Was diese Natur dir sagt - What Does that Nature Say to You
- Walter Gasperi

- vor 6 Tagen
- 4 Min. Lesezeit

Unverwechselbar ein Film von Hong Sang-soo: Wenn ein Mittdreißiger zum ersten Mal die Eltern seiner Freundin besucht, wird viel geredet, gegessen und getrunken und hinter der Höflichkeit versuchen die Eltern und die Schwester in dieser minimalistischen leisen Komödie den Gast abzuklopfen und herauszufinden, ob er auch zur Tochter / Schwester passt.
Auf den Filmfestivals von Cannes, Venedig, Berlin und Locarno ist Hong Sang-soo ein Stammgast, im Kino sieht man seine minimalistischen Filme dagegen nur sehr selten. Der 65-jährige Südkoreaner ist nicht nur ein Schnellfilmer, der mit "Was diese Natur dir sagt" schon seinen 33. Film seit seinem Debüt 1996 vorlegt, sondern er macht auch ein Kino, das in bewusster Opposition zum Spektakel steht und immer reduzierter zu werden scheint.
Das zeigt sich auch am Nachspann, der mit einer Länge von vielleicht 30 Sekunden einen Gegenpol zu den ellenlangen Nachspannen der meisten anderen Filme bildet. Hong kommt eben mit einem kleinen Team aus. Er zeichnet nicht nur für Regie und Drehbuch verantwortlich, sondern auch für Produktion, Kamera, Schnitt und Musik. Zudem reichen ihm fünf Schauspieler:innen, Statist:innen benötigt er nicht und beschränkt sich auf einen Tag und eine Nacht als Handlungszeitraum und mit einem Haus mit einem dahinterliegenden Hügel, einem Restaurant und einer Tempelanlage auf drei Schauplätze.
Keinen Überblick bekommt man aber über diese Schauplätze, denn keine Totale gibt es in Hongs Filmen, andererseits aber auch nur eine einzige Großaufnahme. Meist verharrt die Kamera in der Halbtotalen und lässt den Figuren in langen, meist statischen Einstellungen viel Raum. Nur wenige Schwenks und markante Zooms setzen Akzente. Nur aus wenigen Einstellungen besteht so jede der durchnummerierten Szenen, und auch Filmmusik setzt - abgesehen vom Gitarrenspiel des Vaters - erst am Ende ein.
Aber auch mit einem leicht unscharfen Bild und teils überbelichtetem Hintergrund setzt Hong in dem mit einem preiswerten Canon XA30-Camcorder gedrehten Film einen Gegenpol zu den gestochen scharfen Hochglanzbildern heutiger digitaler Produktionen. Die Unschärfe des Sehens wird aber auch im Film thematisiert, wenn der Protagonist erklärt, dass er auf seine Brille oft verzichte, um die Welt leicht verschwommen und damit weicher zu sehen.
Es beginnt mit einem Gespräch im Auto, nachdem der Mittdreißiger Donghwa seine Freundin Junhee von Seoul zum Haus ihrer Eltern ins etwa 50 Kilometer entfernte Icheon gebracht hat. Drei Jahre sind sie zusammen, noch nie hat er aber ihre Eltern getroffen und plant es auch jetzt nicht. An der Straße hat er deshalb Junhee abgesetzt, doch als er aussteigt, um eine Zigarette zu rauchen, fällt sein Blick auf ihr Elternhaus, das er nun doch gerne anschauen möchte.
Dem Kinopublikum verweigert Hong diesen Blick und nie wird man das Haus wirklich zu Gesicht bekommen. In der Auffahrt begegnet das Paar aber schon Junhees Vater und so bleibt es nicht bei der Hausbesichtigung, sondern bald wird der wenig erfolgreiche Dichter auch zum Abendessen eingeladen.
Um Banalitäten wie Donghwas rund 30 Jahre altes Auto, mit dem der Vater sogleich eine Probefahrt macht, um seinen Bart oder die Hühner geht es an der Oberfläche im Gespräch, doch spürbar wird, dass der Vater vor allem herausfinden möchte, was für ein Mensch dieser Freund der Tochter eigentlich ist und ob er zu ihr passt.
Wenn das Paar mit Junhees jüngerer Schwester zum Mittagessen zu einem Restaurant fährt und eine Tempelanlage besichtigt, beginnt nun die Schwester Donghwa auszufragen und interessiert sich dabei vor allem für seine offensichtlich schwierige Beziehung zu seinem Vater, der ein erfolgreicher und bekannter Anwalt ist.
Wie schon zuvor beim Haus bekommen die Zuschauer:innen auch hier nie einen wirklichen Überblick über den Schauplatz. Der Fokus liegt ganz auf den Figuren und ihrer Interaktion. Dies gilt noch mehr fürs Abendessen, bei dem Hong von der Großaufnahme der Speisen in die Halbtotale zoomt. Während der Vater nun beginnt, den Gast mit Schnaps abzufüllen, bestimmt die Mutter das Gespräch, die selbst Dichterin ist und mehr über die Gedichte von Donghwa erfahren will.
Wie immer bei Hong wird so vor allem geredet, gegessen, viel Makgeolli und Schnaps getrunken und dazwischen immer wieder einmal eine Zigarette geraucht. Noch reduzierter als seine bisherigen Filme ist "Was diese Natur dir sagt" dabei in der Konzentration auf den Besuch bei den potentiellen Schwiegereltern in spe, der spätestens seit Stanley Kramers "Rat mal, wer zum Essen kommt" (1967) ein beliebtes Filmthema ist.
Hong genügt ein großartig harmonierendes Ensemble und meisterhafte Dialoge. Mit feinem Witz lotet er aus, wie hinter den nach außen hin um Alltägliches und Banalitäten kreisenden Gesprächen es im Kern immer wieder darum geht, mehr über den Freund der Tochter / Schwester zu erfahren. Der ausgesuchten Höflichkeit der Eltern, stehen dabei die offensiveren Fragen von Junhees Schwester gegenüber, auf die der ansonsten immer zurückhaltend antwortende Donghwa in angetrunkenem Zustand schließlich auch lautstark reagiert. Und auch eine Nachbesprechung der Eltern über Donghwa spart Hong nicht aus.
So klein dieser Film rein äußerlich ist, so ist er in seiner Genauigkeit im Blick auf die Familie und den Gast, seiner lakonischen Erzählweise und seinem sanften Witz doch das Werk eines Meisters. – Ein echtes Kleinod, das wieder einmal zeigt, wie wenig im Grunde nötig ist, um großes und beglückendes Kino zu machen.
Was diese Natur dir sagt - What Does That Nature Say to You Südkorea 2025 Regie: Hong Sang-soo mit: Ha Seong-guk, Kwon Hae-hyo, Cho Yun-hee, Kang Soyi, Park Mi-so Länge: 108 min.
Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen. - Ab 7.8. in den österreichischen Kinos.
Trailer zu "Was diese Natur dir sagt - What Does That Nature Say to You"




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