Im Spiegel meiner Mutter
- Walter Gasperi

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20 Jahre nach ihrem letzten Spielfilm und 46 Jahre nach "Hungerjahre" schließt die 85-jährige Jutta Brückner ihre autobiographische Mutter-Tochter-Trilogie ab: Ein komplexes und symbolbeladenes Psychodrama, das von Corinna Harfouch in der Rolle von Brückners Alter-Ego zusammengehalten wird.
In den 1970er und frühen 1980er Jahren zählte Jutta Brückner neben Margarethe von Trotta, Helke Sander und Helma Sanders-Brahms zu den Wegbereiterinnen des feministischen Films in Deutschland. Im Dokumentarfilm "Tue recht und scheue niemand – Das Leben der Gerda Siepebrink" (1975) arbeitete sie die Geschichte ihrer Mutter auf und erzählte im Spielfilm "Hungerjahre" (1980), autobiographisch inspiriert, von einer Mutter-Tochter-Beziehung im Nachkriegsdeutschland der Adenauer-Ära.
Ab Mitte der 1980er Jahre arbeitete Brückner vor allem als Professorin an der Hochschule der Künste in Berlin und als stellvertretende Direktorin und ab 2009 als Direktorin der Sektion Film- und Medienkunst. 2006 drehte sie mit "Hitlerkantate" ihren von der Kritik gefeierten letzten Spielfilm, ehe sie nun 20 Jahre später mit "Im Spiegel meiner Mutter" ihre Mutter-Tochter-Trilogie abschließt.
Symbolbeladen ist schon die Wahl des Berufs der von Corinna Harfouch gespielten Ursula Scheuner. Wie diese nämlich als Archäologieprofessorin längst verschüttete Geschichte aufarbeitet und eine kürzlich entdeckte Moorleiche akribisch von Schmutz reinigt, so löst der Tod ihrer Mutter und das Aufräumen ihres Hauses, in dem das Mobiliar verhüllt ist, eine Auseinandersetzung mit ihrer schwierigen Mutterbeziehung aus.
Das Faulkner-Zitat "Das Vergangene ist nicht tot. Es ist nicht einmal vergangen", mit dem Ursula ihre Student:innen konfrontiert, gewinnt so vor allem für sie Relevanz. Denn bald erinnert sie sich konkret an ihre Besuche der dementen Mutter (Hildegard Schmahl) im Pflegeheim, bei denen die Mutter sich im Spiegel selbst nicht mehr erkannte, andererseits aber ihr Gesicht mit dem der Tochter verschwamm.
Dann stellen sich wieder Erinnerungsfetzen an die Kindheit ein, als der von ihr geliebte Vater die Mutter betrog und schließlich die Familie verließ. Wie der Beruf Ursulas, in dem sie in Vorlesungen auch über die Venus von Willendorf und antike Muttergöttinnen referiert, korrespondiert auch die Baustelle im Institut, in dem sie arbeitet, mit der Verunsicherung in ihrem Leben, in das sie erst Ordnung bringen muss.
Plastisch arbeitet Brückner heraus, was unter der "klebrigen Liebe ihrer Mutter", von der Ursula spricht, zu verstehen ist. Einerseits erklärte diese ebenso dominante wie fordernde Frau nämlich immer nur, das Beste für ihre Tochter zu wollen, andererseits wollte sie sie immer bevormunden und in Abhängigkeit halten und reagierte auf Nichterfüllung der Erwartungen mit Liebesentzug durch mehrtägiges Schweigen. Nie hatte so Ursula – zumindest in ihrer Sicht der Dinge – ein eigenes Leben.
Einer geradlinigen Narration verweigert sich "Im Spiegel meiner Mutter" in seiner ganz von der Figur Corinna Harfouchs dominierten, assoziativen Erzählweise. Aufgelöst wird dabei aber nicht nur jede Chronologie, wenn Gegenwart und Erinnerung, Realität und Traum ineinanderfließen, sondern in den realistischen Ansatz mischt sich auch Fantastik, wenn quasi aus dem Nichts eine engelhafte Assistentin auftaucht, die Ursula sowohl bei der Arbeit mit der Moorleiche als auch bei der Aufarbeitung ihrer Mutterbeziehung unterstützt.
Mit ihrem Schwung und ihrer Leichtigkeit ist diese von Carla Juri gespielte Mel, bei der offen bleibt, ob sie real oder Imagination Ursulas ist, zwar ein Gegenpol zur melancholischen Ursula, hilft ihr aber auch Altlasten endlich hinter sich zu lassen und schließlich befreiter in die Zukunft zu blicken. Gerade in seinem intensiven persönlichen Ansatz entwickelt dieser Spielfilm dabei Universalität und regt an, über die eigene Mutterbeziehung zu reflektieren.
Im Spiegel meiner Mutter
Deutschland 2026
Regie: Jutta Brückner
mit: Corinna Harfouch, Carla Juri, Hildegard Schmahl, Nina Kunzendorf, Samuel Finzi, Sebastian Schwarz, Rosa Enskat
Länge: 95 min.
Läuft derzeit in den deutschen und österreichischen Kinos, z.B. im Cinema Dornbirn.
Trailer zu "Im Spiegel meiner Mutter"




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