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Der verlorene Mann

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 1 Stunde
  • 3 Min. Lesezeit

30 Jahre nach der Scheidung steht der an Alzheimer erkrankte Kurt plötzlich vor dem Haus seiner Ex-Frau Hanne, die schon seit Jahren mit einem pensionierten Pfarrer verheiratet ist: Welf Reinhart inszeniert, unterstützt vom großartigen Schauspieler:innen-Trio Harald Krassnitzer, Dagmar Manzel und August Zirner, keine bedrückende Alzheimer-Studie, sondern eine sanfte, von leisem Witz durchzogene Tragikomödie über Vergessen, Erinnern und eine ungewöhnliche Ménage à trois.


Bedrückende Tragödien sind Filme über Alzheimer von Sarah Polleys "Away from Her" ("An ihrer Seite", 2006) über Richard Glatzers und Wash Westmorelands "Still Alice" (2014) bis zu Gaspar Noés "Vortex" (2021) und Florian Zellers "The Father" (2020). Verstörte aber Zeller, in dem er in die Perspektive eines an Alzheimer Erkrankten versetzte, so bestimmt Welf Reinharts Langfilmdebüt der Blick von außen.


Nicht der fortschreitende Verfall steht im Zentrum, sondern vielmehr der Umgang der Umwelt mit dem Erkrankten. Ebenso verstört wie abweisend reagiert die Kunstlehrerin und Künstlerin Hanne (Dagmar Manzel), als ihr Ex-Mann Kurt (Harald Krassnitzer) vor ihrem Haus steht. Sie weiß nicht, was mit Kurt los ist, denn er glaubt immer noch ihr Mann zu sein, obwohl sie sich doch schon vor 30 Jahren scheiden ließen.


Will sie ihn möglichst rasch wieder loswerden, so fühlt sich ihr neuer Mann Bernd (August Zirner), dessen soziale Haltung auch mit seinem früheren Beruf als Pfarrer erklärt wird, verantwortlich für den offensichtlich verwirrten Mann. Erst ein Armband mit der Telefonnummer von Kurts Tochter und ein Anruf bringt Aufklärung, dass der überraschende Besuch an Alzheimer leidet.


Weil aber das Pflegeheim, in dem die Tochter ihren Vater für die Zeit einer Auslandsreise untergebracht hat, Kurt nicht mehr aufnehmen will, da er schon mehrmals ausgebüxt ist, nehmen Hanne und Bernd ihn vorübergehend in ihrem Haus auf.


Weil Reinhart dabei immer wieder zwischen sanftem Humor und berührenden Momenten pendelt, wird "Der verlorene Mann" trotz des ernsten und bedrückenden Themas nie niederschmetternd, sondern bewahrt Leichtigkeit. Ebenso witzig wie gleichzeitig traurig ist beispielsweise, wenn Kurt glaubt, dass nicht er, sondern Bernd an Alzheimer leide, oder wenn er nachts aus dem Gästezimmer ins Zimmer und Bett des Ehepaars wechselt.


Mit der Nähe legt Hanne aber auch langsam die feindselige Haltung gegenüber dem immer noch charmanten Kurt ab. Nicht nur Verantwortungsbewusstsein, sondern auch Empathie und Liebe kommen wieder auf, sodass sich Bernd zunehmend an den Rand gedrängt fühlt und sich Gedanken über die Zukunft seiner Ehe mit Hanne macht.


So entwickelt sich der von Kameramann Micky Graeter atmosphärisch stimmig in einer frostigen und kahlen Herbst- und Winterlandschaft verankerte Film zu einer ungewöhnlichen Menage à trois, die Harald Krassnitzer, Dagmar Manzel und August Zirner eine große Plattform bietet.


Bewegend vermittelt Krassnitzer vor allem durch Mimik und Körperspiel Kurts Desorientierung und Verwirrtheit, ist bald zärtlich, bald in seiner Unwissenheit der realen Verhältnisse übergriffig und reagiert dann wieder wütend auf Zurückweisung. Dagmar Manzel wiederum lässt die Liebe Hannes zu beiden Männern und ihre wachsende Zerrissenheit spüren, während August Zirner Bernd mit großartiger Zurückhaltung als zunehmend in die Zuschauerrolle verdrängten Ehemann spielt.


Reinhart vertraut auf dieses Trio, lässt ihm in langen Einstellungen immer wieder viel Zeit, verzichtet auf dramatische Zuspitzungen und erzählt, auch dank des reduzierten, aber überlegten Musikeinsatzes, zurückhaltend und leise. Zentral für den Film ist dabei sein empathischer Blick. In jeder Szene spürt man die Menschenliebe und Sympathie des Regisseurs für seine Protagonist:innen und lässt sie durchaus auch mit Schalk eine Beziehung bilden, die an die 68er-Bewegung erinnert.


Da entwickelt "Der verlorene Mann" die Utopie eines versöhnlichen und beglückenden Umgangs mit Alzheimer-Patienten, macht aber auch klar, dass diese labile Konstellation nicht auf Dauer Bestand haben wird und angesichts der fortschreitenden Krankheit früher oder später doch die Einweisung in ein Heim folgen wird.



Der verlorene Mann

Deutschland 2026

Regie: Welf Reinhart

mit: Dagmar Manzel, Harald Krassnitzer, August Zirner, Lene Dax, Dionne Wudu

Länge: 106 min.



Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Cinema Dornbirn.



Trailer zu "Der verlorene Mann"


 

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