75. Locarno Film Festival: Smartes und Herzerwärmendes auf der Piazza

Aktualisiert: 13. Aug.


Besondere Anforderungen stellt die Programmierung der Piazza Grande, denn hier soll sowohl großes Kino für 7000 Zuschauer*innen als auch gewisses Niveau geboten werden. Zudem soll es sich bei den Filmen wenn möglich um Weltpremieren handeln: Kleine Filme sind so zwar Leon Prudovskys "My Neighbor Adolf" und Delphine Lehericeys "Last Dance", bereiten aber in ihrer Warmherzigkeit und der runden Inszenierung großes Vergnügen.


Ziemlich frech – geradezu von jüdischem Witz durchzogen – ist die Ausgangssituation von Leon Prudvoskys "My Neighbor Adolf". Denn Mr. Polsky (David Hayman), der als einziger seiner Familie den Holocaust überlebt hat, muss nach seiner Emigration ins ländliche Kolumbien Anfang der 1960er Jahre doch tatsächlich annehmen, dass ausgerechnet Adolf Hitler das Haus neben ihm gekauft hat. Befeuert wird sein Verdacht auch dadurch, dass die Zeitungen gerade von der Entführung Adolf Eichmanns durch den israelischen Geheimdienst berichten.


Weil die israelische Botschaft auf seinen Verdacht nicht reagiert, beginnt Mr. Polsky selbst zu recherchieren und mit Fotoapparat wie einst James Stewart in "Das Fenster zum Hof" seinen Nachbarn (Udo Kier) zu beobachten. Sukzessive scheint sich sein Verdacht, der auch auf einer eigenen Begegnung mit Hitler während einer Schachmeisterschaft 1934 beruht, zu erhärten. Als es aber zu persönlichem Kontakt kommt und die beiden alten Herren sich im Schach messen, kommen Mr. Polsky doch wieder Zweifel auf und die Vorurteile zerbröckeln – zumindest vorübergehend.


Großartig spielt Prudovsky lange mit dem Geheimnis um die Identität dieses Nachbarn, lässt bis kurz vor Ende auch das Publikum geschickt im Ungewissen, bis eine überraschende Lösung präsentiert wird. Bauen kann der in Russland geborene Israeli dabei auf zwei wunderbare Hauptdarsteller, denen er viel Raum lässt, ihren Charakteren Profil zu verleihen.


Eindrücklich vermittelt so David Hayman Mr. Polskys nie überwundenes Trauma des Verlusts seiner Familie und seine tiefe Verbitterung. Wunderbar undurchsichtig bleibt der hinter einem weißen Rauschebart kaum wieder zu erkennende Udo Kier. Ganz im Stile Hitlers herrisch legt der deutsche Schauspieler diesen Nachbarn an, wenn er seiner resoluten Assistentin Frau Kaltenbrunner oder seinem Schäferhund Wolfie auf Deutsch Befehle erteilt, andererseits sehr feinfühlig, wenn er mit Mr. Polsky bei Schnaps und Schach zusammensitzt.


Rundes und warmherziges Feelgood-Kino bietet auch Delphine Lehericeys "Last Dance", in dessen Mittelpunkt der 75-jährige Germain (Francois Berleand) steht. Im Gegensatz zu seinem kontemplativen Lebensstil stürzt sich seine Frau Lise gerade in eine neue Theaterproduktion der Choreografin La Ribot. Doch dann stirbt Lise plötzlich und Germain will das sich einst gegenseitig gegebene Versprechen, das letzte Vorhaben des jeweils anderen zu vollenden, erfüllen.


Hindernis dabei sind aber seine überfürsorglichen erwachsenen Kinder ebenso wie eine Nachbarin, die ihn ständig bekocht. Fast erdrückt fühlt er sich von diesen Helikopterkindern, die für sein Pochen auf Autonomie und Selbstständigkeit kein Gehör haben.


Geheimhalten muss er so seine Teilnahme an den Theaterproben. Ungelenk stellt er sich dort zwar zunächst an, doch La Ribot findet ebenso wie die anderen Tänzer*innen an dem Pensionisten Gefallen. Dieser wird nicht nur langsam lockerer, sondern findet auch zunehmend Spaß am Tanz. Gleichzeitig führt seine häufige Abwesenheit von Zuhause freilich auch zu Missverständnissen und kleinen Tricks und Täuschungen, mit denen er seine Angehörigen hinters Licht führt.


Ein klassisches, von einem mit Gefühl und Leidenschaft spielenden Ensemble getragenes Feelgood-Movie ist das: Liebevoll im Blick auf die Menschen, die Bedürfnisse Germains ebenso ernst nehmend wie die Sorgen seiner Angehörigen, vor allem aber das Leben und den Tanz feiernd und gleichzeitig von einer großen lebenslangen Liebe erzählend, verbreitet "Last Dance" viel Lebensfreude. – Vorwerfen kann man dieser kleinen Perle zwar seine Glätte und Harmoniesucht, doch angesichts eines insgesamt eher mäßigen Piazza-Programms ist dies bislang dennoch der große Favorit für den Publikumspreis.



Weitere Berichte zum Locarno Film Festival 2022:

- Vorschau auf das 75. Locarno Film Festival

- Eröffnungsfilm "Bullet Train"

- Asiatische Wettbewerbsfilme "Ariyippu - Declaration" und "Stone Turtle"

- Toxische Männlichkeit: "Saturne Bowling", "Der Gesang der Flusskrebse", "Nação Valente"

- Vorhölle und Mittelalter: "Skazka" von Alexander Sokurov und "Il Pataffio" von Francesco Lagi

- Teenagergeschichten: Sylvie Verheydes "Stella est amoureuse" und Julie Lerat-Gersants "Petites"

- Meditativer Bilderfluss und Antikrimi: Helena Wittmanns "Human Flowers of Flesh" und Alessandro Comodins "Gigi la legge"

- Österreichische Filme im Wettbewerb: Ruth Maders "Serviam - Ich will dienen" und Nikolaus Geyrhalters "Matter Out of Place"

- "Tengo suenos electricos" von Valentina Maurel und "Piaffe" von Ann Oren

- Preisträger und Resümee