Dossier 137
- Walter Gasperi

- vor 33 Minuten
- 3 Min. Lesezeit

Paris 2018: Eine Polizistin untersucht als interne Ermittlerin übermäßige Gewaltanwendung ihrer Kolleg:innen während der Proteste der Gelbwestenbewegung: Léa Drucker brilliert in Dominik Molls gerade durch seine Nüchternheit hochspannendem Krimi um Polizeiarbeit zwischen Staatsschutz und Willkür und das Spannungsfeld von Gerechtigkeit und Loyalität gegenüber der staatlichen Einrichtung.
Alle rufen nach der Polizei, wenn sie Opfer eines Verbrechens werden. Was aber, wenn die Beamten selbst mit unverhältnismäßiger Gewalt gegen Demonstrant:innen vorgehen? – Fiktiv, aber nach mehreren wahren Fällen erzählt Dominik Moll von der Polizistin Stéphanie (Léa Drucker), die als Mitarbeiterin der Inspection Générale de la Police Nationale (IGPN) mögliche Vergehen ihrer eigenen Kolleg:innen während der Proteste der Gelbwestenbewegung im Winter 2018/19 untersucht und sich damit zwischen die Fronten setzt.
Manche Filme lassen sich Zeit die Spannung aufzubauen, Dominik Moll erzeugt schon in den ersten Einstellungen enormen Druck, wenn Stéphanie einen Kollegen mittels eines Handyvideos eines drastischen Fehlverhaltens während der Demonstrationen überführt. Wie aber soll der Staat mit diesen Tätern in den eigenen Reihen umgehen, kann er es sich doch nicht leisten, die Polizist:innen, die schon Feindbild der Bevölkerung sind, gegen sich aufzubringen?
Einen Film mit einer packenden Szene zu beginnen, ist eine Sache, die Spannung über nahezu zwei Stunden aufrecht zu erhalten, aber eine andere. Dominik Moll gelingt dies souverän, indem er sich nach dem fesselnden Auftakt ganz auf den Fall des 20-jährigen Guillaume – den Fall 137 - konzentriert. Dieser ist bei den Pariser Protesten durch ein Gummigeschoss am Kopf schwer verletzt worden.
Als seine Mutter, die mit ihren beiden Söhnen, ihrer Tochter und deren Freund an den Demonstrationen teilnahm, ohne sich zu den Gelbwesten zu zählen, den Übergriff meldet, beginnt Stéphanie zu ermitteln. Gesteigert wird ihr Interesse am Fall dadurch, dass Guillaumes Familie aus ihrem Heimatort stammt.
Aussagen der Familienmitglieder stehen solche der Einsatztruppe gegenüber. Bilder von Überwachungskameras und medizinische Gutachten werden eingeholt und ausgewertet. Handyvideos bieten Einblick in die fröhliche Fahrt der Familie nach Paris ebenso wie in das tragische Ende mit dem auf der Straße liegenden Guillaume. – Doch was ist dazwischen passiert?
Dicht prallen in der detailreichen Schilderung der Polizeiarbeit die Positionen aufeinander und im Zentrum immer eine zurückhaltend, aber ungemein konzentriert spielende Léa Drucker als ruhig, aber hartnäckig nach der Wahrheit suchende Ermittlerin. Ganz aus ihrer Perspektive erzählt Moll.
Prägnant bettet der deutsch-französische Regisseur sie in ihr privates Umfeld als Ex-Frau eines Polizisten und alleinerziehende Mutter eines Teenagers ein, der in der Schule aus Angst vor Mobbing den Beruf seiner Eltern verleugnet. Als verantwortungsbewusste und fürsorgliche Frau wird sie schon gezeichnet, wenn sie in der Tiefgarage ein Kätzchen rettet. Vor allem aber setzt sie sich entschlossen dafür ein, dem verletzten Guillaume und seiner Mutter Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, auch wenn sie mit ihren Ermittlungen die Ablehnung ihrer Kolleg:innen auf sich zieht.
Nüchtern und schnörkellos setzt Moll, der in "Dossier 137" nach dem starken Thriller "La nuit du 12" ("In der Nacht des 12.") zum zweiten Mal auf der Polizeiarbeit fokussiert, das dichte Drehbuch um, für das er selbst und Gilles Marchand verantwortlich zeichnen. Eindrücklich demonstriert er auch in einer Verfolgung in der U-Bahn, wie souverän und spannend er klassische Thrillerszenen inszenieren kann, doch im Kern stehen grundsätzliche moralische und rechtsstaatliche Fragen.
Ohne Schwarzweißmalerei stellt er die Positionen einander gegenüber. Auf der einen Seite zeigt er das tragische Schicksal von Guillaume, der erst in der letzten Szene zu Wort kommt und bewegend über die Folgen des Angriffs spricht, auf der anderen Seite die Willkür einzelner gewaltbereiter Polizist:innen, vermittelt aber auch deren Überforderung in der aufgeheizten Situation. Im Spannungsfeld zwischen den Polen steht Stéphanie.
Während sie die Opfer und die sozial Benachteiligten vor Repressionen ihrer Kolleg:innen zu schützen und ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen versucht, wollen ihre Vorgesetzten bis hin zur höchsten politischen Ebene die Institution schützen und den schon angeschlagenen Ruf der Polizei nicht weiter beschädigen. – Ohnmächtig scheint hier letztlich die Einzelkämpferin und einzige Überlebensstrategie die Abwendung von der harschen Realität und die Hinwendung zu harmlos-netten Katzenvideos auf youtube.
Dossier 137
Frankreich 2025
Regie: Dominik Moll
mit: Léa Drucker, Yoann Blanc, Guslagie Malanda, Etienne Guillou-Kervern, Antonia Buresi
Länge: 115 min.
Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und demnächst im Skino Schaan.
Trailer zu "Dossier 137"




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