• Walter Gasperi

The Father


Der französische Autor Florian Zeller hat mit Anthony Hopkins und Olivia Colman sein eigenes Theaterstück um einen dementen Mann und seine Tochter verfilmt. – Großes Schauspielerkino, bei dem beim Publikum durch die Perspektive des alten Mannes auch dessen Desorientierung und Verwirrung eindrücklich vermittelt wird.


Schon 2015 hat Philippe Le Guay unter dem Titel "Floride" mit Jean Rochefort und Sandrine Kiberlain Florian Zellers 2012 uraufgeführtes und international gefeiertes Stück "Le père" verfilmt. Nun hat der Autor selbst als sein Regiedebüt sein Stück, zu dem ihn die Geschichte seiner Großmutter inspirierte nochmals für die Leinwand adaptiert. Zusammen mit Christopher Hampton schrieb er auch das Drehbuch, das prompt mit einem Oscar ausgezeichnet wurde.


Dass hinter "The Father" ein Bühnenstück steckt, ist kaum zu übersehen, denn außer der ersten Szene, in der man Tochter Anne (Olivia Colman) auf dem Weg durch die Straßen Londons zu ihrem 81-jährigenVater Anthony (Anthony Hopkins) begleitet, spielt dieses Drama fast ausschließlich in der großbürgerlichen, geräumigen Wohnung.


Wie abgefilmtes Theater wirkt dies aber nie, denn wo die Bühne mit Präsenz punkten kann, kann die Leinwand mit Großaufnahmen und Blickkontakten dem Geschehen Nachdruck verleihen. Seine ganze Schauspielkunst wirft so Anthony Hopkins, der für seine Leistung nach seinem Hannibal Lecter in "Das Schweigen der Lämmer" 1992 heuer seinen zweiten Oscar als bester Hauptdarsteller erhielt, in diese Rolle und bleibt dabei doch ganz unaffektiert und zurückhaltend.


Mehr zu leben als zu spielen scheint er diesen alten Mann, gibt ihn mal als charmant, witzig und eloquent, dann wieder als verletzend und aggressiv, wirkt auf den ersten Blick teilweise geistig rüstig, bis doch seine Gedächtnislücken sichtbar werden. Immer wieder lässt Hopkins dabei auch spüren, dass sich sein Anthony phasenweise des Verlusts seines Erinnerungsvermögens bewusst ist und wie das in ihm bohrt, ihn verzweifeln lässt.


In diesem Blick auf einen dementen Menschen scheint sich "The Father" zunächst in den bekannten Bahnen von Dramen wie "Still Alice" oder "Away From Her" zu bewegen, bis sich auch bald auch beim Publikum Irritationen einstellen. Denn da wiederholen sich plötzlich Szenen in anderer Form, bald taucht ein seltsamer Fremder in Anthonys Wohnung auf, deren Möblierung sich mehrfach zu verändern scheint, und schließlich scheint auch seine Tochter Anne völlig verändert.


Glaubt man zunächst einer geradlinigen Erzählung zu folgen, wird bald klar, dass Zeller das Publikum in die Perspektive von Anthony versetzt. Mit zahlreichen Wendungen und dem bruchlosen Wechsel zwischen Realität und Halluzinationen, die von der Realität nicht abgehoben werden, wird man so selbst in einen Zustand der Desorientierung und Verwirrung versetzt und kann vielleicht ansatzweise nachvollziehen, wie sich ein dementer Mensch fühlt.


Weniger eine Geschichte stellt sich so ein, als vielmehr ein – und das ist hier durchaus positiv gemeint – Brei von Szenen und Begegnungen, bei dem sich sowohl ein zeitliches Kontinuum als auch die Grenzen zwischen Schein und Realität auflösen. Wichtige Rolle spielt dabei auch die Armbanduhr, die Anthony aus Angst vor Diebstahl immer wieder versteckt. Denn Uhr und die Zeit erscheinen als zentrale Mittel um dem Leben Struktur zu verleihen, die ihm selbst zusehends entgleitet. Klassisches Mindfuck-Kino bietet "The Father" mit dieser destabilisierenden Erzählweise, bleibt aber ganz im Alltäglichen verhaftet und berührt durch das bewegende Spiel Hopkins´ zutiefst.


Gleichzeitig lässt Zeller aber auch nicht die Situation von Anthonys Tochter Anne außer Acht. Eindrücklich vermittelt Olivia Colman, die großartig mit Hopkins harmoniert, deren Sorge um den Vater, aber auch den Schmerz über die Demütigungen und die Zurücksetzung gegenüber der abwesenden jüngeren Schwester. Sichtbar wird, wie ihr Kampf zunehmend schwerer wird, wie ihre Geduld und vor allem die ihres Partners zunehmend mehr strapaziert wird und auch ihre Beziehung durch den bedingungslosen Einsatz für den Vater Risse bekommt.


Zellers genauer und nüchterner Blick für die Realität lässt dabei nie Sentimentalität aufkommen und auch ein versöhnliches Ende kann es hier nicht geben. Mit einem Blick auf die Bäume eines Parks mag "The Father" zwar ruhig enden, doch mitdenken muss man auch bei diesem eindrücklichen Schlussbild, dass sich der Zustand Anthonys, der nun nicht einmal mehr sich selbst erkennt und nach seiner eigenen Identität fragt, weiter verschlechtern und er seinem Ende entgegendämmern wird.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Skino in Schaan und im Kino Madlen in Heerbrugg sowie ab 1.7. im Kinok St. Gallen - ab 27. August in den österreichischen Kinos


Trailer zu "The Father"