Astrid Lindgren - Die Menschheit hat den Verstand verloren
- Walter Gasperi

- vor 2 Stunden
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Bevor Astrid Lindgren eine weltberühmte Kinderbuchautorin wurde, hielt sie von 1939 bis 1945 ihre persönlichen Erfahrungen und den Schrecken des Zweiten Weltkriegs in Tagebüchern fest: Wilfried Hauke erweckt diese Aufzeichnungen in seinem Dokumentarfilm mit nachinszenierten Szenen, Interviews mit Lindgrens Nachkommen und Archivmaterial zum Leben.
Die Kinderbücher "Pippi Langstrumpf" (1945), "Die Kinder von Bullerbü" (1946 – 1966), "Michel von Lönneberg" (1963 – 1986) und "Ronja Räubertochter" (1981) machten die 1902 geborene Schwedin Astrid Lindgren weltberühmt. Doch es gab auch ein wenig bekanntes Leben vor diesen Erfolgen. Zwar war – wie Annika Lindgren erklärt – ihre Großmutter schon in den 1930er Jahren eine schreibende Frau, aber noch keine Schriftstellerin.
Nachdem sie bei einer Lokalzeitung das journalistische Handwerk gelernt hatte, ließ sie sich in Stockholm zur Sekretärin ausbilden und arbeitete während des Zweiten Weltkriegs bei der Briefzensur des schwedischen Nachrichtendiensts. Mit Kriegsausbruch am 1. September 1939 begann sie aber auch ein Tagebuch zu schreiben, in dem sie die ihre persönlichen Erfahrungen und die Zeitstimmung bis zum Ende des Jahres 1945 dokumentierte.
Erst 2015 - 13 Jahre nach dem Tod der 2002 verstorbenen Lindgren - wurden diese Aufzeichnungen veröffentlicht. Mit Lindgrens Tochter Karin Nyman, ihrer Enkelin Annika Lindgren und ihrem Ur-Enkel Johan Palmberg lässt Wilfried Hauke nicht nur das Publikum auf und in diese Tagebücher blicken, in denen Lindgren ihre Aufzeichnungen immer wieder durch ausgeschnittene Zeitungsartikel ergänzte, sondern lässt diese Nachkommen aus drei Generationen sich auch zu der berühmten Autorin äußern.
Vor allem aber lässt der deutsche Regisseur Lindgren selbst zu Wort kommen. Einerseits lässt er nämlich die Schauspielerin Sofia Pekkari im Voice-over aus den Tagebüchern zitieren, andererseits inszeniert er Szenen in Lindgrens Wohnung in der Dalagatan 46 in Stockholm, einem Park oder beim Sommerurlaub am Meer nach, in denen Pekkari die Autorin verkörpert und direkt in die Kamera Passagen aus den Tagebüchern spricht.
Lindgren schreibt dabei nicht nur über ihre persönliche Situation von der Arbeit in der Zensurstelle über ihr ängstliches und kränkliches Kind Karin bis zu einer schweren Ehekrise im Jahr 1944, sondern auch über den Zweiten Weltkrieg. Während die Bildebene und die Inszenierung dieser Szenen unspektakulär bleibt, beeindruckt das Archivmaterial, das ihren Gedanken zum Kriegsausbruch, zur Schlacht von Stalingrad, zum Massaker von Lidice, der Deportation von Juden und dem "Operation Gomorrha" genannten britisch-amerikanischen Flächenbombardement Hamburgs ein erschütterndes Gesicht verleiht.
Immer wieder arbeiten Lindgren und der Film dabei mit dem Gegensatz zwischen dem friedlichen Leben im neutralen Schweden, in dem die Lindgrens Weihnachten in ihrem Heimatort Näs und den Sommer im Ferienhaus auf Furusund verbringen, und den Schrecken des Krieges. Gerade in diesem Wechselspiel wird der Film, dessen Untertitel "Die Menschheit hat den Verstand verloren" ihren Tagebüchern entnommen ist, zum vehementen Plädoyer gegen Krieg und zu einer Feier der Segnungen des Friedens.
Doch auch ihr Weg als Schriftstellerin zeichnet sich hier schon ab, wenn sie zunächst ihrer kranken Tochter Geschichten von Pippi Langstrumpf erzählt und diese dann während einer Knöchelverletzung im Jahr 1944 niederschreibt. Lehnt der Verlag dieses Manuskript noch ab, so ändert sich das, als sie nach Kriegsende eine überarbeitete Fassung, in der sie die wildesten Streiche Pippis streicht, einreicht. – Der Rest ist Literaturgeschichte.
Berührend, allerdings auch filmisch wenig aufregend bietet Hauke so in einer stimmigen und bruchlosen Mischung von Interviews mit den Nachfahren, nachinszenierten Szenen und Archivmaterial nicht nur Einblick in Lindgrens Leben während der Kriegsjahre, sondern zeichnet gleichzeitig ein wenig bekanntes Bild der berühmten Kinderbuchautorin.
Sie erscheint hier nämlich nicht nur als Menschenfreundin, sondern auch als politisch denkende Frau, die mit der einfachen Bevölkerung mitleidet und für die Diktatoren Hitler und Stalin, den sie noch mehr als Hitler fürchtet, nur Verachtung übrig hat. Dieses humanistisch-pazifistische Engagement macht aber "Astrid Lindgren - Die Menscheit hat den Verstand verloren" gerade in unserer von Kriegen und weltpolitischen Konflikten erschütterten Zeit auch zu einem Film, der über das Porträt der schwedischen Schriftstellerin hinaus brennend aktuell ist.
Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren
Deutschland / Schweden 2025
Regie: Wilfried Hauke
Dokumentarfilm mit: Karin Nyman, Annika Lindgren, Johan Palmberg, Sofia Pekkari, Tom Sommerlatte
Länge: 98 min.
Kinothek extra in der Kinothek Lustenau: Mo 20.4., 18 Uhr + Mi 29.4., 20 Uhr (schwed. OmU.)
FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 24.6., 18 Uhr + Do 25.6., 19.30 Uhr (schwed. OmU.)
Trailer zu "Astrid Lindgren - Die Menschheit hat den Verstand verloren"




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