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The North

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • 14. Mai
  • 4 Min. Lesezeit
"The North": Spektakulär unspektakuläre Wanderung durch die schottischen Highlands
"The North": Spektakulär unspektakuläre Wanderung durch die schottischen Highlands

Zwei Freunde wandern einen Monat lang durch die schottischen Highlands: In großartiger Landschaft entwickelt der Niederländer Bart Schrijver einen aufregend unspektakulären, fast dokumentarischen Spielfilm, der auf alle Neben- und Hintergrundgeschichten verzichtet und sich ganz auf seine beiden Protagonisten und den Alltag des Wanderns konzentriert.


Zu Schwarzfilm hört man plätschernden Regen und dann das Gespräch zweier Männer, die über einen letzten gemeinsamen Abend sprechen, den sie mit dem Kartenspiel Uno und Bier verbringen werden. - Der Regen und Uno werden die beiden Protagonisten und die Zuschauer:innen die folgenden 130 Minuten begleiten.


Mit dem Insert "10 Jahre später" setzt die eigentliche Handlung ein. Auf jede Exposition verzichtet Bart Schrijer, sondern lässt die Kamera in Parallelfahrt dem Niederländer Chris (Bart Harder) und dem Spanier Lluis (Charles Pulido) sofort mit ihren großen Rücksäcken durch ein schottisches Dorf zu einem Markierungspunkt folgen, bei dem der West Highland Trail beginnt.


Nicht nur diesen 154 Kilometer langen Fernwanderweg wollen die beiden Männer in den kommenden rund 30 Tage bewältigen, sondern anschließend auch den Cape Wrath Trail, der nach 321 Kilometer am nordwestlichsten Punkt Großbritanniens endet.


Beiläufig erfährt man nur etwas über die beiden Protagonisten. Die Gespräche kreisen vielfach um das beim Wandern Alltägliche von der Wahl des nächsten Zeltplatzes bis zu den Speisen. Rasch treten freilich Gegensätze zutage, wenn Chris immer wieder am Handy hängt, um mit seinen Mitarbeitern berufliche Fragen zu besprechen oder seine Freundin über die Reise zu informieren, während Lluis jeden Kontakt nach außen vermeidet und sich auch zunehmend zurückzieht.


Während Lluis nur wandern und den Weg hinter sich bringen will, um sich damit wohl auch selbst etwas zu beweisen, genießt Chris immer wieder die großartige Landschaft und will auch Abstecher machen, um beispielsweise spektakuläre Wasserfälle zu besichtigen. Und während Lluis mit analogen Landkarten arbeiten will, setzt Chris auf die GPS Daten des Handys.


Doch Schrijver breitet nichts aus, inszeniert zurückhaltend und geradezu spektakulär unspektakulär. Im Gegensatz zu anderen "Wanderfilmen" von "Wild" ("Der große Trip", 2014) bis zu "The Salt Path" ("Der Salzpfad", 2024) spart der Niederländer nicht nur dramatische Ereignisse völlig aus, sondern verzichtet auch auf Rückblenden, die Einblick in die Vorgeschichte der beiden Wanderer bieten.


Auch Begegnungen mit anderen Wanderern werden hier nicht breit ausgewalzt, sondern sehr kurz gehalten. Da fragt zwar ein junger Mann, ob er neben dem Duo zelten darf, und Chris und Luis begleiten eine junge Frau zum Sonnenaufgang, der sich dann doch nicht zeigt, aber in der nächsten Szene sind diese Mitwanderer schon wieder verschwunden. Etwas länger fällt nur ein Gespräch von Chris mit einem alten Mann aus, der betont, dass nichts die Wahrheit im Menschen so zum Vorschein bringe, wie eine längere Zeit in der Natur zu wandern.


So liegt der Fokus ganz auf Chris und Lluis, auf ihrer Freundschaft und zunächst unterschwelligen Konflikten sowie dem Alltag des Wanderns. Man folgt ihnen auf guten Wegen und durch weglose Heidelandschaft ebenso wie durch Dörfer, beim Aufbau des Zeltes bei einem Sturm und bei Übernachtungen in Hütten ebenso wie bei der Zubereitung der Mahlzeit mit Gaskocher und dem Uno-Spiel im Zelt.


Einen quasidokumentarischen Gestus entwickelt dieser Spielfilm dabei nicht nur durch den Verzicht auf Filmmusik und das Vertrauen auf Naturgeräusche vom Pfeifen des Windes über die rauschende Meeresbrandung und das Knirschen der Steine auf dem Weg bis zum schweren Atem der Wanderer, sondern auch dadurch, dass Schrijver für die Dreharbeiten die beiden Wanderer den größten Teil ihres Weges mit einem kleinen Team von nur drei weiteren Mitarbeitern begleitet hat.


Spürbar wird dabei auch, dass der Regisseur selbst ein begeisterter Wanderer ist. Nicht nur Neuseeland hat er auf einem 3000 Kilometer langen Weitwanderweg schon durchquert, sondern auch den West Highland Trail und den Cape Wrath Trail ist er schon selbst gegangen. Mit seinem ruhigen Erzählrhythmus lässt er in die meditative Welt des Wanderns eintauchen, beschönigt dabei aber nie die Beschwerlichkeiten.


Nie stellt er auch die weite, von Hügeln und Seen bestimmte Landschaft der Highlands postkartenmäßig aus, sondern lässt in den großartigen Totalen (Kamera: Twan Peeters) immer ihre Rauheit spüren. Fast nie strahlt auch die Sonne vom Himmel, sondern vielmehr dominieren ein wolkenverhangener Himmel, pfeifender Wind und immer wieder heftige Regenschauer und auch der Kampf gegen Mückenschwärme erschwert das Leben.


So unaufdringlich und zurückhaltend das aber auch inszeniert ist, so erzählt "The North" gegen Ende doch auch von der heilenden Kraft des Wanderns, wenn Chris als auch Lluis getrennt voneinander am Meeresstrand ihre Trauer, Wut und inneren Wunden förmlich aus sich herausschreien. Gelöster wirkt dann auch der Spanier, telefoniert schließlich doch mit seiner Familie und scheint die Natur nun auch zu genießen.


Auch Musik setzt Schrijver am Schluss doch noch ein, wenn Chris und Lluis wieder zu den Uno-Karten greifen, dennoch bleibt auch das Ende so unaufgeregt und lakonisch wie es zuvor die ganzen 130 Minuten dieses gerade in seiner Reduktion und Einfachheit großartigen Wanderfilms waren.



The North

Niederlande 2025

Regie: Bart Schrijver

mit: Bart Harder, Carles Pulido, Olly Bassi, Gráinne Blumenthal, Luisa Hendry, David Honeyman, Chris Lawlor

Länge: 130 min.



Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan (jeweils engl. OmU.). - Ab 22.5. in den deutschen und österreichischen Kinos. TaSKino Feldkirch im Kino GUK: Do 18.9. bis Sa 20.6. (engl. OmU.)

FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 1.7., 18 Uhr + Do 2.7., 19.30 Uhr (engl. OmU.)



Trailer zu "The North"



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