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Verflucht normal – I Swear

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 2 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit
"Verflucht normal - I Swear": Mitreißendes Feelgood-Movie über das Leben des am Tourette-Syndrom leidenden Schotten John Davidson
"Verflucht normal - I Swear": Mitreißendes Feelgood-Movie über das Leben des am Tourette-Syndrom leidenden Schotten John Davidson

Kirk Jones erzählt die Lebensgeschichte des am Tourette-Syndrom leidenden Schotten John Davidson als tragikomisches Feelgood-Movie: Ein von seinem großartigen Hauptdarsteller Robert Aramayo getragenes Biopic, das Akzeptanz gegenüber Menschen mit dieser Nervenkrankheit fördern soll und kann.


Der französische Neurologe und Psychiater Georges Gilles de la Tourette beschrieb schon 1884/85 das Krankheitsbild des nach ihm benannten Syndroms, doch erst 1993 wurde diese neuropsychiatrische Erkrankung des Nervensystems ins Krankheitsregister der WHO aufgenommen.


Schwer tut sich die Umwelt oft mit den Tics der Betroffenen, die motorisch unkontrolliert in Zuckungen verfallen und um sich schlagen oder auch verbal bedeutungslose Laute, Obszönitäten und Beschimpfungen von sich geben. Weil Unwissende nicht erkennen, dass dahinter keine Absicht steht, reagieren sie oft beleidigt oder auch mit Aggressionen.


Wie dies zu Konflikten führen kann, zeigte sich auch bei der heurigen Verleihung des britischen Filmpreises BAFTA. Aufgrund seiner Krankheit beschimpfte John Davidson, der als ausführender Produzent und Berater des ebenfalls nominierten Films "Verflucht normal" eingeladen war, die afroamerikanischen Schauspieler Michael B. Jordan und Delroy Lindo, die für eine Laudatio auf der Bühne standen, mit dem N-Wort. Als dieser Vorfall trotz zweistündiger Verzögerung unkommentiert im nationalen Fernsehen ausgestrahlt wurde, führte dies zu wochenlangen Diskussionen.


Wie Barry Levinsons "Rain Man" vor beinahe 40 Jahren eine breite Öffentlichkeit für die schwierige Situation von Menschen mit Autismus sensibilisierte, will Kirk Jones nun mit seinem Biopic über den 1971 geborenen Davidson die Akzeptanz gegenüber Menschen mit Tourette-Syndrom fördern, das erst seit etwa 2010 in einigen Spielfilmen wie Ralph Huettners "Vincent will Meer" ernsthaft thematisiert wird.


Jones folgt dabei dem klassischen Aufbau von Biopics, wenn er seinen Film im Jahr 2019 mit der Verleihung des Order of the British Empire durch Queen Elisabeth beginnen lässt, um dann in die Kindheit in den 1980er Jahren zurückzublenden und chronologisch Johns Leben zu erzählen.


Schon der Auftakt schlägt dabei mit einer markanten verbalen Entgleisung Johns den warmherzig-komödiantischen Ton an, der "Verflucht normal" kennzeichnet. Aber nie macht sich Jones über den Schotten lustig, sondern ist immer auf Augenhöhe mit seinem zunächst als Jugendlicher von Scott Ellis Watson und dann als Erwachsener von Robert Aramayo großartig gespielten Protagonisten.


Zeichnet er den 13-Jährigen zunächst als höflichen Teenager und talentierten Fußball-Tormann, so stören seine plötzlich einsetzenden nervösen Tics nicht nur Schullaufbahn und Fußballkarriere, sondern auch das Familienleben gravierend. Ganz aus der Perspektive Johns zeigt Jones plastisch und bewegend, wie die Umwelt darauf nur mit Unverständnis, Mobbing und Strafen reagiert. Gleichzeitig leidet aber auch John selbst unter seinem eigenen unkontrollierten Verhalten, dessen Ursachen der Film nicht nachspürt.


Nach einem dramatischen Ereignis überspringt Jones mit einem Schnitt 13 Jahre. Bewegung kommt in das Leben des inzwischen 25-Jährigen, als er von seiner überforderten Mutter, die mit der Krankheit ihres Sohnes nicht umgehen kann, zur Mutter (Maxine Peake) eines Schulfreundes zieht, die als ehemalige Psychiatriekrankenschwester Verständnis für seine Tics zeigt und ihn so nimmt, wie er ist.


In gewohnter Manier bleiben Konflikte und Rückschläge nicht aus, dennoch dominiert die positive Entwicklung. Denn da bekommt John im Gemeindezentrum einen Job als Gehilfe des Hausmeisters (Peter Mullan), der die Tics ebenfalls als Selbstverständlichkeit hinnimmt, und schließlich hält er sogar Vorträge und Seminare nicht nur für andere Menschen mit Tourette-Syndrom, sondern auch für die Polizei, Schulen und andere Institutionen.


Ein Mutmacher und Crowd-Pleaser ist "Verflucht normal" somit mit seinem Optimismus und seiner Menschenliebe. Souverän spielt Jones auf der Klaviatur des Feelgood-Movies. Dynamisch treibt er die Handlung voran, bettet sie unauffällig, aber atmosphärisch stimmig ins Edinburgher Milieu ein und kann auch auf ein großartiges Ensemble vertrauen. Neben Aramayo brillieren vor allem Maxine Peak als Ersatzmutter Dottie und Peter Mullan als Hausmeister, die man angesichts ihrer Herzlichkeit und ihrem Verständnis sofort ins Herz schließen muss.


Markante Antagonisten, die kein Verständnis und Einfühlungsvermögen in Johns Krankheit zeigen, dürfen mit einem Schuldirektor, rigoros durchgreifenden Polizisten, einem steifen Richter und Zufallsbegegnungen, die sofort zuschlagen, nicht fehlen, doch auf jeden Niederschlag folgt auf der anderen Seite eine positive Entwicklung.


Mitreißenden Schwung entwickelt "Verflucht normal" durch dieses rasante Auf und Ab zweifellos, doch keine Zeit bleibt bei diesem allzu kalkulierten Spiel einerseits für Ecken und Kanten und andererseits für eine wirklich differenzierte Auslotung der Situation Johns.


Zu schematisch wirkt doch auch, wie am Ende nicht nur Hoffnung auf Linderung der Krankheit durch medizinische Entwicklungen, sondern auch auf eine "normale" Kommunikation Johns mit Frauen gemacht wird. In gewohnten Bahnen solcher Biopics bewegt sich aber auch der Abspann, in dem mit dokumentarischen Szenen aus dem Leben des realen John die Authentizität des Gezeigten unterstrichen werden soll.


Vieles erinnert so doch allzu sehr an andere, ähnlich angelegte Biopics, dennoch ist Jones mit seinem seit seinem Debüt "Waking Ned Divine" ("Lang lebe Ned Divine!", 1998) sechsten Spielfilm ein Feelgood-Movie gelungen, das sein Herz am rechten Fleck hat und in Zukunft hoffentlich auf Menschen mit Tourette-Syndrom anders blicken und deren nervösen Tics als unkontrollierte Fehlleistungen ganz selbstverständlich akzeptieren lässt.



Verflucht normal – I Swear

Großbritannien 2025

Regie: Kirk Jones

mit: Robert Aramayo, Maxine Peake, Peter Mullan, Scott Ellis Watson, Shirley Henderson 

Länge: 121 min.



Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Cinema Dornbirn (Deutsche Fassung), Kinok St. Gallen und Skino Schaan (jeweils engl. OmU.).



"Verflucht normal - I Swear"



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