerala nach Dehli emigriert ist und von einer Weiterreise ins Ausland träumt. Mann und Frau arbeiten nun in dieser Fabrik, doch ihre Ehe wird erschüttert, als über soziale Netzwerke ein Video verbreitet wird, das scheinbar die Frau bei einem Blow-job an ihrem Arbeitsplatz zeigt.


Während die Frau abstreitet, im Video zu sehen zu sein, will der Mann den Schuldigen finden und das Unternehmen versucht den Vorfall zu vertuschen. Beiläufig deckt Narayanan nicht nur erschwerte Arbeitsbedingungen durch Ausfälle von Mitarbeiter*innen aufgrund der Pandemie und Fremdenfeindlichkeit der Arbeiter*innen gegenüber dem südindischen Paar auf, sondern auch das Machtgefälle zwischen Führungsetage und einfachen Arbeiter*innen, die sich bei jedem Arbeitsbeginn einer Leibesvisitation unterziehen müssen, Korruption und Vertuschung.


Aber auch beim Gang zur Polizei wird die schwache Position des Paares sichtbar, wenn es bei der Aufgabe der Anzeige bald selbst fast zum Beschuldigten und Verhörten wird. Gleichzeitig wird aber auch die Unterdrückung der Frau durch ihren Mann sichtbar, bis dieses Paar schließlich entscheiden muss, ob es das eigene Glück oder das Gewissen wichtiger ist.


Nicht alles mag in diesem Drama, das in der Thematisierung moralischer Dilemmata teilweise an die Filme des Iraners Ashgar Farhadi erinnert, gelungen sein. Zu viel packt Narayanan wohl hinein und die Verbindung von privater Geschichte und Schilderung der Arbeitswelt glückt nicht wirklich. Stark ist dieser Film in seinem ungeschönten Realismus, seinem genauen Blick und dank überzeugender Schauspieler*innen aber dennoch.


Schwerer zugänglich ist "Stone Turtle" des Malaien Ming Jing-Woo, erzeugt aber durch starkes Sounddesign und Kameraarbeit eine dichte Atmosphäre. Vieles lässt Woo schon in der verkürzten Exposition offen, in der eine Frau von ihrem Vater wegen Verletzung der Familienehre bei einem Ritual mit einem Stein erschlagen wird. Offen bleibt auch, wieso die Schwester der Getöteten mit der inzwischen Zehnjährigen Nika nach Malaysia geflohen ist, wo das Mädchen als Flüchtling nicht in die Schule aufgenommen wird.


Zurückgezogen lebt die Frau mit Nika auf einer Insel vom illegalen Raub und Verkauf von Schildkröteneiern. Als ein Fremder auftaucht, soll sie diesen durch die Insel führen, doch bald wird klar, dass dieser nicht auf der Suche nach Schildkröten ist, sondern vielmehr nach seinem auf der Insel verschwundenen Bruder sucht, der ihm als Geist erscheint.


Mehrfach bricht Woo die Geschichte abrupt ab, lässt sie nochmals beginnen und dann doch mit geringen Variationen gleich ablaufen. Niemand scheint hier seinem Schicksal entkommen zu können. Gleichzeitig lässt der Malaie aber auch mit den Ritualen der Protagonistin sowie der mythischen Geschichte einer Schildkröte und der Comic-Begeisterung des Mädchens Tradition und Moderne aufeinandertreffen und entwickelt mit der Klärung der Vorgeschichte auch eine weibliche Rachegeschichte an einer machistischen Männerwelt.


Im Mix aus Realismus und Magisch-Mythischem, aber auch in den Wiederholungen und Variationen ist "Stone Turtle" offen für viele Interpretationen, bleibt bis zum Ende rätselhaft, regt aber gerade dadurch zu Diskussionen und einer weiteren Sichtung an.



Weitere Berichte zum Locarno Film Festival 2022:

- Vorschau auf das 75. Locarno Film Festival - Eröffnungsfilm "Bullet Train"

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- "Tengo suenos electricos" von Valentina Maurel und "Piaffe" von Ann Oren

- Preisträger und Resümee