Amarga Navidad – Bitteres Fest
- Walter Gasperi

- vor 14 Stunden
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In seinem 24. Spielfilm reflektiert Pedro Almodóvar in verschachtelter Erzählweise anhand eines in einer Schaffenskrise steckenden Regisseurs über Fiktion und Realität, über künstlerische Inspiration und Ausbeutung realer Schicksale: Ein kunstvoller, zwischen Autofiktion und Melodram pendelnder Film, der aber aufgrund seiner Überkonstruktion nur bedingt emotionale Kraft entwickelt.
Unverkennbar sind die Filme von Pedro Almodóvar. Markenzeichen sind die kräftigen Farben, die eleganten Kostüme und die stilvolle Ausstattung der Räume. Nicht sein voller Name erscheint im Vorspann, sondern nur "un film de Almodóvar" und kündigt damit einerseits diese Marke an, verweist andererseits aber wohl auch auf die Zusammenarbeit mit seinem Bruder Agustín, mit dem er 1985 die Filmgesellschaft El Deseo gründete, mit der seit "Das Gesetz der Begierde" (1987) alle Almodóvar-Filme produziert wurden.
Aber auch melodramatische Geschichten um leidende Frauen, verschachtelte Erzählkonstruktionen und die Auseinandersetzung mit dem eigenen künstlerischen Schaffen ziehen sich durch das Œuvre des 76-Jährigen.
Scheinbar als Film um eine Filmregisseurin (Bárbara Lennie), die unter einer starken Migräne leidet, beginnt so "Amarga Navidad – Bitteres Fest", doch diese 2004 spielende Handlung entpuppt sich als Film-im-Film, wenn die Bilder in den im Jahr 2026 am Computer sitzenden Raúl (Leonardo Sbarglia) übergehen. Er ist zwar ein gefeierter Filmregisseur, der zu Festivals eingeladen und geehrt wird, leidet aber an einer Schaffenskrise und hat seit mehreren Jahren keinen Film mehr gedreht.
Wie Raúl unübersehbar Almodóvars Alter-Ego ist, so ist Elsa wiederum das Alter-Ego Raúls und damit natürlich auch wieder das Almodóvars. In Elsas Geschichte verarbeitet Raúl aber nicht nur eigene Erfahrungen, sondern auch die seiner Assistentin Monica (Aitana Sánchez-Gijón), die eine Freundin besucht, deren Sohn vor einer schweren Tumoroperation steht.
So spürt Almodóvar in der kunstvollen Verschachtelung der beiden Ebenen nicht nur der Frage nach künstlerischer Inspiration nach, sondern auch der nach ethischen Grenzen bei der Verarbeitung von fremden Schicksalen und Lebensgeschichten. Selbstreflexion, die schon "Los abrazos rotos" ("Zerrissene Umarmungen", 2009) und vor allem "Dolor y Gloria" ("Leid und Herrlichkeit", 2019) bestimmte, verbindet der Altmeister dabei mit einer für ihn typischen melodramatischen Geschichte über leidende Frauen.
Bald verschwindet nämlich im Film-im-Film, der den Titel "Amarga Navidad" tragen soll, Elsas als Feuerwehrmann und Stripper arbeitender Partner Beau (Patrick Criado) fast völlig und der Fokus richtet sich ganz auf Elsa. Zu ihrer unbewältigten Trauer über den Tod ihrer Mutter kommt dabei sowohl eine von ihrem Mann betrogene Freundin, mit der sie nach einer Panikattacke zur Erholung das Wochenende in einem Ferienhaus auf Lanzarote verbringen will, als auch eine weitere nach dem Unfalltod ihres Sohnes in tiefe Trauer versunkene Freundin.
Souverän baut Almodóvar in dieser Binnenhandlung nochmals Rückblenden ein, in denen sich Elsa an die erste Begegnung mit Beau bei einer Strip-Show oder an den Tod ihrer Mutter erinnert. Gleichzeitig legt der Spanier die Konstruktion des Films offen, wenn er sein Alter Ego Raúl sein Drehbuch zunächst mit einem "Fin" beenden, dann aber dieses Ende wieder streichen, einen Epilog ergänzen und schließlich eine ganz andere Geschichte schreiben lässt.
Beiläufig können mit den beiden Zeitebenen 2004 und 2026 am Rande auch gesellschaftliche Veränderungen sichtbar gemacht werden. So wird beispielsweise Beau, der mit einer langen, aber für die Handlung unwichtigen und selbstzweckhaften Strip-Show in einem Club einen Junggesellinnenabend ebenso wie Elsa begeistert, eine Gegenwart gegenübergestellt, in der Stripper obsolet geworden sind und man dafür in den Clubs Menschen beim Sex zusehen oder sich auch selbst daran beteiligen kann.
Aber auch filmische Entwicklungen werden sichtbar, wenn im Film-im Film Elsa sich nach zwei bei Publikum und Kritik durchgefallenen Spielfilmen auf Werbefilme spezialisiert hat, während Raúl im Jahr 2026 jederzeit für einen Streamingdienst wie Netflix arbeiten könnte.
Doch so raffiniert das auch konstruiert ist und so brillant mit Spiegelungen gearbeitet wird, wenn sich beispielsweise Elsa wie Raúl bei ihrem neuen Drehbuch vom Schicksal einer ihrer Freundinnen inspirieren lässt, so verzettelt sich Almodóvar doch auch in dieser Überkonstruktion. Während er in seinem letzten Film "The Room Next Door" (2024) zurückhaltend, aber konzentriert und bewegend von Sterbehilfe erzählte, wirkt "Amarga Navidad – Bitteres Fest" teilweise wie ein aus Versatzstücken anderer Almodóvar-Filme zusammengesetztes Patchwork.
So bewundert man zwar die kunstvolle Machart, erfreut sich an starken Bildern wie der schwarzen Vulkanlandschaft Lanzarotes, doch aufgrund des ständigen Wechsels nicht nur zwischen den Handlungsebenen, sondern auch zwischen Melodram und selbstreflexivem Künstlerporträt bleibt die emotionale Kraft dieses Films gering.
Amarga Navidad – Bitteres Fest
Spanien 2026
Regie: Pedro Almodóvar
mit: Bárbara Lennie, Leonardo Sbaraglia, Aitana Sánchez-Gijón, Victoria Luengo, Patrick Criado
Länge: 111 min.
Läuft jetzt in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan. - Ab 30.7. in den deutschen und österreichischen Kinos.
Trailer zu "Amarga Navidad - Bitteres Fest"




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