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Scarlet

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 2 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit
"Scarlet": Von Shakespeares "Hamlet" inspirierter bildmächtiger Animé um Rache und Vergebung
"Scarlet": Von Shakespeares "Hamlet" inspirierter bildmächtiger Animé um Rache und Vergebung

Rache oder Vergebung und die Frage nach dem Menschsein stehen im Zentrum von Mamoru Hosodas Animé, dessen Handlung sich an Shakespeares Tragödie "Hamlet" anlehnt: Ein visuell immer wieder überwältigendes, zutiefst humanistisches, aber auch etwas überfrachtetes Kinoerlebnis, das nur auf der großen Leinwand seine Wirkung entfaltet.


Der 59-jährige Mamoru Hosoda gehört zu den großen Meistern des Animé. Mit "Summer Wars" (2009) begeisterte er ebenso wie mit "Mirai – Das Mädchen aus der Zukunft" (2018) und zuletzt mit dem ebenso vielschichtigen wie mitreißenden "Belle" (2021).


Fulminant ist die Pre-Title-Sequenz, in der die Protagonistin in einer ebenso grandiosen wie tristen Wüsten- und Berglandschaft, die sich als Zwischenwelt zwischen Leben und Tod entpuppt, erwacht. Nur auf der großen Leinwand können diese spektakulären, am Computer animierte, fotorealistischen Landschaftsszenen ihre Wirkung entfalten.


Aufgehoben sind in dieser Zwischenwelt oder Vorhölle nicht nur die Grenzen zwischen Leben und Tod, sondern auch zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Auf Verstorbene aller Zeiten und Kulturen wird Scarlet hier treffen von einer Karawane, die durch die Wüste zieht, bis zu einer hawaiianischen Hula-Tänzerin.


Als sie sich aber hier aus der Erde erheben will, wird sie von zahllosen Händen zurückgerissen und eine Rückblende setzt ein, die mit dem dänischen Königshof des 16. Jahrhunderts in die Welt von Shakespeares "Hamlet" führt. Die Szenen dieser Erzählebene sind dabei im Gegensatz zur Zwischenwelt in klassischem handgezeichnetem 2D-Stil animiert.


Liebevoll kümmert sich hier König Amleth um seine Tochter Scarlet, doch bald fällt dieser menschenfreundliche König, der einen Konflikt mit einem benachbarten Volk mit Verhandlungen statt mit Krieg lösen will, einer Intrige seines machtgierigen Bruders Claudius zum Opfer und wird hingerichtet. Der neue König, der nicht nur die Witwe seines Bruders heiratet, sondern auch das einfache Volk ausbeutet, beseitigt aber auch die auf Rache sinnende Scarlet durch einen Gifttrank.


Doch auch in der Zwischenwelt wird Scarlet einzig vom Gedanken an Rache getrieben und liefert sich immer wieder heftige Kämpfe mit den ebenfalls verstorbenen Gefolgsleuten von Claudius. Gegenposition zum Hass und zur Wut der Prinzessin nimmt ein junger Sanitäter ein, der im 21. Jahrhundert verstorben ist. Der Unversöhnlichkeit und Härte Scarlets steht sein Einsatz für die Mitmenschen gegenüber. Aber auch Scarlet beginnt an ihrer Haltung zu zweifeln, als einer der Henker ihres Vaters versichert, dass das letzte Wort des Sterbenden "Vergeben" gewesen sei.


Vor allem die Bilder aus der Zwischenwelt sind grandios. Haften bleibt beispielsweise ein gewaltiger fliegender Drache, der - gleich einer göttlichen Instanz - Übeltäter mit blitzartigen elektrischen Schlägen bestraft. Eindrücklich wird aber auch die Hinfälligkeit des Menschen spürbar, wenn Körper zu Asche verfallen.


Uneinheitlich wirkt "Scarlet" aber durch den häufigen Wechsel zwischen den Welten bis hin zu einem Abstecher in die Gegenwart. Emphatisch beschwört Hosoda zwar in einer Szene, in der Scarlet in einer Vision durch einen Lichttunnel in das 21. Jahrhundert eintaucht, mit einer langen Tanzszene eine friedliche und lebensfrohe Welt, doch letztlich überfrachtet er seinen Animé damit auch.


Von "Hamlet" wiederum übernimmt er nur einzelne Elemente wie Dänemark als Schauplatz, den Gedanken an Rache und diverse Handlanger des Königes wie Rosenkranz und Güldenstern, die Scarlet töten sollen. Passend zur heutigen Zeit wird dabei aus dem Sohn Hamlet die Tochter Scarlet, die freilich im Gegensatz zur Vorlage eine schließlich positive Entwicklung durchmacht.


Kaum emotionale Kraft entwickelt leider die Beziehung zwischen Scarlet und dem jungen Sanitäter, doch die spektakulären Bilder und packende Kämpfe sorgen dafür, dass kein Leerlauf aufkommt. Immer geht dabei aber die Unterhaltung Hand in Hand mit dem zutiefst humanistischen und pazifistischen Inhalt. Nicht nur Machtgier und brutaler Herrschaft wird nämlich eine entschiedene Absage erteilt, sondern auch Scarlets Rachegedanken, und ihrem Misstrauen gegenüber allen Menschen wird das Vertrauen des Sanitäters gegenübergestellt.


Wenig subtil ist dieses Plädoyer für Vergebung und für die Liebe, die immer wieder mit dem Song "Erzähl mir von der Liebe" beschworen wird, doch der Ruf nach einer Konfliktlösung durch Kommunikation entwickelt gerade in unserer von zahlreichen realen Kriegen und militärischen Konflikten geprägten Zeit brennende Aktualität. Träumen lässt "Scarlet", der auch die Frage nach dem Wesen des Menschseins aufwirft, so mit seiner starken Heldin von einer Welt des friedlichen Zusammenlebens und von Herrscher:innen, die nicht ihre eigene Macht, sondern das Wohl und Glück ihres Volkes ins Zentrum ihrer Regentschaft stellen.



Scarlet

Japan 2025

Regie: Mamoru Hosoda

Animationsfilm

Länge: 112 min.



Läuft derzeit in den Kinos, z.B. an einzelnen Tagen in der Kinothek Lustenau und im Cineplexx Hohenems.



Trailer zu "Scarlet"


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