Late Fame


Kent Jones verlegt Arthur Schnitzlers posthum veröffentlichte Novelle um einen in Vergessenheit geratenen, alternden Dichter, der von einer Gruppe junger Literaten wiederentdeckt wird, ins New York der Gegenwart: Eine von einem großartigen Willem Dafoe getragene, unaufgeregte und warmherzige Charakterstudie.
Erst 1977 und 2014 kam es zu Veröffentlichungen von Arthur Schnitzlers Novellenstoff, an dem er vom Frühjahr 1894 bis 1895 schrieb. Bruchlos transponiert Kent Jones, der Filmkritiker und von 2013 bis 2019 künstlerischer Leiter des New York Film Festivals war, in seinem zweiten Spielfilm die Handlung vom Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts ins New York der Gegenwart.
In Alltagsroutinen erstarrt ist das Leben des Mittsechziger Ed Saxberger (Willem Dafoe), dennoch geht er zufrieden in der winterlich kalten Metropole seinem Job als Briefsortierer bei der Post nach und trifft sich am Abend mit gleichaltrigen Freunden in seiner Stammkneipe. Bewegung kommt in sein ruhiges Leben, als ein junger Mann (Edmund Donovan) ihn anspricht, der über den Gedichtband "Way Past Go" schwärmt, den Saxberger in den späten 1970er Jahre als noch nicht ganz 20-Jähriger veröffentlicht hat.
Glaubt der einstige Dichter zunächst, dass sich hier jemand einen Scherz mit ihm erlaubt, fühlt er sich doch zunehmend geschmeichelt. Zurückhaltend reagiert er zwar auf die Einladung zu einem Abendessen mit dem Dichterzirkel des jungen Bewunderers, nimmt dann aber doch an. Bald ist auch die Idee einer Lesung mit Gedichten der jungen Literaten, aber auch mit einem neuen Werk von Saxberger geboren und auch der Kontakt zu einem jungen Verleger vermittelt ihm der junge Enthusiast.
Warmherzig ist der Blick von Jones auf den vergessenen Dichter, der durch den späten Ruhm aufblüht und auf die Freunde in seiner Kneipe plötzlich herabblickt. Vor allem die junge Schauspielerin Gloria (Greta Lee), die auch zum Dichterzirkel gehört, befeuert seine Lebensgeister, doch rasch bekommt dieses Bild Risse.
Denn die jungen Poeten geben sich zwar als arme Künstler aus, sind aber in Wahrheit Studenten aus vornehmem Haus, die in luxuriösen Wohnungen leben, und der Verleger rühmt sich vor allem seiner Kochbücher, zeigt aber wenig Interesse an Saxbergers Gedichten. Ein Fremdkörper ist der Wiederentdeckte aber auch bei der Lesung, denn mag sein Vortrag noch so beeindruckend sein, so wird er doch als alter Mann belächelt.
Jones erzählt entspannt, verzichtet auf inszenatorische Finessen und konzentriert sich ganz auf seine Charaktere. Stimmungsvoll kontrastiert er das winterlich kalte New York mit den in warme Farben getauchten Kneipen und Clubs. Mit sanfter Ironie zeichnet er das Bild eines Menschen, der sich von der späten Anerkennung blenden lässt und sein angestammtes Milieu verlässt, bis Enttäuschungen nicht ausbleiben.
Bissiger ist der Blick auf den aus der Zeit gefallenen Dichterzirkel. Viel reden die jungen Literaten zwar, bringen aber wenig selbst zustande und machen sich arrogant über andere junge Erwachsene lustig, die als Influencer auf Social-Media aktiv sind.
"Late Fame" will nie mehr sein als er ist und macht sich auch nicht wichtig, besticht aber durch den genauen Blick und die hinreißenden Porträts der Protagonist:innen. Anker des Films ist Willem Dafoe, der Saxberger zurückhaltend, aber mit viel Witz und Wärme spielt und dessen Freude über die späte Anerkennung in jedem Blick und jeder Geste spürbar macht.
Sein großartiges Zusammenspiel mit dem engagiert agierenden jungen Ensemble und auch die prägnante Zeichnung von Saxbergers Freundeskreis machen diese Charakterstudie zu einem von Melancholie durchzogenen filmischen Kleinod.
Late Fame
USA 2025
Regie: Kent Jones
mit: Willem Dafoe, Greta Lee, Edmund Donovan, Tony Torn, Jake Lacy, Graham Campbell
Länge: 97 min.
Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan.
Trailer zu "Late Fame"




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