top of page

Salvation - Kurtuluş

Autorenbild: Walter Gasperi
Walter Gasperi
vor 2 Minuten
3 Min. Lesezeit
"Salvation - Kurtuluş": Packende türkische Parabel über die Mechanismen von Fanatismus und dessen erschütternde Folgen
"Salvation - Kurtuluş": Packende türkische Parabel über die Mechanismen von Fanatismus und dessen erschütternde Folgen

Konzentriert und mit unerbittlicher Konsequenz erzählt Emin Alper, wie sich der Hass eines türkischen Clans gegen einen benachbarten Clan sukzessive steigert, Ressentiments geschürt werden und ein Anführer die Bewohner:innen zunehmend manipuliert und lenkt: Eine packende Parabel über die Mechanismen von Fanatismus und dessen erschütternde Folgen.


Mit "Burning Days – Kurak Günler" (2022) legte Emin Alper zuletzt einen fesselnden Thriller um provinzielle Machtstrukturen, Machismo und Populismus vor. Auch in seinem neuen Spielfilm "Salvation – Kurtulus", der bei der heurigen Berlinale mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde, entführt der 1974 geborene Regisseur in den abgeschiedenen Südosten Anatoliens.


Inmitten dieser weiten Halbwüste steht einem Dorf auf einem Hügel eine Siedlung in der Ebene gegenüber. Oben und unten korrespondieren dabei auch mit den Machtverhältnissen. Denn während einst der in der Ebene lebende Clan der Bezari über die auf dem Hügel lebenden Hazeran herrschte, kehrten sich die Positionen um, als die Hazeran den Staat im Kampf gegen Terroristen unterstützten, die Bezari aber flohen.


Weil nun aber die Terroristen nahezu besiegt sind, kehren die Bezari wieder zurück und wollen die Felder, die inzwischen die Hazeran bewirtschaften, wieder übernehmen. Der geistliche Anführer der Hazeran ruft zwar zu Zurückhaltung auf und setzt sich für ein friedliches Zusammenleben ein, doch verliert er zunehmend die Unterstützung der bäuerlichen Bevölkerung, die sich hinter seinen Bruder Mesut stellt.


Nicht nur in diesen Brüdern spiegelt sich die explizit angesprochene biblische Geschichte von Kain und Abel. Wie nämlich dem gelehrten und auf Verständigung setzenden Ferit, der unversöhnliche Mesut gegenübersteht, der gerade von einer letzten Jagd auf die Terroristen zurückkehrt, so steht auch der Clan der Hazeran dem der Bezari gegenüber.


Alper erzählt dabei konsequent aus der Perspektive Mesuts, vermischt Realität und Wahnvorstellungen, wenn er diesen von Caner Cindoruk intensiv gespielten Mann immer wieder geschockt aus Alpträumen aufwachen lässt. Je mehr sich darin die Angst vor Übergriffen und Angriffen der Bezari verdichtet, desto mehr übernimmt Mesut in der Realität die Initiative und tritt aus dem Schatten seines gemäßigten Bruders.


Mit erfundenen Geschichten über Verbrechen der Nachbarn und Aussagen eines schlafwandelnden Jungen, die als göttliche Visionen interpretiert werden, verdrängt er mit der Unterstützung einiger Anhänger seinen Bruder, einigt die Hazeran hinter sich, schürt Ressentiments gegen die Bezari und vertreibt seinen Bruder und dessen Anhänger aus dem Dorf.


Visuell großartig wird die sukzessive eskalierende Handlung von den Kameramännern Ahmet Sesigürgil und Barış Aygen in dem labyrinthartig verwinkelten, von Brauntönen dominierten Bergdorf eingebettet. Die engen und steilen Gassen und die zahlreichen durch Türrahmen begrenzten Einstellungen evozieren dabei in dem im Cinemascope-Format gedrehten Film eine beklemmende Enge, in der sich auch die Einbahnstraße und die Ausweglosigkeit, mit der sich die Handlung entwickelt, spiegelt. Kontrast dazu bilden immer wieder die Totalen der weiten Ebene, die auch ein Gefühl von Offenheit im Denken beschwören.


Gerade aus dieser atmosphärisch dichten Verankerung im anatolischen Bergdorf und der unerbittlichen Konsequenz, mit der Alper die Handlung vorantreibt, entwickelt dieser fesselnde Thriller, der von einem Massaker während einer Hochzeit in Südostanatolien im Jahr 2009 inspiriert ist, seine Kraft und Universalität. Konzentriert und vielschichtig deckt er die Mechanismen von Fanatismus auf, die vom Genozid in Ruanda und der "ethnischen Säuberung" im Jugoslawienkrieg in den 1990er Jahren bis zur Unterdrückung der Uiguren durch China und dem Gazakrieg immer wieder zur Entmenschlichung und Ermordung der anderen mündet.


Zynisch Erlösung von jeder Bedrohung verspricht so auch Mesut durch die vollständige Auslöschung des anderen Clans, kann dieser dann doch keine Rache mehr üben. Doch der letzte Blick dieser eindringlichen Parabel macht nicht nur Hoffnung, dass dieses Verbrechen gesühnt wird, sondern weckt auch die Befürchtung, dass sich die Spirale der Rachegedanken und der Gewalt weiterdrehen wird.


 

Salvation - Kurtuluş

Türkei / Frankreich / Niederlande / Griechenland / Schweden / Saudi-Arabien 2026

Regie: Emin Alper

mit: Caner Cindoruk, Berkay Ateş, Feyyaz Duman, Naz Göktan, Özlem Taş

Länge: 120 min.



Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan.



Trailer zu "Salvation - Kurtuluş"


 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Kommentare


bottom of page