top of page

Soudain - All of a Sudden

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 11 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit
"Soudain - All of a Sudden": Meisterhafte Schule der Menschlichkeit
"Soudain - All of a Sudden": Meisterhafte Schule der Menschlichkeit

Sanft und mit größtem Einfühlungsvermögen erzählt Ryūsuke Hamaguchi von der Leiterin eines Pariser Pflegeheims, die sich für eine wertschätzende Pflege der dementen Bewohner:innen einsetzt, und ihrer unheilbar an Krebs erkrankten japanischen Freundin: Eine durch ihr großartiges Ensemble und ihre zurückhaltende Inszenierung zutiefst berührende, meisterhafte Schule der Achtsamkeit und des Respekts.


Zwar kann sich der 48-jährige Japaner Ryūsuke Hamaguchi, wie "Wheel of Fortune and Fantasy" (2021) oder "Evil Does Not Exist" (2023) zeigen, auch mit einer üblichen Filmlänge von rund zwei Stunden zufriedengeben, doch wenn er es für nötig hält, lässt er einem Film auch mehr Zeit. 317 Minuten lang ist so "Happy Hour" (2015), in dem er dem Lebensweg von vier Freundinnen folgt, und immerhin 179 Minuten beträgt die Laufzeit des Oscar gekrönten Meisterwerks "Drive My Car" (2021).


"Soudain – All of a Sudden" ist nun beachtliche 196 Minuten lang und wird von ausführlichen Dialogen dominiert. Das könnte leicht ermüdend und langatmig sein, doch schon in den ersten Minuten nimmt Hamaguchi mit seiner ebenso feinfühligen wie zurückhaltenden Inszenierung gefangen.


Sofort ist man mitten drin in diesem Film, wenn sich Marie-Lou (Virginie Efira) als Leiterin eines Pariser Pflegeheims für Menschen mit Demenz für die Einführung der Methode der Humanitude einsetzt. In Blickkontakt, Sprache, Berührung und Vertikalität – also durch Förderung des aufrechten Gangs – sollen die Bewohner:innen wertschätzend behandelt und in ihrer Situation gefördert werden. Wie das konkret aussieht, vermittelt eindringlich schon die Einschulung fürs richtige Anklopfen und Eintreten in die Zimmer der Bewohner:innen.


Doch bei der Umsetzung ihrer Ideen stößt Marie-Lou, die selbst kurz vor einem Burn-out steht, auf Widerstand sowohl bei den Betreibern des Pflegeheims, die mehr investieren sollten, als auch bei Teilen des Personals, die eine noch höhere Arbeitsbelastung befürchten.


Ein zwar engagiertes, aber auch thesenhaftes Sozialdrama hätte "Soudain – All of a Sudden" werden können, doch Hamaguchi verweigert sich jeder Dramatisierung und inszeniert mit einer Zurückhaltung, einem Respekt und einer Empathie, die kongenial die Methode der Humanitude widerspiegeln. Quasidokumentarisch ist der Blick, keinen überhasteten Schnitt gibt es hier, sondern in langen und ruhigen, vorwiegend distanziert halbtotalen Einstellungen filmt er die langen Dialoge und setzt auch Musik nur sehr reduziert, aber pointiert ein.


Prägnant vermittelt er auch die Hinfälligkeit des Menschen, wenn eine Patientin, um die sich Marie-Lou eben noch gekümmert hat, wenig später tot im Bett liegt, oder wenn von den gebrechlichen alten Bewohner:innen auf Fotos geschnitten wird, die sie in jungen Jahren zeigen.


Vom Pflegeheim, das bezeichnenderweise den Namen "Le Jardin de la liberté" trägt, weitet sich der Blick, als Marie-Lou die japanische Theaterregisseurin Mari (Tao Okamoto) kennenlernt und eine Aufführung ihres Stücks "Aus der Nähe ist niemand normal" besucht. Tief berührt ist sie von diesem Ein-Personen-Stück über die Öffnung und Abschaffung der psychiatrischen Krankenhäuser in Italien durch das Wirken Franco Basaglias und ist auch begeistert, wie sich der autistische Enkel des Darstellers ins Stück einbringen kann.


Rasch entwickelt sich zwischen den beiden Frauen, die sich auch dadurch nahe sind, dass Marie-Lou aufgrund ihres Studiums in Japan hervorragend japanisch und Mari französisch spricht, eine innige Freundschaft. Doch wieder kommt die Fragilität des Menschen ins Spiel, ist Mari doch unheilbar an Krebs erkrankt.


Grundlage für diese Geschichte einer Freundschaft war der 2019 veröffentlichte Briefwechsel zwischen der unheilbar an Krebs erkrankten Philosophin Makiko Miyano und der Anthropologin Maho Isono, aus dem Hamaguchi und Léa Le Dimna das Drehbuch entwickelten und denen "Soudain - All of a Sudden" auch gewidmet ist. Leichthändig wird dabei die Situation im Pflegeheim mit der Beziehung dieser beiden Frauen verbunden, wenn Mari in einem langen Vortrag an einem Whiteboard den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und der heutigen inhumanen Situation im Pflegebereich darlegt und sie andererseits als Theaterregisseurin die Humanitude-Bestrebungen mit Aktivitäten im Pflegeheim bereichern und vorantreiben kann.


So schwergewichtig die Themen Altern, Krankheit und Tod auch sind, so leicht kommt doch "Soudain - All of a Sudden" daher, erinnert zwar an die Hinfälligkeit des Lebens, feiert aber gleichzeitig dessen Schönheit und die Kraft einer intensiven Freundschaft. Der Angst stellt Hamaguchi in seinem zutiefst humanistischen Film die Hoffnung und den Glauben "das Unmögliche möglich zu machen" als lebensbejahende Kräfte gegenüber und feiert auch mit sanftem Humor die positiven Auswirkungen einer von tiefem Respekt und Empathie geprägten Pflege.


Dass dieses sanfte Drama trotz seiner Dialoglastigkeit und seiner Länge von über drei Stunden nie an Dichte verliert, ist aber ganz wesentlich auch seinen Schauspieler:innen zu verdanken. Großartig harmonieren Virginie Efira und Tao Okamoto, die bei den Filmfestspielen von Cannes zurecht mit dem Preis für die besten Hauptdarstellerinnen ausgezeichnet wurden. Wie in den vielfach sehr langen Einstellungen jeder Blick, jede Geste und jedes Wort stimmen, macht ihre innige Verbundenheit intensiv spürbar. Aber auch das Pflegeheim und seine Bewohner:innen strahlen in diesem Leuchtturm der Achtsamkeit und der Menschlichkeit beeindruckende Authentizität aus.



Soudain – All of a Sudden

Frankreich / Japan / Deutschland / Belgien 2026

Regie: Ryūsuke Hamaguchi 

mit: Virginie Efira, Tao Okamoto, Kodai Kurosaki, Kyôzô Nagatsuka, Marie Bunel, Jean-Charles Clichet

Länge: 196 min.



Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Skino Schaan und (ab 1.9.) im Kinok St. Gallen. Österreichischer und deutscher Kinostart: Termin noch offen



Trailer zu "Soudain - All of a Sudden"


 

Kommentare


bottom of page