• Walter Gasperi

75. Locarno Film Festival: In Vorhölle und Mittelalter

Aktualisiert: 13. Aug.


Mit besonderer Spannung erwartet wurde im Wettbewerb Alexander Sokurovs "Skazka – Fairytale". Während der russische Meisterregisseur Hitler, Mussolini, Stalin und Churchill in einer Vorhölle aufeinandertreffen lässt, entführt der Italiener Francesco Lagi in "Il Pataffio" in ein schmutziges und derbes Mittelalter.


In Locarno gelang Alexander Sokurov 1987 mit dem Bronzenen Leoparden für "Die einsame Stimme des Menschen" der internationale Durchbruch. Skeptisch darf man aber sein, wenn ein inzwischen anerkannter und vielfach preisgekrönter Meisterregisseur seinen neuen Film "Skazka – Fairytale" am Lago Maggiore und nicht beim in wenigen Wochen beginnenden Filmfestival von Venedig zeigt.


Tatsächlich löst dann das neueste Werk Sokurovs mehr Irritation als Begeisterung aus. Wie eine Appendix zu seiner Tetralogie der Macht und des Bösen, in der er Hitler ("Moloch"), Lenin ("Taurus") und den japanische Kaiser Hirohito ("Die Sonne") porträtierte und die er mit einer eigenwilligen Verfilmung von "Faust" abschloss, wirkt nun der nur 78-minütige "Skazka".


Mit einem mächtigen Gewitter – oder ist es ein Vulkanausbruch ? – versetzt Sokurov die Zuschauer*innen in eine Vorhölle, die an die isländische Unterwelt aus "Faust" erinnert. Hier allerdings ist alles animiert, bestimmt von schwarzweißen Bleistiftzeichnungen. Auf die Tetralogie der Macht scheint der Film auch zu rekurrieren, indem in dieser Unterwelt Hitler, Mussolini, Stalin und Churchill vor dem Tor zum Himmel aufeinandertreffen. Kurz treten auch Jesus dazu, der sich vom Totenbett erhebt, und Napoleon, der über seinen Moskaufeldzug spricht.


Im Gegensatz zum gezeichneten Christus und Napoleon treten die Mächtigen des 20. Jahrhunderts in unterschiedlichen, wohl digital bearbeiteten Archivaufnahmen auf und dreschen endlos weiter ihre Phrasen. Da faselt Mussolini vom Römischen Reich, Churchill denkt immer wieder an das British Empire und die Queen, Hitler an die deutsche Großmacht und Stalin an den Kommunismus.


So wenig sie aber untereinander kommunizieren, so wenig kommunizieren sie auch mit dem Volk, das als Menschenmasse zwischen ihnen durchfließt und aus dem heraus einzig einmal eine "deutsche Braut" oder eine "russische Tochter" oder halbverweste Soldaten, die sich wieder erheben, herausstechen.


Im Repetitiven tritt zwar die Inhaltslosigkeit der Phrasen zu Tage und die Mächtigen werden damit bloßgestellt, doch darüber hinaus kristallisiert sich kaum ein Inhalt heraus, sodass die Sichtung von "Skazka" trotz seiner Kürze eine ziemlich mühsame Angelegenheit ist.


Einfacher gebaut ist da schon der italienische Wettbewerbsbeitrag "Il Pataffio". Aber wie bei den Meisterregisseuren sollte man in Locarno auch immer bei italienischen Filmen skeptisch sein: Wieso sollte auch ein herausragender italienischer Film im Wettbewerb des Schweizer Festivals und nicht kurz darauf in Venedig laufen.


In ein schmutziges und schmuckloses, nicht näher definiertes Mittelalter entführt so Francesco Lagi in seiner Verfilmung von Luigi Malerbas 1978 erschienenem Roman. Ein durch Heirat mit einer korpulenten Fürstentochter selbst zum Burgherrn aufgestiegener Mann ist hier mit einem Trupp abgehalfterter Soldaten, einem Schreiber und einem Mönch unterwegs zu seiner neuen Festung. Doch einerseits kommt er zunächst zur falschen Burg, von der er vertrieben wird, andererseits erweisen sich seine eigene Burg als verfallen und seine Untertanen als völlig verarmt.


An Monty Pythons "Die Ritter der Kokosnuss" erinnert "Il Pataffio" mit seiner Lust an derben Scherzen. Da wird nämlich gefurzt und gerülpst, die Heerführer fällen Entscheidungen auf Basis eines Kinderreims und während der Burgherr an Kämpfe und Macht denkt, erfüllt der Mönch den Wunsch der Gräfin nach Sex.


Eine Satire auf Machtstreben und Scheinheiligkeit der Kirche soll das wohl sein, doch jeder Biss fehlt diesem fast zweistündigem Film und kaum ein Witz zündet, sodass sich die Handlung schwerfällig und spannungslos dahinzieht. – So bestätigt auch "Il Pataffio" ein weiteres Mal, dass Skepsis gegenüber italienischen Wettbewerbsfilmen in Locarno berechtigt ist..



Weitere Berichte zum Locarno Film Festival 2022:

- Vorschau auf das 75. Locarno Film Festival

- Eröffnungsfilm "Bullet Train"

- Asiatische Wettbewerbsfilme "Ariyippu - Declaration" und "Stone Turtle"

- Toxische Männlichkeit: "Saturne Bowling", "Der Gesang der Flusskrebse", "Nação Valente"

- Teenagergeschichten: Sylvie Verheydes "Stella est amoureuse" und Julie Lerat-Gersants "Petites" - Meditativer Bilderfluss und Antikrimi: Helena Wittmanns "Human Flowers of Flesh" und Alessandro Comodins "Gigi la legge" - Smarte und herzerwärmende Piazza-Filme: "My Neighbor Adolf" und "Last Dance" - Österreichische Filme im Wettbewerb: Ruth Maders "Serviam - Ich will dienen" und Nikolaus Geyrhalters "Matter Out of Place"

- "Tengo suenos electricos" von Valentina Maurel und "Piaffe" von Ann Oren

- Preisträger und Resümee