Scars of Growth
- Walter Gasperi

- vor 13 Minuten
- 3 Min. Lesezeit

Die Europäische Union will den Bergbau forcieren. Aber kann dieser wirklich nachhaltig sein? – Monika Grassl und Linda Osusky spüren in Nordschweden und Südspanien dem Gegensatz zwischen wirtschaftlichen Interessen und Lebensraum der regionalen Bevölkerung nach.
Das 2019 von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vorgestellte Konzept des Green Deals soll den Klimakollaps abwenden, indem Elektroautos und erneuerbare Energien gefördert werden. Doch für diese Technologien sind auch kritische Metalle notwendig. Deshalb sollen auch stillgelegte Minen wiedereröffnet und der Bergbau in Europa ausgebaut werden, um vor allem von China hinsichtlich dieser Rohstoffe unabhängiger zu werden. Galt der Bergbau bisher als besonders umweltbelastend, wird nun aber Nachhaltigkeit versprochen.
Auch Hildegard Bentele setzt sich als CDU-Mitglied des Europäischen Parlaments entschieden für die Annahme des Rohstoffgesetzes ein. Offen gibt sie zu, dass man Bedenken der lokalen Bevölkerung gegen Bergbauprojekte zwar anhöre, diese aber kein völliges Veto-Recht habe. Sie vertritt auch die Meinung, dass durch kein Gesetz die Umsetzung von Bergbauprojekten in Naturschutzgebieten verboten werde.
Monika Grassl und Linda Osusky pendeln zwischen den Sitzungen in Brüssel und den Bergbauprojekten in Nordschweden und Südspanien, gestreift wird auch der geplante Lithium-Abbau auf der Känrtner Koralpe. Bildstarkh vermitteln die Regisseurinnen schon im rasanten Einstieg mit Drohnenaufnahmen, welche Narben diese Eingriffe in der Natur bereits hinterlassen haben.
Während Nikolaus Geyrhalter in "Erde" aber die monumentalen Tableaus der Kupfermine im spanischen Minas de Riotinto oder des Marmorabbaus im italienischen Carrara für sich sprechen lässt, setzen Grassl / Osusky auf eine Off-Erzählerin, die durch den Film führt und Bergwerksvertreter und Politiker ebenso wie Aktivist:innen der lokalen Bevölkerung und Wirtschaftsökonomen interviewt.
Den Erklärungen der Unternehmen, dass die Natur keinen Schaden erleiden werde, steht ein Viehzüchter in Spanien, der seinen Lebensraum durch die Entwicklung bedroht sieht, ebenso gegenüber wie ein Rentierhalter in Nordschweden, der über die zunehmende Einschränkung des Lebensraums der Samen berichtet.
Eingebettet sind diese Interviews in Landschaftsaufnahmen, bei denen der winterlich verschneite Norden einen markanten Kontrast zu den braunen Wiesen des Südens bilden. Immer wieder werden dabei die Aussagen der Bevölkerung konkretisiert, wenn in Nordschweden die Stadt Kiruna verlegt werden muss, und in Südspanien die Verschmutzung der Gewässer aufgezeigt wird.
Eindrücklich zeigen Grassl / Osusky so auf, dass Bergbau nie wirklich nachhaltig sein kann. Sie geben den Indigenen und der lokalen Bevölkerung, die von der Politik und den Unternehmen kaum gehört werden, Raum, um ihre Existenzängste zu artikulieren. Schwache Hoffnung verbreitet "Scars of Growth" dabei, wenn auch der wachsende Protest der Zivilgesellschaft dokumentiert wird.
Mit Interviews mit Wirtschaftsökonomen weitet sich der Blick von den konkreten Bergbauprojekten auf grundsätzliche Fehler im Wirtschaftsdenken. Denn dem Streben nach permanentem Wachstum stellt beispielsweise der Wirtschaftswissenschaftler Timothée Parrique die Meinung gegenüber, dass die Zukunft der Menschheit und der Erde nur in einer freiwilligen Reduktion der Produktion und des Konsums – dem sogenannten Degrowth – liegen kann, ehe das Schrumpfen der Wirtschaft der Menschheit von der Natur aufgezwungen wird.
In seinem Mix aus Off-Erzählerin, Interviews und Landschaftsaufnahmen ist "Scars of Growth" zwar formal ein sehr konventioneller Dokumentarfilm, entwickelt aber durch die Fokussierung auf das Thema Bergbau Dichte und bewegt durch die Schilderung der verheerenden Auswirkungen auf die Betroffenen.
Scars of Growth
Österreich / Deutschland 2024
Regie: Monika Grassl, Linda Osusky
Dokumentarfilm
Länge: 90 min.
Spielboden Dornbirn: Fr 2.1. + Do 8.1. - jeweils 19.30 Uhr (mehrsprachige OmU)
Trailer zu "Scars of Growth"




Kommentare