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Normal

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 54 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit

"Normal" Schwarzhumoriger Actionthriller mit gesellschaftskritischem Subtext
"Normal" Schwarzhumoriger Actionthriller mit gesellschaftskritischem Subtext

Die scheinbar ruhige amerikanische Kleinstadt, in der "Better Call Saul"-Star Bob Odenkirk den Posten als Aushilfs-Sheriff antritt, entpuppt sich bald als hochexplosives Wespennest, in dem auch eine japanische Yakuza-Gang mitmischt: Ben Wheatleys Actionfilm besticht durch schnörkellose Inszenierung, den Mix aus Ernst und schwarzem Humor sowie überraschende Wendungen und prägnante Figurenzeichnung.


Der Brite Ben Wheatley lässt sich in keine Schublade pressen. Nach dem Thriller "Kill List" (2011) und der schwarzen Komödie "Sightseers" (2012) drehte er auch den experimentellen schwarzweißen Historienfilm "A Field in England" (2013), die visuell brillante Dystopie "High-Rise" (2017) und für Netflix ein Remake von Hitchcocks "Rebecca" (2020).


Mit "Normal" kehrt er nun nach dem weitgehend zerrissenen Action-Science-Fiction-Film "Meg 2: Die Tiefe" (2023) und dem Verschwörungsthriller "Bulk" (2025) zum Action-Feuerwerk von "Free Fire" (2016) zurück.


Ganz auf "Better Call Saul"-Star Ben Odenkirk, der auch als einer der Produzenten fungiert, ist "Normal" zugeschnitten. Der Titel bezieht sich auf eine fiktive, rund 1800 Einwohner:innen zählende Kleinstadt in Minnesota, in der freilich nichts normal oder aber das Abnormale zur Normalität geworden ist.


Einen Vorgeschmack auf die kommenden blutigen und brutalen Ereignisse bietet die Auftaktszene, die im japanischen Osaka bei einem Yakuza-Treffen spielt, bei dem Gangster ihre absolute Ergebenheit und bedingungslose Treue gegenüber dem Clan-Boss beweisen müssen. Beschaulich scheint es dagegen im winterlichen Normal zuzugehen, in dem Ulysses (Ben Odenkirk) eine Vertretungsstelle für den verstorbenen Sheriff antritt.


Viel Zeit lassen sich Wheatley und Drehbuchautor Derek Kolstad, der auch für die John Wick-Serie und Odenkirks Vorgängerfilme Nobody" (2021) und "Nobody 2" (2025) verantwortlich zeichnet, für die Schilderung der verschneiten Kleinstadt, die an den Coen-Film "Fargo" erinnert. Die Arbeit führt den von einem früheren Ereignis traumatisierten Sheriff, der von Odenkirk wunderbar stoisch und mit trockenem Witz gespielt wird, nicht nur in die Polizeistation, sondern auch in ein Restaurant, eine Bar, eine Eisenwarenhandlung und ein Geschäft für Strickwaren. So können knapp, aber prägnant mit den beiden Deputies, von denen der eine eine seltsam knarzende Jacke trägt, dem Bürgermeister, der Barbesitzerin oder der Tochter des verstorbenen Sheriffs Figuren vorgestellt werden, die später noch an Bedeutung gewinnen werden.


Außer diversen Nachbarschaftsstreitigkeiten scheint das Stadtleben ruhig zu verlaufen, sodass Ulysses Wunsch, die Stadt nach Wahl eines neuen Sheriffs so zurückzulassen, wie er sie vorgefunden hat, nichts im Wege zu stehen scheint. Auffallend sind freilich die enormen Waffenarsenale nicht nur in der Polizeistation, sondern auch im Restaurant der Stadt, ein verschlossener Schrank mit Sprengstoff in der Eisenwarenhandlung und eine ältere Dame, die den Polizeifunk mithört.


Bewegung kommt in die Handlung, als nach etwa einer halben Stunde die Bank überfallen wird. Gemeinsam fährt der Sheriff mit seinen Deputies zwar zum Tatort, doch dort entwickeln sich die Dinge plötzlich ganz anders als erwartet. Vermeintliche Helfer entpuppen sich als Feinde und andererseits bilden sich überraschende Allianzen.


So bricht nicht nur ein wildes Geballere los, sondern Wheatley versteht es die Auseinandersetzungen auch immer wieder zu variieren und zwischen dem Sheriff und seinen Helfern zu wechseln. Da wird eben nicht nur geschossen, gestochen und zugeschlagen, sondern Dynamit kommt ebenso zum Einsatz wie eine Stricknadel, ein Metallnagel oder später Küchengeräte und auch das erneute Auftreten der schon am Beginn vorgestellten Figuren sorgt für Abwechslung.


Arbeitet Wheatley dabei zunächst mit einem Belagerungsszenario, das an Howard Hawks´ "Rio Bravo" (1959) oder John Carpenters Variation "Assault on Precinct 13" (1976) erinnert, wird dieses bald aufgebrochen und auch an die Stelle der Action tritt recht abrupt die Bildung einer wiederum neuen Allianz und eine ruhige Sequenz, ehe es zum finalen Showdown kommt.


Wheatley treibt die Handlung, die sich weitgehend auf einen Tag und die Kleinstadt als Schauplatz beschränkt, nicht nur schnörkellos voran, sondern versetzt die brutalen Actionszenen durch drastische Überzeichnung auch immer wieder mit pechschwarzem Humor. Über zwar brutale, aber perfekt getaktete Unterhaltung kann "Normal" dabei auch als Kommentar auf ein Amerika gelesen werden, in dem es nicht mehr einzelne Verbrecher gibt, sondern vielmehr die ganze Kleinstadtgemeinschaft von Korruption und Gier durchdrungen ist, sodass diese zur Normalität geworden sind und die letzten noch rechtschaffenen Bürger:innen um ihr Leben fürchten müssen.



Normal

USA 2025

Regie: Ben Wheatley 

mit: Bob Odenkirk, Reena Jolly, Brendan Fletcher, Brian Kawakami, Lena Headey, Henry Winkler, Summer H. Howell, Ryan Allen, Billy MacLellan, Peter Shinkoda 

Länge: 93 min.



Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Cineplexx Hohenems.



Trailer zu "Normal"


 

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