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Nürnberg - Nuremberg

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 3 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit
"Nürnberg": Geschichtslektion und Psychoduell
"Nürnberg": Geschichtslektion und Psychoduell

James Vanderbilt bricht den Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses von 1945/46 auf einen Spielfilm nach Hollywood-Muster herunter und fokussiert auf dem Psychoduell zwischen dem Angeklagten Hermann Göring und dem Psychiater Douglas M. Kelley: Russell Crowe brilliert als NS-Reichsmarschall, doch insgesamt bleibt der Film oberflächlich und hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck.


Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess von 1945/46, bei dem 24 zentrale NS-Politiker und NS-Militärs auf der Anklagebank saßen, war der erste Prozess gegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Grundlage bildete er so für den späteren und heutigen Umgang mit Kriegsverbrechen und spielte auch eine wichtige Rolle bei der Einrichtung des Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag.


James Vanderbilt diente für seinen Film das 2013 erschienene Sachbuch "The Nazi and the Psychiatrist" des US-amerikanischen Wissenschaftsjournalisten Jack El-Hai als Grundlage. El-Hai fokussiert darin auf der Beziehung zwischen Hermann Göring und dem Psychiater Douglas M. Kelley, der den Reichsfeldmarschall im Gefängnis auf seine psychische Verfassung untersuchen sollte.


Plakativ und platt ist schon die erste Einstellung, wenn ein Schwenk über eine Flüchtlingskolonne damit endet, dass ein US-Soldat auf eine Kiste pinkelt, auf die ein Hakenkreuz gezeichnet ist. Die Botschaft des Bildes ist klar: Die Machtverhältnisse haben sich gedreht und nun soll mit den Nazis abgerechnet werden.


Sogleich wird auch Hermann Göring (Russell Crowe) verhaftet, dessen Chauffeur sich mit einem Mercedes den Weg durch die Flüchtlingskolonne bahnt. Als eitler Popanz wird er präsentiert, wenn er bei der Verhaftung die Soldaten auffordert, seine Gepäck aus dem Kofferraum zu holen.


Doch auch das sprachliche Problem dieses US-Films bahnt sich hier schon an. Denn während der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess als Geburtsstunde des modernen Dolmetschens gilt, wird in Vanderbilts Film in der synchronisierten Fassung fast durchgehend Deutsch (im Original wohl Englisch) gesprochen. Nur bei den ersten Gesprächen zwischen Kelley und Göring sowie bei kurzen Vernehmungen von anderen NS-Größen ist ein Dolmetscher dabei, der kurze Sätze übersetzt, danach spricht Russell Crowe als Göring sowohl mit dem Psychiater als auch bei der Verhandlung akzentfrei deutsch (bzw. im Original wohl englisch) und auch mit Görings Frau spricht Kelley Deutsch. – Dolmetscher sind hier nicht mehr nötig.


Wie damit das historische Geschehen für ein Massenpublikum vereinfacht wird, arbeitet Vanderbilt auch auf weiteren Ebenen mit klassischen Hollywood-Strategien. So begegnet Kelley schon bei der Zugfahrt ins luxemburgische Bad Monford, wo die Nazi-Größen zunächst gefangen gehalten wurden, einer Journalistin (Lydia Peckham), die später punktuell immer wieder auftauchen wird. Damit soll wohl dafür gesorgt werden, dass in dem männerdominierten Film ein weiblicher Akzent nicht fehlt, zudem kann hier Kelley gleich seine Zaubertricks präsentieren, die sich durch den Film ziehen.


Schwer nachvollziehbar ist – zumindest in der Verkürzung - auch die enge Beziehung, die sich zwischen Kelley und Görings Frau und Tochter entwickelt, und auch das Psychoduell zwischen dem Kriegsverbrecher und dem Psychiater hält sich wohl mehr an Hollywood als an die Realität. Großartig spielt Russell Crowe zwar Göring als ebenso charmanten wie manipulativen Narzissten, dennoch ist schwer zu glauben, dass Kelley diesem diabolischen Kriegsverbrecher auf den Leim geht und sich sogar so etwas wie eine Freundschaft entwickelt. – Problematisch ist zudem, wie dieser Täter, der erwiesenermaßen hochintelligent war, durch die Fokussierung und das Spiel Crowes zu einer eindrucksvollen Person hochstilisiert wird.


Unglaubwürdig ist aber beispielsweise auch, dass sich der Hauptanklagevertreter Robert Jackson (Michael Shannon) und Kelley nachts auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände zu einem Gespräch treffen. Diese Szene dient ebenso dazu Einblick ins NS-Regime zu bieten wie der jüdische Dolmetscher Howie Triest (Leo Woodall), der über seine Emigration aus Deutschland und die Ermordung seiner Eltern erzählt, oder das erschütternde Archivmaterial aus den Konzentrations- und Vernichtungslagern.


Während Brian Tylers aufdonnernde Musik für Pathos sorgt, erinnern Totalen der Nürnberger Trümmerlandschaft zwischen den Innenszenen in dem ganz in dunkle Grau- und Blautöne getauchten Film immer wieder an die Kriegsfolgen.


In klassischer Hollywood-Manier entwickelt sich "Nürnberg" auch nach langer Diskussion, ob die NS-Größen überhaupt vor Gericht gestellt werden oder sofort hingerichtet werden sollen, schließlich auf den großen Showdown im Gerichtsaal zu. Auch hier muss sich zwecks Spannungssteigerung freilich noch eine kritische Situation einstellen, ehe Göring doch noch seine Schuld eindeutig nachgewiesen werden kann.


Als Geschichtslektion für ein breites Publikum hat Vanderbilts nach "Der Moment der Wahrheit" (2015) zweite Regiearbeit dennoch seine Berechtigung, erinnert er doch eindrücklich an die Verbrechen des NS-Regimes. Ein wirklich überzeugender Film ist dem 51-jährigen US-Amerikaner aber nicht gelungen, denn außer der Beziehung zwischen Kelley und Göring wird nichts vertieft und bedenklich wirkt auch der Epilog, der insinuiert, dass Kelley an der  Begegnung mit Göring, die er im 1947 veröffentlichen Buch "22 Cells in Nuremberg: In the Nazi Mind" verarbeitete, letztlich zerbrochen ist.


 

Nürnberg - Nuremberg

USA 2025

Regie: James Vanderbilt

mit: Rami Malek, Russell Crowe, Michael Shannon, Richard E. Grant, Wrenn Schmidt, Leo Woodall, Colin Hanks, John Slattery, Mark O’Brien, Lydia Peckham

Länge: 148 min.



Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Cinema Dornbirn und im Kino GUK in Feldkirch (jeweils deutsche Fassung) sowie im Skino Schaan (engl. OmU.)



Trailer zu "Nürnberg - Nuremberg"



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