top of page

Vaterland

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 2 Minuten
  • 4 Min. Lesezeit
"Vaterland": Visuell brillantes, meisterhaft verdichtetes Roadmovie um Exil und Sehnsucht nach Heimat
"Vaterland": Visuell brillantes, meisterhaft verdichtetes Roadmovie um Exil und Sehnsucht nach Heimat

Pawel Pawlikowski schickt Hanns Zischler und Sandra Hüller als Thomas Mann und Tochter Erika auf eine Reise durch das in Trümmern liegende, geteilte Deutschland des Jahres 1949: Ein visuell brillanter, meisterhaft verdichteter und großartig gespielter Film über die Sehnsucht nach Heimat und Identität.


Einen unverkennbaren Stil zeichnen inzwischen die Filme des Polen Pawel Pawlikowski aus: Sowohl den mit dem Oscar ausgezeichneten "Ida" (2013) als auch den mit fünf Europäischen Filmpreisen ausgezeichneten "Cold War – Der Breitengrad der Liebe" (2018) und nun auch "Vaterland" drehte er nicht nur im engen 4:3-Format, sondern auch in Schwarzweiß. Gemeinsam ist den drei Filmen auch, dass sie jeweils nur gut 80 Minuten lang sind und um Identitätssuche, Exil und die Sehnsucht nach Heimat und Zugehörigkeit kreisen.


Während in "Ida" eine junge katholische Novizin im kommunistischen Polen der frühen 1960er Jahren nach ihrer familiären Vergangenheit sucht, zerbricht in "Cold War – Der Breitengrad der Liebe" die Liebe eines Musikerpaares durch die Spaltung Europas in Ost und West. Spannte Pawlikowski in "Cold War" aber den Bogen von 1949 bis 1959, so konzentriert er sich in "Vaterland" auf den zeitlich engen Rahmen der Rückkehr Thomas Manns (Hanns Zischler) nach Deutschland im Jahr 1949 und auf seine Reise von Frankfurt am Main nach Weimar.


So historisch diese Reise ist, so nehmen sich Pawlikowski und sein Co-Drehbuchautor Henk Handloegten doch dramaturgische Freiheiten. Denn während in der Realität der Literaturnobelpreisträger von seiner Frau Katia begleitet wurde, reist im Film seine Tochter Erika (Sandra Hüller) mit ihm in einem schwarzen Buick durch das in Trümmern liegende und geteilte Deutschland. Einen Eingriff nahmen Pawlikowski und Handloegten aber auch hinsichtlich des Suizids von Manns Sohn Klaus (August Diehl) vor. Denn während dieser in Realität sich schon zwei Monate vor der Reise das Leben nahm, erreicht im Film Vater und Tochter die Nachricht während ihres Aufenthalts in Frankfurt.


Mit diesen Eingriffen kann der Film stärker auf die Vater-Tochter/Sohn-Beziehung fokussieren, in der sich teilweise auch wieder die Beziehung zum Vaterland Deutschland spiegelt. Nicht nur heimatlos fühlt sich Thomas Mann nämlich nach 16-jährigem Exil, davon elf Jahre in den USA, sondern er kehrt zudem in ein – wie Sohn Klaus sagt – "zwischen Mickey Mouse und Stalin geteiltes Land" zurück. Gleichzeitig steht der geschätzten starken Tochter Erika, die für ihren Vater als Assistentin die Reise organisiert, der ungeliebte Sohn Klaus gegenüber, dessen Tod Thomas Mann zumindest nach außen hin emotionslos hinnimmt.


Meisterhaft evozieren Pawlikowski und sein Stamm-Kameramann Łukasz Żal in bestechenden, genau komponierten Schwarzweißbildern, in denen wie in "Ida" oft viel freier Raum über den Köpfen der Figuren bleibt, die Atmosphäre der Nachkriegszeit. Gleichzeitig wird über Musik und Figuren auch prägnant das von den Westalliierten besetzte Frankfurt am Main und dem sowjetisch besetzten Weimar gegenübergestellt: Partystimmung mit Schlagern und Jazz im Westen stehen so steife Empfänge in Weimar und die zukünftige DDR-Nationalhymne gegenüber, die ein stramm in Reih und Glied stehender Kinderchor zur Begrüßung Thomas Manns singt.


Während im Westen immer noch oder schon wieder Alt-Nazis obenauf schwimmen und auf den Straßen deren Lieder gesungen werden, werden im Osten Regimegegner im ehemaligen KZ-Buchenwald eingesperrt. Einziges Bindeglied zwischen den beiden Systemen scheint der Über-Dichter Johann Wolfgang Goethe zu sein, anlässlich dessen 200. Geburtstags Thomas Mann sowohl in Goethes Geburtsstadt Frankfurt als auch in dessen zentraler Wirkungsstätte Weimar eine Rede halten und einen Goethe-Preis in Empfang nehmen soll.


Aber auch den Heimkehrer, der sich in Deutschland nicht mehr zu Hause fühlt, versuchen beide Seiten als Galionsfigur für sich zu vereinnahmen. Da versuchen einerseits im Westen die Enkel von Richard Wagner ihn dazu zu bewegen, sich für die Wiederbelebung der Bayreuther Festspiele einzusetzen, andererseits wird ihm im Osten die Position des Präsidenten der Akademie der Künste angeboten.


Neben der visuellen Brillanz des Films besteht die Kunst Pawlikowskis, der zusammen mit Piotr Wójcik auch für den Schnitt verantwortlich zeichnet, darin, die Szenen aufs Wesentliche zu verdichten. Da mag Erika Manns Ex-Ehemann Gustav Gründgens (Joachim Meyerhoff) auch nur in einer Szene auftauchen, doch wie sie diesem Karrieristen und Protegé Hermann Görings eine schallende Ohrfeige verpasst, bleibt ebenso haften, wie das kurze Gespräch Thomas Manns mit Richard Wagners Enkel Wieland und Wolfgang (Enno und Theo Trebs) oder die brutale Verhaftung eines Regimekritikers (Milan Peschel), der die Manns auf die stalinistischen Methoden aufmerksam machen möchte.


Unterstützt wird die meisterhafte Inszenierung durch das herausragende Ensemble. Eindringlich verkörpert Hanns Zischler Thomas Mann als kalten Über-Vater, der erst in der Schlussszene Emotionen zeigt, während Sandra Hüller intensiv die Zerrissenheit Erika Manns zwischen ihrem Vater und ihrem wohl auch an der Geringschätzung des Vaters zerbrochenen Bruder Klaus vermittelt.


Aber auch die Nebenrollen bis hin zu einem CIA-Beamten im Westen (David Menkin) im Westen und einem Funktionär in der Ostzone (Devid Striesow) sind so treffend besetzt, dass ein atmosphärisch ungemein dichtes Zeitbild entsteht, vor dem an der Reise der Manns und der Situation Deutschlands intensiv Fragen nach Heimat und nach Identität aufgeworfen werden.



Vaterland

Polen / Deutschland / Italien / Frankreich 2026

Regie: Pawel Pawlikowski

mit: Sandra Hüller, Hanns Zischler, August Diehl, Devid Striesow, Anna Madeley, Joachim Meyerhoff

Länge: 82 min.



Läuft derzeit in den deutschen und österreichischen Kinos, z.B. im Cinema Dornbirn und im Feldkircher Kino GUK (jeweils deutsche Originalfassung mit Untertitelung der kurzen englischen und französischen Passagen) - Ab 8.10. in den Schweizer Kinos. LeinwandLounge in der Remise Bludenz: 28.10., 19 Uhr Kinothek extra in der Kinothek Lustenau: Mo 2.11., 18 Uhr + Mi 11.11., 20 Uhr



Trailer zu "Vaterland"



 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Kommentare


bottom of page