Babystar
- Walter Gasperi

- vor 37 Minuten
- 3 Min. Lesezeit

Joscha Bongard entzaubert in seinem Spielfilmdebüt die nach außen hin perfekte Welt einer Influencer-Familie: Ein stilsicherer und stark gespielter Mix aus Satire und Drama, der im kühlen Blick die Zuschauer:innen aber auch auf Distanz hält.
Unscharfe schwarzweiße Bilder von Überwachungskamera der Räume des modernen Hauses der Familie Sommer stehen am Beginn von Joscha Bongards Diplomfilm für die Filmakademie Baden-Württemberg. Der 32-jährige Wolfsburger wird aber auch im Folgenden mit dieser Perspektive spielen, wenn die Kamera von Jakob Sinsel immer wieder aus erhöhter Perspektive, quasi von der Decke herab, den ganzen Raum erfasst.
Ein Unbehagen erzeugt dieser heimlich beobachtende Blick, passt aber perfekt zum Thema von "Babystar". Seit dem ersten Ultraschallbild ihrer Tochter Luca (Maja Bons) haben Stella (Bea Brocks) und Chris Sommer (Liliom Lewald) nämlich im Family-Channel our_bright_life das Leben der Familie auf den sozialen Medien öffentlich gemacht.
Während Jim Carrey in Peter Weirs "The Truman Show" (1998) unwissentlich seit seiner Geburt in einer TV-Serie lebt und als Werbeträger für unterschiedlichste Produkte fungiert, arbeitet Familie Sommer bewusst damit und schafft sich damit Wohlstand. Explizit auf "The Truman Show" bezieht sich Bongard dabei auch, wenn Vater Sommer daraus den berühmten Satz "Good morning, und falls wir uns nicht mehr sehen, good afternoon, good evening, und good night!" zitiert.
In Rückblenden auf frühere Folgen des Podcasts der Familie zeigt Bongard, wie die Familie nicht nur Urlaube, sondern auch die Kindheit Lucas und Gespräche mit ihrer Mutter über die erste Periode oder ihr erstes Mal öffentlich macht. Eingestreut wird dabei immer Produktwerbung, die im Film durch einen Piepston unkenntlich gemacht wird.
Prägnant zeigt "Babystar" aber nicht nur die Vermarktung eines nach außen hin perfekten Familienlebens, bei dem der 16-jährige Teenager Luca im Zentrum steht, sondern deckt bald schon Risse in der heilen Welt auf.
Denn als Luca bei einem Treffen mit einer kleinen Gruppe von Followern gefragt wird, ob sie viele Freundinnen habe, antwortet sie nach kurzem Zögern, dass sie dafür wenig Zeit, aber immerhin über vier Millionen Follower auf TikTok habe. Als von der Welt abgeschottete Festung filmt so Kameramann Jakob Sinsel auch immer wieder das moderne Haus der Sommers, wenn er in Untersicht mächtig die Betonfassade ins Bild rückt.
Bald kommt es aber zum Konflikt Lucas mit ihren Eltern, als die Mutter erklärt, dass sie ein zweites Kind bekommen wird. Die neue familiäre Situation ließe sich natürlich wieder gut vermarkten, doch Luca, die bisher immer im Mittelpunkt stand, fürchtet damit aus ihrer bevorzugten Stellung verdrängt zu werden und beginnt gegen die Eltern zu rebellieren.
Mit einem kühlen Blick, der an die Filme von Ruben Östlund und Yorgos Lanthimos erinnert, seziert Bongard in langen Einstellungen der sterilen und weitgehend leeren Räume des Hauses diese Influencer-Welt. Dem Bild der in Podcast und Video präsentierten glücklichen und gefühlvollen Familie steht dabei die Emotionslosigkeit und Kälte von Eltern und Luca im Umgang miteinander gegenüber. Gefühle gibt es hier nicht, das Leben wird ganz von der Inszenierung für die Öffentlichkeit bestimmt.
In einem Mix aus Satire und Drama, bei dem die unheilvolle Musik von Jonas Vogler auch mehrfach Thrillerstimmung evoziert, deckt Bongard so unterschiedliche Auswirkungen dieses Influencer-Daseins von Vereinsamung über Abhängigkeit und fehlender Entwicklung einer eigenen Identität bis zu Machtspielen, die die mediale Berühmtheit ermöglicht, auf. Stark spielt Maja Bons Luca und harmoniert bestens mit Bea Brocks, die die dominante Mutter spielt. Zurückhaltend agiert dagegen Liliom Lewald als Vater, der im Hintergrund die Dinge organisiert.
Gleichzeitig hält die zwar sehr überlegte und stilsichere, aber eben auch unterkühlte Inszenierung die Zuschauer:innen auf Distanz. Wirklich nahe kommt man dieser Familie nie, sondern man bleibt – wie die Follower der Sommers – in der Beobachterposition. Wirklich zu berühren vermag so die Situation Lucas nicht, denn es kommen kaum Emotionen auf.
Aber auch die Beschränkung auf das Alltägliche und der Verzicht auf dramatische Zuspitzungen verhindert einen echten Spannungsaufbau, sodass gegen Ende Längen nicht ausbleiben. Doch trotz dieser Schwächen präsentiert sich Bongard nach dem Dokumentarfilm "Pornfluencer" mit seinem Spielfilmdebüt als spannender Filmemacher, den man im Auge behalten sollte.
Babystar
Deutschland 2026
Regie: Joscha Bongard
mit: Maja Bons, Bea Brocks, Liliom Lewald, Verena Altenberger, Joy Ewulu, Maximilian Mundt
Länge: 98 min.
TaSKino Feldkirch im Kino GUK: 27.8. bis 31.8.
Trailer zu "Babystar"




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