Exit 8
- Walter Gasperi

- vor 59 Minuten
- 3 Min. Lesezeit

Ein junger Mann sucht in den Gängen der Tokioter U-Bahn verzweifelt nach dem Ausgang, kehrt aber immer wieder an den Ausgangspunkt zurück: Genki Kawamura ist mit der Verfilmung des gleichnamigen Escape-Video-Games ein ebenso minimalistischer wie effizienter Mystery-Horrorfilm gelungen, der klaustrophobische Spannung entwickelt.
Niemand reagiert als ein Geschäftsmann in der überfüllten Tokioter U-Bahn eine Mutter anschreit, weil ihr Baby schreit, sondern alle starren nur auf das Display ihres Smartphones. Auch ein namenlos bleibender junger Mann (Kazunari Ninomiya) steckt sich lieber die Stöpsel ins Ohr und hört Ravels Bolero, anstatt Zivilcourage zu zeigen und einzugreifen.
Unterbrochen wird er dann aber durch einen Anruf seiner Freundin, von der er sich vor kurzem getrennt hat. Drückt er den ersten Anruf noch weg, nimmt er den zweiten doch entgegen und erfährt, dass sie schwanger ist. Auch er wird so mit der Frage konfrontiert, ob sie das Kind behalten soll, und verspricht zu ihr ins Krankenhaus zu kommen.
Doch als er die U-Bahn verlassen will, steht er plötzlich in einem leeren Gang. Er folgt zwar dem Schild "Exit 8", doch scheint er sich in einer Endlosschleife verloren zu haben, in der ihm im Gang immer wieder ein schweigender Mann mit Aktentasche und später auch ein Junge entgegenkommt. Nicht nur ein Plakat an den Wänden mit MC Eschers Möbiusband verweist auf seine Situation, sondern auch die Zahl 8, die liegend für unendlich steht, und auch der einleitende Bolero, dessen Stilprinzip die Wiederholung des musikalischen Leitthemas ist.
Ziehen Genki Kawamura und sein Kameramann Keisuke Imamura die Zuschauer:innen zunächst mit konsequent subjektiver Kamera in die Perspektive seines Protagonisten hinein, so wechseln sie später zwischen den Blickrichtungen, um den Protagonisten in das U-Bahn-Setting einzubinden und klaustrophobische Spannung aufzubauen. Wesentlich zur Intensität tragen dabei auch die Beschränkung auf den von gekachelten weißen Wänden dominierten sterilen Gang mit dem gelben Exit-Schild, das Erzählen in Echtzeit und die Konzentration auf den Protagonisten bei.
Dichte Atmosphäre entwickelt "Exit 8", der ähnlich wie der Erfolgsfilm "Backrooms" mit dem Horror liminaler Räume arbeitet, und in die drei Kapitel "Der verwirrte Mann", "Der schreitende Mann" und "Der Junge" unterteilt ist, durch diese räumliche Reduktion auf diesen geschlossenen unterirdischen Raum. Aber auch mit einem starken Sounddesign und kleinen Variationen der Situation wird der Horror sukzessive gesteigert, ohne dass wirklich ein Aggressor sichtbar würde.
Da scheinen bald die Menschen auf den Plakaten mit ihren Augen dem Protagonisten zu folgen oder Blut von der Decke zu tropfen, doch dies könnten auch Angstvisionen des gestressten und unter Asthmaanfällen leidenden Mannes sein. Auch der zunächst harmlos wirkende Geschäftsmann kann mit seiner permanenten Wiederkehr ein Gefühl der Bedrohung und des Unwohlseins auslösen und schließlich kommt auch noch ein Junge ins Spiel.
Gleichzeitig fehlt durch weitere Telefonate mit der schwangeren Ex-Freundin die Rückbindung an die persönliche Situation nicht. Wie der Protagonist nämlich in der U-Bahn nach einem Ausgang sucht, so sucht er auch im Leben nach einem Ausweg und der richtigen Entscheidung. Aber er scheint auch von Gewissensbissen wegen seiner Tatenlosigkeit gegenüber dem Wutausbruch des Mannes am Beginn des Films geplagt zu werden.
So fühlt sich der sich steigernde Schrecken der schier endlosen Wiederholungen einerseits sehr real und konkret an, andererseits kann die Situation im U-Bahn Gang auch als Allegorie für die Situation des Mannes gelesen werden. Durch Verzicht auf Erklärungen und eine Backstory zum Protagonisten ist "Exit 8" offen für unterschiedliche Interpretationen. So kann man im Mann, dem die Hauptfigur begegnet, auch eine gealterte Version seiner selbst und im Jungen eine Vision seines noch ungeborenen Kindes sehen.
Als Bild für die Angst vor der Verantwortung einer Vaterschaft, der sich der Protagonist auch mit Blick auf die einleitende U-Bahn-Szene nicht gewachsen fühlt, kann man "Exit 8" so ebenso lesen wie angesichts seines Endes als Metapher für die Wiederholungen und die Monotonie des Alltags, aus denen es letztlich kein Entkommen zu geben scheint.
Exit 8
Japan 2025
Regie: Genki Kawamura
mit: Kazunari Ninomiya, Yamato Kōchi, Naru Asanuma, Nana Komatsu, Tara Nakashim
Länge: 95 min.
Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und Cineplexx Hohenems.
Trailer zu "Exit 8"




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