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  • AutorenbildWalter Gasperi

In der Nacht des 12. - La nuit du 12


Eine junge Frau wurde ermordet, doch die Ermittlungen der Polizei drehen sich im Kreis und zermürben die Beamten. Was vom Grundmuster her nach einem typischen TV-Krimi aussieht, wird in der ebenso konzentrierten wie trockenen Inszenierung von Dominik Moll zum atmosphärisch dichten und fesselnden Thriller.

Ein Insert informiert, dass in Frankreich jährlich 800 Morde verübt werden, jeder fünfte davon aber nie aufgeklärt werde. Mit dem Zusatz, dass der im Folgenden geschilderte Fall zu letzteren gehört, nimmt Dominik Moll nicht nur das Ende vorweg, sondern legt auch gleich eine Stimmung der Ohnmacht und Vergeblichkeit über seinen Thriller.


Nachdem Moll Anfang der 2000er Jahre mit dem sich an Hitchcock orientierenden Thriller "Harry, der es gut mit dir meint" und dem surrealen Psychothriller "Lemming" (2005) auch in den deutschen und österreichischen Kinos präsent war, wurde es bald wieder still um den 1962 als Sohn eines Deutschen und einer Französin geborenen Regisseur. Doch vor zwei Jahren meldete er sich mit dem brillant konstruierten, schwarzhumorigen Thriller "Seules les bêtes – Die Verschwundene" zurück und heuer war sein "In der Nacht des 12." mit sechs Auszeichnungen der große Sieger bei der Verleihung der französischen Césars.


Inspiration für diesen Thriller war das Sachbuch "18.3: Une Année à la PJ" von Pauline Guéna, die ein Jahr lang die Arbeit verschiedener Abteilungen der Kripo von Versailles begleitete. Man spürt diese Vorlage schon im quasidokumentarischen Einstieg, bei dem die Handlung mit Inserts auf die Gegend von Grenoble und die Nacht des 12. Oktobers 2016 fixiert wird.


Während im Polizeiposten die Verabschiedung eines alten Kollegen gefeiert wird, verlässt die 21-jährige Clara die Party ihrer Freundin, um nach Hause zu gehen. Unterwegs schickt sie noch ein Handy-Video, doch dann steht ihr plötzlich ein maskierter Mann gegenüber, schüttet ihr eine Flüssigkeit ins Gesicht und zündet sie mit einem Feuerzeug an.


Es wird die einzige drastische Szene in diesem Film bleiben. Weder Gewalt noch Action wird man in den folgenden 110 Minuten zu sehen bekommen, sondern auf die mühsame Polizeiarbeit konzentriert sich Moll. Im Mittelpunkt stehen der ältere Marceau (Bouli Lanners) und sein jüngerer, die Abteilung leitender Kollege Yohan (Bastien Boullon). Doch kein Buddie-Movie im Stil von US-Filmen mit der Annäherung zweier gegensätzlicher Charaktere entwickelt sich, sondern nüchtern, ja staubtrocken und quasidokumentarisch bleibt die Inszenierung.


Zwar erzählt Marceau von seinen Eheproblemen, doch nie sieht man die Beamten zu Hause oder mit Freunden. Der Fokus liegt ganz auf der Arbeit. Einzige Ausnahme sind die nächtlichen Runden, die Yohan auf seinem Rennrad im Velodrom dreht. Im Sport baut er nicht nur seine Frustration und schwelende Aggression ab, sondern in diesen Fahrten im Kreis kann man auch eine Analogie zu den Ermittlungen lesen.


Denn mögen die Polizisten auch die Eltern befragen, denen sie die schreckliche Nachricht vom Tod ihrer Tochter überbringen müssen, mögen sie von Claras bester Freundin die Namen ihrer Ex-Freunde erhalten und diese verhören, so führen die Ermittlungen doch nirgendwohin.


Unsympathisch und teils auch aggressiv sind die jungen Männer zwar vom Rapper, der frauenverachtende Texte schreibt über einen auch angesichts des grausamen Mordes immer wieder kindlich lachenden Klettertrainer bis zum vorbestraften Schläger. Erschreckende Gefühlskälte und Gleichgültigkeit strahlen diese Verdächtigen aus, die teilweise nur eine Sex-Beziehung zum Opfer hatten, über das sie nun teilnahmslos und abschätzig sprechen. Jeder von ihnen könnte der Täter gewesen sein, doch nachgewiesen kann der Mord keinem werden.


Wie der Verlust freilich nachwirkt, wird spürbar, wenn die Eltern am Jahrestag des Verbrechens nachts den Tatort aufsuchen und dort in Tränen ausbrechen. Gleichzeitig wird auch spürbar, wie die erfolglosen Ermittlungen die Beamten zermürben. Da wird Marceau, der auch aufgrund der Trennung von seiner Frau psychisch angeschlagen ist, aggressiv, während Yohan auch noch im Schlaf vom Fall verfolgt wird. Wenn sich dabei sein Gesicht in Überblendungen mit dem der Verdächtigen vermischt, wird er auch mit der Frage konfrontiert, wie viel Gewalt der jungen Männer auch in ihm selbst steckt.


Claras Freundin und ihre Mutter mögen Nebenrollen spielen und doch prägen sich ihre Auftritte ein. Sie sind es nämlich, die in dieser Welt als einzige Gefühle zeigen und in Tränen ausbrechen. Offen konfrontiert Claras Freundin Yohan mit diesem männlichen Blick, wenn sie auf seine wiederholte Frage nach Claras wechselnden Bettpartnern fragt, ob es darum gehe, Clara eine Mitschuld an ihrer eigenen Ermordung zu geben. Auf den Punkt gebracht wird dieser Riss, der durch die Geschlechter geht, schließlich in Yohans Feststellung "Zwischen Männern und Frauen stimmt etwas nicht".


Wie die Einbettung der Handlung in die Gegend von Grenoble, die von Alpengipfeln umgeben ist, ein Gefühl der Enge erzeugt, so sorgt die Dominanz von kalten und dunklen Farben und eine kahl-frostige Jahreszeit für eine bedrückende Stimmung. Langsam, aber konzentriert erzählt Moll und in der Stringenz und Nüchternheit der Inszenierung entwickelt sich so ein beklemmendes Klima der latenten Gewalt, das über den konkreten Fall hinausweist. Doch so pessimistisch die Weltsicht auch ist, ans Ende setzt Moll doch auch ein kleines Zeichen der Hoffnung.


In der Nacht des 12. – La nuit du 12. Frankreich /Belgien 2022 Regie: Dominik Moll mit: Bastien Bouillon, Bouli Lanners, Théo Cholbi, Johann Dionet, Julien Frisot, Mouna Soualem Länge: 114 min.



Jetzt in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 24.5., 18 Uhr und Do 25.5., 19.30 Uhr


Trailer zu "In der Nacht des 12. - La nuit du 12."



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