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Die Odyssee

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • 17. Juli
  • 4 Min. Lesezeit
"Die Odyssee": Christopher Nolan inszeniert keine Heldenreise, sondern eine düstere Weltuntergangsgeschichte
"Die Odyssee": Christopher Nolan inszeniert keine Heldenreise, sondern eine düstere Weltuntergangsgeschichte

Christopher Nolan inszeniert Homers Epos als düstere Weltuntergangsgeschichte: Wuchtiges und bildmächtiges Blockbuster-Kino, in dem Odysseus nicht als Held, sondern als vom Krieg traumatisierter und gebrochener Mann gezeichnet wird.


Der Anfang nimmt schon fast das Ende vorweg und spielt gleichzeitig direkt mit Homers "Odyssee", wenn am von Freiern belagerten Königshof von Ithaka ein Sänger mit den berühmten ersten Worten des Epos "Nenne mir, Muse, den Mann, den Weitgereisten" seine Erzählungen über den griechischen Helden einleitet.


Ausgelegt wird hier mit den Freiern, der auf ihren Gatten wartenden Penelope (Anne Hathaway), deren Sohn Telemachos (Tom Holland), dem blinden Schweinehirten Eumaios (John Leguizamo) sowie einem noch namenlosen alten Bettler schon das Figurenarsenal und Konfliktpotential, das erst später entfaltet wird.


Auch mit dem alten Jagdhund Argos und dem Bogen von Odysseus werden schon Elemente eingeführt, die später an Gewicht gewinnen, während die Ausführungen des Sängers zugleich einen Flashback zu einem mächtigen, vor der trojanischen Küste liegenden hölzernen Pferd auslösen.


Wie in praktisch allen seinen Filmen vom rückwärtserzählten Thriller "Memento" (2000) über den Kriegsfilm "Dunkirk" (2017) bis zum verschachtelten Biopic "Oppenheimer"(2023) zeigt Christopher Nolan auch hier von Anfang an kein Interesse daran, die Geschichte linear zu erzählen. Immer wieder schiebt er in der Folge mal längere, mal kürzere Rückblenden ein, die bis zu Odysseus´ Aufbruch in den Trojanischen Krieg und zur Opferung der Iphigenie zurückführen.


Dennoch wird die Erzählweise des mit einem Budget von 250 Millionen Dollar bislang teuersten Film Nolans nach dem verschachtelten Beginn zunehmend geradliniger. Als Hauptlinie kristallisiert sich einerseits der Aufenthalt von Odysseus bei der Nymphe Calypso (Charlize Theron), der er von seinen Abenteuern erzählt, heraus und andererseits die für Penelope und Telemachos zunehmend gefährliche Lage am Hof von Ithaka.


Während sich Uberto Pasolini im konzentrierten Drama "Rückkehr nach Ithaka" (2024) ganz auf die Rückkehr des Odysseus konzentrierte, spielt Nolan die berühmten Episoden der Odyssee von der Bedrohung durch den einäugigen Zyklopen Polyphem über den Aufenthalt auf der Insel der Zauberin Kirke bis zum todbringenden Gesang der Sirenen und der Wahl zwischen dem Strudel Charybdis und dem Meerungeheuer Skylla bildmächtig durch.


Gelegenheit gibt das dem 56-jährigen Briten in diesem ersten zur Gänze mit 70mm-IMAX-Kameras gedrehten Film einerseits ebenso spektakuläres wie packendes Blockbusterkino zu bieten, bei dem er auch mit Elementen des Body Horror- und des Monsterfilms spielen kann. Andererseits nimmt Nolan sich aber auch Freiheiten gegenüber der Vorlage und verändert die Episoden leicht. Kaum als die Männer bezirzende Hexe wird so beispielsweise Kirke (Samantha Morton) gezeichnet, sondern doch eher als sehr häusliche Frau und natürlich fällt auf, dass die Episode bei den Phäaken, bei denen Odysseus im Original von seinen Abenteuern erzählt, völlig ausgespart wird.


Zentral ist auch, wie sich die Eroberung Trojas und das damit verbundene blutige Gemetzel durch den Film zieht. Gibt es zuerst den Blick der Trojaner auf das an der Küste liegende Pferd, das sie in die Stadt ziehen, folgt später die Perspektive der im Pferd sitzenden Griechen, und anschließend die Öffnung der Stadttore durch die eingeschleusten Griechen. In einer schwarzen Rüstung, die an Batman in "The Dark Knight" (2008) erinnert, führt dabei Agamemnon die Horden zu einem Massaker an, bei dem es kein Erbarmen gibt.


Verdichtet wird diese düstere Weltuntergangsstimmung, die auch an Akira Kurosawas japanische King Lear-Version "Ran" (1985) erinnert, den Nolan als wichtiges Vorbild nennt, durch die Ahnung eines bevorstehenden Angriffs unbekannter Seevölker und des zu erwartenden Untergangs der gesamten damaligen Kultur.


Hier arbeitet Nolan in die Sage nicht nur das historische Ende der Mykenischen Kultur ein, sondern spiegelt wohl auch die Stimmung der heutigen, von Kriegen bestimmten Welt. Für einen Helden gibt es hier keinen Platz und Matt Damon spielt so auch Odysseus als vom Krieg schwer gezeichneten, gebrochenen Mann.


Immer wieder geht es dabei auch um Sein und Schein. Denn Odysseus verliert sich förmlich auf seiner Rückreise bei Calypso und muss erst wieder seine Sehnsucht nach der Heimat entwickeln und ein vernichtendes Bild der Männer vermittelt die Kirke-Episode. Zur Deckung gebracht wird hier nämlich Wesen und äußeres Aussehen, wenn sie von der Zauberin in Schweine verwandelt werden. Wie Schweine benehmen sich aber auch die vom intriganten Antinoos (Robert Pattinson) angeführten Freier am Hofe von Ithaka.


Zu diesem negativen Bild der Männer als gewalttätig, machtgierig und verschlagen werden die Frauen, deren Zeichnung bisher immer ein Schwachpunkt der Filme Nolans war, als Gegenpol aufgebaut. Da erscheint Penelope wie in Uberto Pasolinis "Rückkehr nach Ithaka" mit ihrer Verachtung von Krieg, Gewalt und Machtstreben und ihrer Sehnsucht nach ihrem Ehemann als moralischer Kompass. Aber auch am Schicksal Helenas, deren Besetzung mit der dunkelhäutigen Lupita Nyong’o schon während der Dreharbeiten zu Kontroversen führte, macht Nolan die Folgen der Männerherrschaft für die Frauen sichtbar.


Geschickt wird auch mit der Götterebene gearbeitet. Nur Athene (Zendaya) tritt hier mehrfach auf, aber ihre Gespräche mit Odysseus können leicht auch als Selbstgespräche des Protagonisten mit seinem Gewissen gedeutet werden. Von Zeus und Poseidon ist dagegen immer nur die Rede, doch nie greifen sie ein. Nicht sie scheinen hier für das menschliche Leiden verantwortlich, sondern selbstverschuldet ist dieses durch einen brutalen Kriegszug einerseits und das maßlose Verhalten der Freier andererseits. – Menschlichkeit ist hier nur bei den Frauen und bei dem grüblerischen und sich langsam seiner Taten und seiner Schuld bewusst werdenden Odysseus zu finden.


Einen leichthändigen Abenteuerfilm wie ihn Mario Camerini mit "Die Fahrten des Odysseus" (1954) vorlegte, darf man so nicht erwarten. Denn geradezu mit heiligmäßigem Ernst erzählt Nolan, verleiht diesem von seinem Stammkameramann Hoyte van Hoytema vorwiegend in dunkle Bilder getauchten Film aber gerade dadurch seine Wucht und Kraft. Zu verdanken ist dies auch dem schwedischen Komponisten Ludwig Göransson, der schon für die Filmmusik von "Tenet" (2020) und "Oppenheimer" verantwortlich zeichnete, und jetzt mit dem abwechslungsreichen Soundtrack sowohl die Beklemmung in der Höhle des Zyklopen als auch die Melancholie beim Gespräch von Odysseus mit Penelope eindringlich verdichtet.



Die Odyssee

Großbritannien / USA 2026

Regie: Christopher Nolan

mit: Matt Damon, Tom Holland, Charlize Theron, Anne Hathaway, Jon Bernthal, Zendaya, Lupita Nyong'o

Länge: 172 min.



Läuft derzeit in den Kinos.



Trailer zu "Die Odyssee"



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