Marty Supreme
- Walter Gasperi

- vor 8 Stunden
- 3 Min. Lesezeit

Im New York der frühen 1950er Jahre träumt ein junger Schuhverkäufer vom Weltmeistertitel im Tischtennis: Josh Safdies für neun Oscars nominierte Tragikomödie ist keine Erfolgsgeschichte, sondern ein von einem überragenden Timothée Chalamet getragenes, atemloses Porträt eines ebenso überheblichen wie redegewandten Antihelden.
Schon mit der ersten Einstellung wird man auf die Perspektive Marty Mausers (Timothée Chalamet) eingeschworen. Hautnah folgt die Kamera von Darius Khondji dem jungen Mann durch das Lager des Schuhgeschäfts seines Onkels – und wird ihm auch später förmlich im Rücken oder am Gesicht kleben. Eloquent berät Marty seine Kundinnen, bis seine Nachbarin Rachel (Odessa A’zion) ihn sprechen will. Diese ist zwar verheiratet, dennoch verschwindet er mit ihr zum schnellen Sex im Lager.
Zum Vorspann und dem nicht zeitgenössischen, sondern aus den 1980er Jahren stammendem Alphaville-Hit "Forever Young" zeigt Josh Safdie, wie Spermien auf eine Eizelle zusteuern und diese schließlich befruchtet wird. Die damit angedeutete Schwangerschaft Rachels zieht sich durch den Film, doch Marty interessiert seine Freundin nur am Rande, sein Fokus liegt ganz auf seinem Traum von einer Karriere als professioneller Tischtennisspieler. So bestiehlt er auch kurzerhand seinen Onkel, um die Reise zum British Open in London finanzieren zu können, logiert dort aber nicht in der vom Veranstalter zur Verfügung gestellten Unterkunft, sondern nimmt sich eine Suite im Luxushotel Ritz.
Großspurig kündigt er, der sich selbst dem Filmtitel entsprechend für den Besten ("Supreme") hält, seinen Sieg an, wird aber im Finale von einem Japaner, die erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg wieder an einem internationalen Sportturnier teilnehmen dürfen, regelrecht gedemütigt. Revanche will Marty dafür aber unbedingt bei den folgenden Weltmeisterschaften in Tokio nehmen.
Knapp gehalten sind die Tischtennisszenen. Durch schnellen Schnitt werden sie beim Turnier in London geschickt gerafft, mit einer Montagesequenz wird die Tischtennisshow mit den Harlem Globetrotters , die Marty um die halbe Welt führt und bei der mit Miniaturtischen, Kochtöpfen als Schläger oder einer Robbe als Gegner das Publikum unterhalten wird, abgehandelt.
Weitgehend in den Hintergrund rückt das Spiel bis zum Finale, dominiert wird der Film dagegen von der permanenten Geldsuche des mittellosen Marty. Da droht ihm bald Verhaftung wegen des Diebstahls an seinem Onkel, bald zieht er mit seinem Freund in einer Spielhalle als scheinbar unerfahrener Amateur Hobbyspielern das Geld aus der Tasche und dann soll er sich noch gegen gute Bezahlung um den Hund eines Mafiosos (Abel Ferrara) kümmern. Aber auch an einen Industriellen (Kevin O´Leary), mit dessen Frau (Gwyneth Paltrow) er eine Affäre beginnt, schmeißt sich Marty mit einem Geschäftsvorschlag ran.
Mit dynamischer Kamera, schnellen Schnitten und großartigen, ungemein rasanten Dialogszenen, die in ihrer Emotionalität und Intensität teilweise an die Filme von John Cassavetes erinnern, hält Safdie über 150 Minuten das Tempo hoch. Hautnah ist man dran, wenn Marty von einer Szene in die nächste stolpert und die Komödie, bald ins Tragikomische und dann wieder ins Dramatische wechselt, wenn eine Tankstelle in Flammen aufgeht oder ein Farmer zum Gewehr greift.
Dicht wird mit detailreicher Ausstattung, der Dominanz von Braun- und Grüntönen und leicht körnigem 35-mm Film die Stimmung der frühen 1950er Jahre beschworen. Herz und Motor dieses atemlosen Ritts ist aber eindeutig sein Hauptdarsteller Timothée Chalamet, der auch als Koproduzent fungierte.
Alles andere als ein strahlender Held ist sein Marty, dessen Geschichte lose vom Leben des US-amerikanischen Tischtennisspielers Marty Reisman inspiriert ist. Keine Aufstiegsgeschichte wie in anderen Sportfilmen von "Rocky" bis "King Richard" wird hier erzählt. Vielmehr spielt Chalamet seine Figur als unreifes Großmaul und ambivalenten und immer wieder unsympathischen Antihelden.
Kaum akzeptieren wird man nämlich, wie dieser Egomane alle nur benützt und stets auf seinen Vorteil aus ist, andererseits muss man ihn auch dafür bewundern, wie er sich letztlich nicht kaufen lässt und immer offen seine Meinung sagt, auch wenn er damit immer wieder aneckt und sich unbeliebt macht.
Im Kern erzählt die Tragikomödie, in der in Kurzauftritten auch der Filmregisseur Abel Ferrara, der Dramatiker David Mamet und der Hochseilartist Philippe Petit zu sehen sind, aber eine Entwicklungsgeschichte, wenn sich mit dem Ende der Kreis zum Anfang schließt, nun aber Marty offensichtlich gelernt hat, Verantwortung zu übernehmen. Der Schlusssong "Everybody Wants to Rule the World" von Tears for Fears, wiederum ein 1980er Jahre-Hit, scheint sich so auch mehr auf eine Vergangenheit, die er hinter sich gelassen hat, als auf seine Gegenwart zu beziehen.
Marty Supreme
USA 2025
Regie: Josh Safdie
mit: Timothée Chalamet, Gwyneth Paltrow, Odessa A’zion, Kevin O’Leary, Tyler Okonma, Abel Ferrara, Fran Drescher
Länge: 150 min.
läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Cineplexx Lauterach und Cineplexx Hohenems sowie im Skino Schaan (engl. OmU.)
Spielboden Dornbirn: Mi 8.4. + Fr 17.4. - jeweils 9.30 Uhr (engl. OmU.)
Filmforum Bregenz im Parktheater Lindau: Do 30.4., 19.30 Uhr (engl. OmU.)
Trailer zu "Marty Supreme"




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