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Palästina 36 – Palestine 36

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 3 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit
"Palästina 36": Kraftvoller, aber einseitiger Historienfilm
"Palästina 36": Kraftvoller, aber einseitiger Historienfilm

1936: Die Palästinenser, die durch die Immigration von Juden, denen die britische Mandatsmacht eine "nationale Heimstätte" zugesichert hat, zunehmend eingeschränkt werden, beginnen gegen die britische Herrschaft zu rebellieren. Annemarie Jacir zeichnet in ihrem Historienfilm mit fiktiven Protagonist:innen aufwändig und kraftvoll die Geschichte dieses Aufstands nach, spart aber die jüdische Perspektive nahezu völlig aus.


Mindestens seit 80 Jahren ist der Nahe Osten ein Krisenherd. Die Wurzeln dafür sind aber schon in den 1930er Jahren zu suchen. Nach der jüdischen Diaspora in der römischen Antike gab es seit dem 7. Jahrhundert n. Chr. in Palästina nämlich eine starke muslimische Präsenz. Mit der von Theodor Herzl Ende des 19. Jahrhunderts in seinem Buch "Der Judenstaat" initiierten zionistischen Bewegung und der zunehmenden Verfolgung der Juden im zaristischen Russland und dann im Nationalsozialismus setzte aber eine zunehmend intensivere jüdische Immigration in Palästina ein.


Zudem hatte Großbritannien, das der Völkerbund nach dem Ersten Weltkrieg zur Mandatsmacht über Palästina gemacht hatte, schon 1917 in der "Balfour Deklaration" sich einverstanden erklärt, für das jüdische Volk eine "nationale Heimstätte" in Palästina zu errichten. Fast zwangsläufig musste es damit zu Konflikten kommen, als sich durch die nationalsozialistische Verfolgung in Europa die jüdische Immigration verstärkte. Denn einerseits verringerte die jüdische Siedlertätigkeit sukzessive das Gebiet der Palästinenser, andererseits verdrängten die Neuankömmlinge die Palästinenser auch auf dem Arbeitsmarkt.


Weil diese Entwicklung von der britischen Mandatsmacht geduldet, wenn nicht gar gefördert wurde, begann es in der palästinensischen Bevölkerung zu gären. Ein Generalstreik wurde ausgerufen, der wiederum zu Schikanen und Repressalien der Briten führte, sodass sich der Konflikt zu einem dreijährigen Aufstand hochschaukelte. Auf Sabotageakte und Anschläge der Palästinenser reagierten die Briten dabei mit Verhaftungen, Hinrichtungen und der Zerstörung von palästinensischen Dörfern.


Um diese Entwicklung als packenden Historienfilm nachzuzeichnen, setzt Annemarie Jacir auf mehrere fiktive Protagonist:innen. Nur lose miteinander verbunden erzählt sie, unterstützt durch Zeitinserts, parallel vom jungen Yusuf (Karim Daoud Anaya), der zwischen seinem Dorf und Jerusalem, in dem er bei einer vornehmen arabischen Familie als Chauffeur arbeitet, pendelt, dem Hafenarbeiter Khalid (Saleh Bakri) und dem Mädchen Afra (Wardi Eilabouni), das mit ihrer Familie auf dem Land lebt.


Durch die Brutalität und die Schikanen der Briten, die Jacir wiederum vor allem im sadistischen Captain Wingate (Robert Aramayo) personifiziert, werden diese drei Palästinenser:innen zunehmend politisiert und in den Aufstand hineingezogen. Dazu kommt als weitere Protagonistin eine engagierte Journalistin, die als Frau unter männlichem Pseudonym schreibt und entschieden Position für die Palästinenser bezieht, während ihr Ehemann und Chef sich zu arrangieren versucht und gegen Bezahlung auch pro-zionistische Kommentare veröffentlicht.


Plastischen Einblick in die unterschiedlichen Positionen bietet Jacir durch dieses breit angelegte Geflecht zwar, doch fehlt dem konventionell erzählten Historienfilm damit ein echtes erzählerisches Zentrum. Erschütternde Durchschlagskraft entwickelt "Palästina 36" so erst im Finale, wenn sich die Ereignisse in einem Dorf zuspitzen und die ganze Brutalität der britischen Mandatsmacht drastisch zutage tritt.


Zweifellos gekonnt emotionalisiert Jacir, arbeitet aber auch mit einer vereinfachenden Schwarzweißmalerei und spart vor allem die jüdische Perspektive fast völlig aus. Abgesehen von einer Szene wird an deren Schicksal nur im digital restaurierten und kolorierten Archivmaterial erinnert, mit dem die Filmhandlung einerseits in den größeren historischen Kontext eingebettet wird, andererseits die Authentizität des Geschilderten unterstrichen werden soll.


Doch trotz dieser Einseitigkeit und trotz der dramaturgischen Zerfaserung in zu viele Handlungsstränge muss man Jacir zugutehalten, dass sie in ihrem bislang größten Film, der von zahlreichen Ländern koproduziert wurde, aber in Palästina und Jordanien gedreht wurde, ein wenig beachtetes Thema effektvoll für ein breites Publikum aufbereitet hat und – wenn auch einseitig - Einblick in die Wurzeln eines scheinbar unlösbaren Konflikts bietet.



Palästina 36 – Palestine 36

Palästina / Großbritannien / Frankreich / Dänemark / Katar / Saudi-Arabien / Jordanien 2026

Regie: Annemarie Jacir

mit: Karim Daoud Anaya, Saleh Bakri, Hiam Abbass, Yasmine Al Massri, Jeremy Irons 

Länge: 119 min.



Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen

FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 17.6., 18 Uhr + Do 18.6., 19.30 Uhr (arab.-engl. OmU.)



Trailer zu "Palästina 36 – Palestine 36"


 

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