• Walter Gasperi

Antidramatisches Kino der Entschleunigung: Die Filme der Kelly Reichardt


Kelly Reichardt (geb. 3.3. 1964)

Schmal ist das Werk der 1964 geborenen Kelly Reichardt, dennoch gehört die Amerikanerin unbestritten zu den großen Regisseurinnen des unabhängigen Kinos. Das St. Galler Kinok widmet Reichardt anlässlich des Starts ihres neuen Films "First Cow" eine Retrospektive mit allen sieben bisher entstandenen Langfilmen.


Nicht in den großen Metropolen der USA spielen die Filme der aus Florida stammenden Kelly Reichardt, sondern entführen oft in die Wälder und in den am Rande der Großmacht gelegenen Westküstenstaat Oregon. Der Schauplatz ergibt sich aus ihrer Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Jonathan Raymond, der mit der Ausnahme von "Certain Women" (2016) für alle Filme Reichardts seit "Old Joy" die Vorlage lieferte und mit der Regisseurin jeweils die Drehbücher schrieb.


Doch nicht nur geographisch führen die Filme Reichardts an den Rand der USA, sondern auch sozial, denn immer wieder stehen Außenseiter oder Menschen, die oft übersehen werden, im Zentrum, wie die obdachlose Wendy in "Wendy and Lucy" (2008) oder ein Koch und ein chinesischer Immigrant im Western "First Cow" (2020).


Mit dieser Lösung von den klassischen Schauplätzen und Charakteren des US-Mainstream-Kinos geht auch eine Abwendung von dessen Erzählweise einher. Der temopreichen, durchgetakteten und auf dramatische Höhepunkte ausgerichteten Narration stellt Reichardt Entschleunigung und genaue Beobachtung entgegen. Sie richtet den Blick auf die Figuren und Szenen, die sonst unbeachtet bleiben, interessiert sich nicht für Spektakel, sondern für Alltägliches.


Schon die ersten Einstellungen von "Certain Women" und "First Cow" stimmen mit einem in statischer Einstellung minutenlang sich durch eine Weidelandschaft in Montana nähernden Zug bzw. mit einem langsam passierenden Lastschiff auf diesen Rhythmus ein. Keine großen Geschichten entwickelt Reichardt dabei, sondern unvermittelt setzen ihre Filme immer wieder ein und enden offen.


Mitten im Treck durch die Prärie Oregons sind so die drei Familien in der Mitte des 19. Jahrhunderts unterwegs, wenn "Meek´s Cutoff" (2010) einsetzt. Nichts erfährt man über ihre Vorgeschichte, ganz auf den schwierigen Weg und alltägliche Verrichtungen konzentriert sich der Film. Gibt zunächst der Trapper Meek den Weg vor, so stellen sich langsam Zweifel an dessen Zuverlässigkeit ein. Zunehmend treten damit auch die Frauen in den Vordergrund, bestimmen das weitere Handeln und stellen der Feindseligkeit Meeks gegenüber einem Indianer auch den Versuch der Kommunikation gegenüber.


Wie Reichardt mit "Meek´s Cutoff" in der Bildgestaltung an klassische Western von John Ford anknüpft, gleichzeitig aber durch die weiblichen Protagonistinnen, Erzählrhythmus und Wahl des engen Bildformats 4:3 auch mit den Konventionen dieses männerdominierten Genres bricht, spielt sie auch im ebenfalls im 4:3-Format gedrehten "First Cow" (2020) mit diesem Genre, wenn sie keine Revolverhelden und Cowboys einen Koch und einen Chinesen ins Zentrum stellt.


Statt Duellen stehen auch hier alltägliche Verrichtungen wie Reinigen des Hauses oder Backen von Keksen im Zentrum, Schüsse fallen nur einmal in der Ferne und eine Verfolgungsjagd wird konsequent ausgespart. Von feinem Humor durchzogen erzählt Reichardt so mit empathischem Blick einerseits von einer innigen – für einen Western höchst ungewöhnlichen – homoerotischen Freundschaft und gleichzeitig von den Wurzeln des Kapitalismus.


In der Gegenwart mögen zwar die drei nur beiläufig verbundenen Episoden von "Certain Women" spielen, bei denen Reichardt auf Kurzgeschichten der aus Montana stammenden Schriftstellerin Maile Meloy zurückgriff, doch auch hier spielt die US-Geschichte und die Eroberung des Westens herein, wenn Indianer in ihrer traditionellen Kleidung in einer Shopping Mall tanzen, die Sandsteine einer Schule aus der Gründerzeit für ein Wochenendhaus verwendet werden und sich eine junge Native American auf einer Ranch um die Pferde kümmert.


Wie in "First Cow" erzählt Reichardt auch in "Certain Women" mit der Geschichte von einer Anwältin (Laura Dern) und ihrem Klienten, einer Geschäftsfrau (Michelle Williams) und einem alten Mann sowie einer Aushilfslehrerin (Kristen Stewart) und einer Native American von ungleichen Beziehungen. Auch hier passiert nichts Dramatisches, aber gerade in seiner Einfachheit und Gelassenheit geht dieser Film tiefer als all die aufgeblasenen Spektakel, wirkt nah am Leben, echt und unverfälscht und macht in vielen Aufnahmen durch Fensterscheiben auch die Isolation der Protagonistinnen spürbar.


So offen wie diese Episoden beginnen und enden, ist auch "Wendy and Lucy" (2008) in dem die junge Wendy (Michelle Williams) in ihrem klapprigen Honda Accord mit ihrem Hund Lucy von Indiana nach Alaska unterwegs ist, wo sie hofft Arbeit zu finden. Reichardt entwickelt aber kein Road-Movie, sondern konzentriert sich auf den Stopp in Oregon, wo Wendys Wagen nicht mehr anspringt. Unaufgeregt und ohne zu lamentieren, aber mit genauem Blick wird dem reichen Amerika der übervollen Regale der Supermärkte die Welt der Obdach- und Arbeitslosen gegenübergestellt.


Am stärksten dem Mainstream-Kino näherte sich Reichardt mit dem ebenfalls in Oregon spielenden Umweltthriller "Night Moves" (2013). Auf klassischen Suspense wird bei dieser Geschichte um drei Aktivist*innen, die einen Staudamm sprengen nicht verzichtet, doch auch hier setzt die 57-jährige Amerikanerin nicht auf Tempo und Action, sondern auf genaue Beobachtung und langsamen Erzählrhythmus. Packend wird so die Frage nach richtigem politischen Handeln diskutiert und gezeigt, wie nach der Tat eine Rückkehr ins normale Leben nicht mehr möglich ist.


Beim großen Publikum konnte Reichardt mit ihren spektakulär unspektakulären Filmen freilich kaum reüssieren, sodass sich die Finanzierung ihrer Projekte oft schwierig gestaltete. Zwölf Jahre vergingen so zwischen ihrem in Florida spielenden Debüt "River of Grass" (1994), in dem eine junge Mutter aus Ehe und Familie ausbricht, und ihrem zweiten Spielfilm "Old Joy" (2006). Nur der mittellange "Ode" (1999) und die beiden Kurzfilme "Then a Year" (2001) und "Travis" (2004) entstanden in der Zwischenzeit, doch mit "Old Joy", für den sie erstmals eine Kurzgeschichte von Jonathan Raymond adaptierte, erregte sie internationale Aufmerksamkeit.


Seit diesem Film über zwei alte Freunde, die sich nach langer Zeit wiedersehen und in Oregon zu einem Camping-Trip zu in den Wäldern gelegenen heißen Quellen aufbrechen, kann Reichardt kontinuierlich Filme drehen. So befindet sich ihr neuester Film "Showing Up" schon in der Postproduktion, dennoch lehrt sie neben ihrer Tätigkeit als Filmemacherin weiterhin als Dozentin unter anderem an der New York University sowie am Bard College im Bundesstaat New York.


Zehnminütiges Feature über die Filme Kelly Reichardts