Polvo serán – They Will Be Dust
- Walter Gasperi

- vor 2 Stunden
- 3 Min. Lesezeit

Eine 70-jährige spanische Tänzerin, die an einem unheilbaren Gehirntumor leidet, beschließt in der Schweiz durch assistierten Suizid ihr Leben zu beenden: Carlos Marques-Marcet mischt sein von seiner großartigen Hauptdarstellerin Ángela Molina getragenes Melodram mit mitreißenden Tanz- und Musicalszenen auf.
"Polvo serán" – "Sie werden Staub sein": Nicht nur der Titel erinnert beinhart an die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens, sondern auch die drei Teile des Films werden jeweils mit Vanitas-Bildern eingeleitet. Klar voneinander getrennt spannt der Katalane Carlos Marques-Marcet dabei den Bogen von der Schilderung der Situation der 70-jährigen Tänzerin Claudia (Àngela Molina), bei der ein unheilbarer Gehirntumor diagnostiziert wurde, über ein Familientreffen bis zur Sterbehilfe in der Schweiz.
Nicht neu ist das Thema. François Ozon erzählte beispielsweise in "Tout s'est bien passé - Alles ist gut gegangen" (2021) ebenso davon wie Sabine Hiebler und Gerhard Ertl in "80 Plus – Toni und Helene" (2024) oder zuletzt Enya Baroux in "Bon Voyage – Bis hierher und noch weiter" (2025). Eine ganz eigene Note verleiht Marques-Marcet seinem Film aber dadurch, dass er passend zum Beruf seiner Protagonistin und ihres als Regisseur arbeitenden Mannes die realistische Ebene mehrfach durch Tanz- und Musicalszenen aufbricht.
Auf diese ungewöhnliche Mischung stimmt schon der Auftakt ein, in der zu einer von Maria Callas gesungenen Opernarie Claudia schreiend durch die Wohnung rennt und von zwei Sanitätern erst nach langem Kampf gebändigt werden kann. Gleichzeitig ist dies eine der wenigen Szenen, in der die Schmerzen Claudias und ihre Wut über den nahen Tod hautnah spürbar werden.
Keine Geschichte von Siechtum erzählt Marques-Marcet, denn auch eine halbseitige Lähmung und Erblindung auf einem Auge löst sich überraschend wieder auf, und rüstig bleibt die Seniorin bis zu ihrem freiwilligen Ende. Ihr langjähriger Partner Flavio (Alfredo Castro) will sie dabei nicht nur bei ihrer Reise in die Schweiz begleiten, sondern auch mit ihr aus dem Leben scheiden.
Während Tochter Violeta (Mònica Almirall), die als Musikerin arbeitet, sich fürsorglich um die Eltern kümmert, werden die anderen beiden erwachsenen Kinder und die Enkel zu einem Treffen zusammengerufen. Offiziell geben Claudia und Flavio an, nochmals heiraten zu wollen, wollen in Wahrheit aber alle über ihren Entschluss informieren. Nicht nur Spannungen und Risse im Familiengefüge werden dabei in den Reaktionen auf die Entscheidung für Sterbehilfe sichtbar, sondern in einer fulminanten Tanzszene, die an die Musicals Busby Berkeleys erinnert, stellt sich Claudia auch ihren Tod vor.
Die Geschichte an sich und deren Inszenierung bietet an sich wenig Überraschungen. Theaterhaft wirken auch einige Szenen, in denen Marques-Marcet vor allem dem spanischen Altstar Ángela Molina eine große Bühne bietet, um ihre Schauspielkunst zu demonstrieren. Doch daneben gibt es eben auch die Tanz- und Musicalszenen.
Diese lassen sich nicht auf einen Nenner bringen, sondern beeindrucken auch durch ihre stilistische Vielfalt. Bald orientieren sie sich nämlich an amerikanischen Musicals, dann wieder mit einem Tanz in einem Bus am modernen Tanz. Gleichzeitig überhöhen diese Momente auch die Auseinandersetzung mit dem Tod, nehmen dem Melodram immer wieder seine Schwere und spielen mit dem Gegensatz von Todesstimmung und Lebensfreude
Vor allem am Ende stellt sich dabei ein ebenso heftiger wie makabrer Kontrast ein, mit dem wohl nicht alle Zuschauer:innen zurechtkommen dürften. Denn da wird nicht nur akribisch genau das Procedere des assistierten Suizids geschildert, sondern den Bildern vom Verschließen des Sargs, dem Kremieren und dem Sammeln der Asche ist auch der fröhliche Song "Alles hat ein Ende. Es gibt keine Ewigkeit" unterlegt.
Polvo serán
Spanien / Schweiz / Italien 2024
Regie: Carlos Marques-Marcet
mit: Ángela Molina, Alfredo Castro, Mònica Almirall, Patrícia Bargalló, Alván Prado, Manuela Biedermann
Länge: 106 min.
Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen.
Trailer zu "Polvo serán - They Will Be Dust"




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