Plüss
- Walter Gasperi

- vor 15 Stunden
- 3 Min. Lesezeit

Martin Albisetti folgt in seinem Spielfilmdebüt einem von Max Rüdlinger gespielten Arbeitslosen einen Tag lang durch das winterliche Biel: Eine melancholische Hommage an die Heimatstadt des Filmemachers und eine Reflexion über das Spannungsfeld von Alltag und Lebensträumen in Zeiten der Verschärfung sozialer Gegensätze.
Grautöne dominieren die Ansichten des am Südfuß des Juras gelegenen Biel, mit denen Martin Albisetti, der neben Regie und Drehbuch auch für Kamera, Schnitt und Produktion verantwortlich zeichnet, sein Spielfilmdebüt eröffnet. Durch Schlote steigt Rauch auf und eine Nebelschicht liegt über der spätherbstlich kalten Stadt. Schon die ersten Einstellungen evozieren eine melancholische Stimmung, die sich durch den ganzen Film zieht und die durch die Musik von Raphael Sommer entscheidend verstärkt wird.
Frei nach der Erzählung "Der Kollege" des Bieler Schriftstellers Jörg Steiner erzählt "Plüss", der beim Internationalen Filmfestival von Monaco 2025 mit sechs Hauptpreisen ausgezeichnet wurde, nach diesem Einstieg von einem Tag im Leben des Arbeitslosen Max Plüss (Max Rüdlinger), der am Morgen aus einem Albtraum hochschreckt. Immer wieder wird in der Folge aber die fiktionale Ebene durch dokumentarische Szenen unterbrochen, in denen Gymnasiast:innen ebenso wie eine Trafikantin oder eine türkischsprachige Angestellte teils direkt in die Kamera über ihre Lebensträume sprechen.
Dem ereignislosen Weg von Plüss, der seine Umwelt immer wieder mit seiner Minox fotografiert, zu einer Hundehandlung, zum Bahnhofsvorplatz mit Schang Hutters Skulpturengruppe " Vertschaupet" ("Zertreten"), zur Mensa, wo er einen Kaffee trinkt, und schließlich zum Arbeitsamt, wo er erfährt, dass er nun "ausgesteuert" ist, steht mit diesen dokumentarischen Szenen ein Ausbruch aus dem Alltag gegenüber.
Denn da erzählt die Trafikantin vom Besuch eines Konzertes mit ihrem Vater, das in ihr früh den Wunsch von einer Karriere als Musikerin weckte, während die Gymnast:innen von Reisen nach Thailand, einem Leben in New York oder London oder einem Abtauchen in fremde Welten als Fantasy-Autorin träumen.
Gleichzeitig wird aber auch die Mehrsprachigkeit Biels spürbar, wenn fließend zwischen Französisch und Deutsch gewechselt wird und die türkische Angestellte, die gerne Werbetexterin wäre, in ihrer Muttersprache spricht. Aber auch auf der fiktionalen Ebene kommen Träume ins Spiel, wenn Plüss in einem Restaurant für den Besitzer Lottoscheine ausfüllt, die den großen Gewinn bringen sollen.
Wenn sich dabei schon früh ein Arbeitskollege (Yves Progin) als Begleiter von Plüss einstellt, entwickelt sich Albisettis Debüt aber auch zu einem Geisterfilm, denn langsam tritt zutage, dass dieser Freund an der Arbeitslosigkeit zerbrochen ist und Selbstmord begangen hat.
Spürbar wird so auch die Trauer und der Schmerz von Plüss über diesen Verlust. Gleichzeitig erzählt Albisetti aber auch unaufgeregt und poetisch von den gesellschaftlichen Verwerfungen durch den Wandel der Arbeitswelt, wenn er dem Vermögen der Konzerne, das in Dialogen angesprochen wird, die prekäre Situation des Protagonisten und seines Kollegen gegenüberstellt, die nach 30-jähriger Arbeitszeit entlassen wurden und nun mit 60 keinen neuen Job mehr finden.
Der durch Schauplätze und den See räumlichen Verankerung in Albisettis Geburts- und Heimatstadt steht dabei eine gewisse zeitliche Entrückung gegenüber. Denn nur ein Flachbildschirm in einem Restaurant, ein Computer im Arbeitsamt und das Smartphone eines Passanten machen bewusst, dass "Plüss" in der Gegenwart spielt, während sowohl die stimmungsvollen Schwarzweißbilder als auch die weitgehende Abwesenheit heute allgegenwärtiger Technologie, aber auch der langsame Erzählrhythmus das Gefühl einer vergangenen Zeit evozieren.
Beglückend ist dieses Debüt aber auch dadurch, dass Albisetti keine stringente Geschichte hineinpresst, sondern sich darauf beschränkt Plüss, der mit Max Rüdlinger ideal besetzt ist, durch diesen Tag zu folgen und spielerisch dokumentarische Szenen ebenso wie Rückblenden einzubauen. Nichts wird den Zuschauer:innen so aufs Auge gedrückt, sondern in seiner jazzig-befreiten Erzählweise lässt "Plüss" Freiraum, um seine Fantasie schweifen zu lassen, über seinen eigenen Alltag nachzudenken und sich eigene – vielleicht schon verschüttete – Lebensträume wieder ins Gedächtnis zu rufen.
Plüss Schweiz 2025
Regie: Martin Albisetti
mit: Max Rüdlinger, Nina Iseli, Yves Progin, Simon Grossenbacher, Andrea Zogg
Länge: 77 min.
Läuft jetzt in den Schweizer Kinos, z.B. ab 31.5. im Kinok St. Gallen (Premiere: Mi 27.5., 20 Uhr mit Regisseur Martin Albisetti und Komponist Raphael Sommer). - Weitere Termine der Schweizer Premierentour finden Sie hier.
Trailer zu "Plüss"




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