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Becaària

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 3 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit

Ein unsicherer 16-Jähriger findet im Sommer 1977 durch harte bäuerliche Arbeit in den Tessiner Bergen und mehrere Begegnungen nicht nur Orientierung, sondern entdeckt auch die Liebe: Erik Bernasconi erzählt eine klassische Coming-of-Age-Geschichte, die durch natürliche Schauspieler:innen, sorgfältige Einbettung ins geographische und historische Ambiente und feinfühlige Inszenierung begeistert.


Coming-of-Age-Filme gibt es schon viele und absolut nichts Neues erzählt der 1973 im Tessin geborene Erik Bernasconi in seinem dritten Spielfilm, doch in jeder Szene spürt man, wie viel Herzblut und Liebe in "Becaària" steckt. Seit er Giorgio Genetellis gleichnamigen Roman kurz nach seiner Veröffentlichung 2011 las, plante Bernasconi eine Verfilmung, doch 15 Jahre sollten bis zur Umsetzung vergehen.


Kurz bevor schließlich die Dreharbeiten am 1. Juli 2024 beginnen sollten, verwüsteten schwere Überschwemmungen in der Nacht von 29. auf 30 Juni Teile des Maggiatals. Dennoch konnte durch den Einsatz der Bevölkerung mit nur zwei Wochen Verspätung mit dem Dreh begonnen werden. Den Opfern dieser Katastrophe, von der im Film nichts zu spüren und zu sehen ist, hat Bernasconi seinen Film nun gewidmet.


Im Mittelpunkt des im Tessin des Jahres 1977 spielenden Films steht der 16-jährige Mario (Francesco Tozzi), der mit Begeisterung Fußball spielt und zeichnet, aber mit Widerwillen aufs Gymnasium geht und gegen seine Lehrer rebelliert. Gegenüber Mädchen ist er dagegen unsicher und hat auch keine Pläne hinsichtlich seiner Zukunft. Ein katastrophales Schulzeugnis führt zum heftigen Konflikt mit seinem Vater, der sich eine Tankstelle aufgebaut hat, deren Zukunft aber auch durch den Autobahnbau bedroht ist.


So schickt der Vater Mario für den Sommer zu einem Bauernehepaar in ein Tessiner Bergdorf, damit er dort arbeiten lernt und vielleicht auch Orientierung findet. Statt faul herumliegen heißt es nun frühmorgens aufstehen, um Zaunpfähle einzuschlagen oder steile Wiesen mit der Sense zu mähen.


Gleichzeitig kommt aber auch mit Prisca (Sinéad Thornhill) die in Locarno studierende Tochter des Ehepaars für die Sommerferien zurück ins Bergdorf. Mit ihrer Begeisterung für Punk und dem Plädoyer für freie Liebe ist sie viel offener als der unsichere Mario, der durch sie aber bald die Liebe entdeckt. Aber auch die Begegnung mit dem Dorfarzt (Alessio Boni), der in dem orientierungslosen Teenager auch seine eigene Jugend wiedererkennt, findet Mario einen einfühlsamen Mentor, der ihn zum Nachdenken und zur Suche nach einem Lebensweg anregt.


Etwas zu dicht mögen im Finale dramatische Ereignisse aufeinanderfolgen, doch davon abgesehen ist Bernasconi ein von der ersten bis zur letzten Szene stimmiger Coming-of-Age-Film gelungen. Mit sorgfältiger Ausstattung von Kleidung über Frisuren bis zum Postautobus, aber auch durch das körnige Bild und die warmen Farben, die durch digitales Color Grading in der Postproduktion erzielt wurden, wird dicht die Atmosphäre der späten 1970er Jahre evoziert.


Prägnant fängt Bernasconi aber auch den gesellschaftlichen Umbruch dieser Post-1968er-Zeit und das Spannungsfeld zwischen traditioneller Elterngeneration und den Jugendlichen, die aus den Konventionen ausbrechen, ein. Nicht nur in Bezug auf die Liebe, sondern auch hinsichtlich des Lebens insgesamt ist hier immer wieder von Freiheit und Befreiung die Rede. Nicht nur Prisca ist hier offener – und auch weiter – als die Männer, sondern auch die Kellnerin im Dorfgasthaus, die für die konservative Bevölkerung eine Schlampe ist.


Aber nicht nur in die Zeit, sondern auch in den Raum bettet Bernasconi seinen Film bestechend ein. Großartig verstärkt Kameramann Pietro Zuercher einerseits mit nah geführter Handkamera die Gefühle Marios und versetzt in dessen Perspektive, und lässt andererseits in Totalen in die ebenso raue wie schöne Berglandschaft eintauchen. Keine selbstzweckhaften Postkartenansichten werden hier aber geboten, sondern immer sind Landschaft und Handlung untrennbar miteinander verknüpft.


Mitreißenden Schwung entwickelt diese Coming-of-Age-Geschichte schließlich durch den Soundtrack, bei dem Zeno Gabaglios originale Filmmusik mit zeitgenössischen Popsongs gemischt wird, und durch das natürliche Spiel eines auch in den Nebenrollen starken Ensembles. Da vermittelt nicht nur Francesco Tozzi in seiner ersten Hauptrolle in einem abendfüllenden Spielfilm authentisch die Unsicherheit und die Entwicklung Marios, sondern auch Sinéad Thornhill brilliert als reifere Prisca, deren Vorstellungen von der freien Liebe dann doch Risse bekommen, und Alessio Boni als warmherziger Dorfarzt.


Charme versprüht "Becaària", dessen Titel hier nicht erklärt werden soll, aber auch durch die Sicherheit, mit der Bernasconi inszeniert. Voll Empathie blickt er auf seine Protagonist:innen, wechselt leichthändig zwischen berührenden Momenten und Witz, lässt aber auch sanfte Ironie nicht zu kurz kommen. Klein und altbekannt mag so diese Coming-of-Age-Geschichte im Grunde sein, wird aber gerade durch ihre präzise Verankerung zu einem universellen und zeitlosen Film, der auch Erinnerungen an die eigene Jugend wachrufen kann.



Becaària

Schweiz 2026

Regie: Erik Bernasconi

mit: Francesco Tozzi, Sinéad Thornhill, Giacomo Sonzogni, Alyssa Soer, Alessio Boni, Pier Luigi Pasino

Länge: 108 min.



Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan.



Trailer zu "Becaària"



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