• Walter Gasperi

First Cow


Kelly Reichardt erzählt von einem amerikanischen Koch und einem chinesischen Migranten, zwischen denen sich im frühen 19. Jahrhunderts im Nordwesten der USA eine Freundschaft entwickelt, und von der nicht ganz legalen Geschäftsidee des Duos. – Ein wunderbar einfacher, entspannter und reduzierter Western, in dem es in der kleinen Geschichte auch um die Entstehung des Kapitalismus geht.


Schon die erste lange statische Einstellung, in der die Kamera von Christopher Blauvelt ein Lastschiff erfasst, das in einem Flussmündungsgebiet langsam das Bild von links nach rechts durchquert, stimmt auf den langsamen und entspannten Erzählrhythmus ein. Am Ufer findet eine junge Frau, die mit ihrem Hund spaziert, einen Schädel, gräbt mit den Händen nach und legt zwei Skelette frei.


Von dieser Rahmenhandlung in der Gegenwart, die die Frage aufwirft, welche Geschichte wohl hinter den beiden Toten steckt, blendet Kelly Reichardt, die für "First Cow" zusammen mit dem Autor Jonathan Raymond dessen Roman "The Half-Life" adaptierte, rund 200 Jahre zurück. Der Koch Otis Figowitz (John Magaro) zieht mit einer Gruppe Pelztierjäger durch die Wälder von Oregon. Bei seiner Nahrungssuche stößt er auf den Chinesen King Lu (Orion Lee), der auf der Flucht vor einem Trupp von Russen ist. Figowitz versteckt den Chinesen, doch dann trennen sich ihre Wege vorerst.


Im Gegensatz zur Breitwand der klassischen Western lässt Reichardt im engen 4:3-Format, das sie schon im "Frauen-Western" "Meek´s Cutoff" verwendete, kein Gefühl für Weite aufkommen. Verstärkt wird dieses Gefühl der Enge am Beginn noch durch den dichten Wald und das hohe Farn. Auch die Nähe zu den Figuren, die kaum einmal den Blick auf den Himmel öffnet, die dunklen Braun-, Grün- und Blautöne sowie die schäbige und zerlumpte Fellkleidung oder löchrige Schuhe verbreiten nichts von der Aufbruchsstimmung, die dieses Genre ansonsten dominiert.


Auch der letzte Außenposten der Zivilisation macht einen bescheidenen Eindruck. In baufälligen Holzhütten oder Zelten wohnt die multikulturelle Bevölkerung, zu der neben einem Afroamerikaner, Chinesen und Indigenen beispielsweise auch ein Brite gehört. Schlamm bestimmt das Straßenbild und auch der Saloon, in dem Karten gespielt wird, macht einen zeimlich schäbigen Eindruck. Einzig der Chief Factor (Toby Jones) verfügt in dieser Region, in der Naturalienhandel mindestens noch gleichwertig neben der Geldwirtschaft steht, über ein elegantes Landhaus und er holt auch die erste Kuh in diese Region.


Zufällig begegnet Figowitz in diesem Kaff King Lu wieder und der Koch zieht in der Hütte des Chinesen ein. Zeit lässt sich Reichardt zu zeigen, wie Figowitz die Hütte verschönert, indem er den Boden fegt und bald auch Blumen in einer Vase ans Fenster stellt. Zärtlich und empathisch ist der Blick der US-Amerikanerin auf dieses ungleiche Duo, zwischen dem sich eine innige Freundschaft mit homoerotischen Zügen entwickelt. Darauf dass dies das zentrale Thema von "First Cow" wird, hat freilich schon das den Film einleitende Zitat von William Blake "Dem Vogel sein Nest, der Spinne das Netz und dem Menschen die Freundschaft" hingewiesen.


Nicht nur viel Zeit lässt Reichardt in den langen und ruhigen Einstellungen dem Zuschauer zum Schauen und Entdecken, sondern bleibt auch ganz zurückhaltend in der Schilderung dieser Freundschaft, beschränkt sich auf kleine Gesten und Blicke und die Dialoge, in denen das ungleiche Duo Einblick in seine Träume bietet.


Gerade das Alltägliche, das im Western in der Regel ausgespart wird, interessiert Reichardt. Folglich zeigt sie auch nicht King Lus Sturz von einem Baum, eine Schlägerei oder eine Verfolgung, sondern widmet sich lieber dem Sammeln von Pilzen, Beeren oder Haselnüssen, dem Melken einer Kuh oder dem Schlagen von Eiern. Gerade in diesem warmherzigen und geduldigen Blick auf das scheinbar Unwichtige und diese Randfiguren der Gesellschaft und des klassischen Western entwickelt dieser Film seine berührende, von sanftem Humor durchzogene Kraft.


Als Land, in dem die Geschichte erst begonnen hat und noch alles möglich ist, sieht King Lu die USA und stellt sich vor, wie man hier Geschäfte machen kann. Während er wagemutig ist, zeigt sich der feminine Otis eher ängstlich. Von einem Hotel in San Francisco träumt so der Chinese, bringt aber zunächst einmal die Idee auf, sich mit Milchbrötchen und Honig das Essen zu verbessern. Nötig ist dazu freilich auch Milch, die man heimlich nachts von der Kuh des Chief Factors holt. Während King Lu auf einem Baum Schmiere sitzt, melkt Figowitz und zeigt dabei auch im Umgang mit dem Wiederkäuer seine Feinfühlig- und Zärtlichkeit.


Wird zuerst für den privaten Gebrauch gebacken, versucht das Duo bald damit auf dem Markt ein Geschäft zu machen und nach anfänglicher Skepsis der rauen Dorfbewohner floriert das Geschäft bald. Die einen lässt der Geschmack an die Heimat denken, die anderen an London. Selbst der Chief Factor wird zum begeisterten Kunden, ohne zu merken, dass die leckeren Bäckereien mit der ihm gestohlenen Milch hergestellt werden. Doch wie rasch das Geschäft aufblühts, so rasch bricht es wie ein Kartenhaus auch zusammen, als der Diebstahl auffliegt.


So stellt Reichardt dem Kapitalismus mit dem Streben nach ständigem wirtschaftlichen Wachstum in dieser kleinen Geschichte die - zudem noch Ethnien überschreitende – Freundschaft als wahren Pfeiler der Gesellschaft gegenüber. Nie drängt sich "First Cow" dabei aber dem Publikum auf, sondern bleibt bewusst zurückhaltend und schleicht sich gerade dadurch tief ins Herz und bleibt haften.


Läuft ab 22.7. in den Schweizer Kinos Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: 22.7.


Trailer zu "First Cow"