top of page

Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 11 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit
"Good Boy":  Verstörender Thriller um Erziehung und Freiheit
"Good Boy": Verstörender Thriller um Erziehung und Freiheit

Wie weit darf Erziehung gehen? – In Jan Komasas Thriller wird ein gewalttätiger Jugendlicher von einem Fremden entführt, um im Keller eines Landhauses zu einem "braven Jungen" erzogen zu werden: Ein dicht inszeniertes und stark gespieltes Kammerspiel, das durch seine Ambivalenzen fesselt und verstört.


Packend erzählte der Pole Jan Komasa in seinem meisterhaften "Corpus Christi" (2019) von Schuld und Vergebung, während er in "The Change" (2025) eine Familie durch den Umbau der USA in eine faschistische Diktatur zerbrechen ließ.


Wie in diesen Filmen thematisiert Komasa auch in "Good Boy" Fragen der Moral und wie "The Change" fast ausschließlich auf dem Anwesen einer großbürgerlichen US-Familie spielt, so beschränkt sich die Handlung in "Good Boy" von wenigen Szenen abgesehen auf ein abgelegenes englisches Landhaus.


Heftig und zupackend ist der Einstieg. Hautnah ist die Kamera am durch die Nacht ziehenden 19-jährigen Tommy (Anson Boon). Er legt es darauf an den Türsteher eines Nachtclubs zu provozieren, zieht Drogen und Alkohol in sich hinein, pöbelt Passanten an oder pisst neben ihnen auf die Straße, betrügt seine Freundin vor deren Augen und ist immer auf Streit aus. Stolz macht er seine Taten auf Social Media publik, bis er auf einer Straße zusammenbricht und von einem Fremden entführt wird.


Im abgeschiedenen Landhaus des Entführers Chris (Stephen Graham) wird Tommy nun angekettet wie ein Hund im Keller gehalten. Mit sanfter Musik und Videos zum gesellschaftlich richtigen Verhalten soll er umerzogen werden, wird wie ein Hund als "Guter Junge" gelobt, wenn er das gewünschte Verhalten zeigt, während Aggressionen mit Elektroschocker, Pfefferspray und Schlagstock bestraft werden.


Kontrast zu diesem Geschehen im von Kameramann Michal Dymek in kaltes Blau und Grau getauchten schmutzigen Keller bildet das Familienleben von Chris im Erd- und Obergeschoss. Liebevoll kümmert sich hier der sanfte Mann um seinen braven zehnjährigen Sohn Jonathan (Kit Rakusen) und seine Frau Kathryn (Andrea Riseborough). Verunsicherung baut Komasa schon hier dadurch auf, dass er nie erklärt, wieso Kathryn in tiefe Apathie verfallen ist.


Streng abgeschottet ist das Landhaus durch das stets verschlossene Tor vor der großen Parkanlage und die mehrfach verriegelte Haustür. Mit der jungen Mazedonierin Rina (Monika Frajczyk), die Chris als Reinigungskraft anstellt, bekommt zwar eine Außenstehende Einblick in die Vorgänge, doch aufgrund ihrer drohenden Abschiebung kann Chris sie erpressen und zu Verschwiegenheit verpflichten.


Unübersehbar an Stanley Kubricks "Clockwork Orange" erinnern der jugendliche Gewalttäter Tommy ebenso wie die Umerziehungsmethoden. Während dort dem Protagonisten Alex DeLarge Gewalt- und Sexfilme vorgeführt werden, um ihm seine Aggression auszutreiben, führt Chris Tommy immer wieder dessen eigenen Social-Media-Posts vor.


Der kalte Blick und die Erziehung im abgeschlossenen Raum erinnern aber auch an Yorgos Lanthimos´ "Dogtooth" (2009), in dem ein Familienvater seine Kinder abgeschottet von der Gesellschaft erzieht, während für die Entführung in ein englisches Landhaus vielleicht William Wylers Thriller "The Collector" ("Der Fänger", 1965) als Vorbild diente.


Verunsicherung löst Komasa dabei vor allem dadurch aus, dass er sich einer klaren Position verweigert. Während nämlich die ersten Szenen unweigerlich den Wunsch nach Bestrafung Tommys auslösen, schockiert dann die Haft im Keller und kehrt die Rollen von Täter und bemitleidenswertem Opfer um.


Dass dieses Spiel funktioniert, ist neben der konzentrierten Inszenierung auch dem starken Ensemble zu verdanken. Mit vollem Körpereinsatz spielt Anson Boon den rabiaten Tommy, bei dem auch in der Haft nie klar wird, ob seine Anpassung Vortäuschung oder real ist, während Stephen Grahams sanften Chris scheinbar nichts aus der Ruhe bringen kann. Großartig ambivalent ist schließlich Andrea Riseboroughs Kathryn. So apathisch sie zunächst agiert, so lenkt sie doch in Folge zunehmend das Handeln von Chris, der ihr geradezu hörig zu sein scheint.


Spannend macht "Good Boy" dabei auch, wie ein familiärer Verlust und ein Trauma zwar angedeutet, aber nicht weiter ausformuliert werden, oder wie Jonathan immer wieder von einem Freund spricht, dieser aber nie sichtbar wird. Offen bleibt so auch, ob Chris und Kathryn schon vor Tommy einen jungen Mann entführt haben und was mit diesem passiert ist.


Je mehr sich Tommy aber anpasst, desto mehr Bewegungsspielraum wird ihm zugestanden. Dabei kommt bei seiner Entwicklung auch die Rolle der Bildung ins Spiel, wenn er Bücher von Ray Bradbury, Jane Austen oder Harper Lees "Wer die Nachtigall stört" lesen muss oder ihn Ken Loachs Film "Kes", der von einem verwahrlosten Jungen erzählt, der durch Fürsorge für einen Falken Selbstbewusstsein entwickelt, zu Tränen rührt.


Wenig überzeugend ist dagegen, wie mit der Geschichte Rinas die Macht einer patriarchalen Familie, die Verfügungsgewalt über ihre weiblichen Mitglieder beansprucht, ins Spiel gebracht wird. Dafür gelingt Komasa ein ebenso starkes wie verstörendes Ende, in dem nicht nur die Sehnsucht nach Erlösung spürbar wird, sondern auch die Bedeutung der Freiheit in einer sinnentleert-hedonistischen Welt in Frage gestellt wird.



Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes

Polen / Großbritannien 2025

Regie: Jan Komasa

mit: Stephen Graham, Andrea Riseborough, Anson Boon, Kit Rakusen, Monika Frajczyk

Länge: 111 min.



Läuft jetzt in den deutschen und österreichischen Kinos, z.B. im Cineplexx Hohenems.



Trailer zu "Good Boy - Wir wollen nur dein Bestes"



bottom of page