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Der Magier im Kreml - The Wizard of the Kreml

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 7 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit
"Der Magier im Kreml": Rasanter Politthriller über den Aufstige Vladimir Putins
"Der Magier im Kreml": Rasanter Politthriller über den Aufstige Vladimir Putins

Olivier Assayas zeichnet in seinem Politthriller den Aufstieg Vladimir Putins zum autokratischen Herrscher nach: Ein rasanter Streifzug durch rund 25 Jahre russische Geschichte und eine packende Studie von Machtmechanismen und eines skrupellosen Manipulators.


Als Buch der Stunde galt der 2022 erschienene Roman "Der Magier im Kreml" von Giuliano da Empoli. Aus der Perspektive des fiktiven Vadim Baranov, für den Vladimir Putins realer Chefideologe und Berater Wladislaw Surkow als Vorbild diente, erzählt der schweizerisch-italienische Schriftsteller und Politikwissenschaftler darin vom Aufstieg des russischen Präsidenten.


Rasch wurden Pläne für eine Verfilmung gefasst, doch Olivier Assayas lehnte zunächst ab, da ihm der Roman zu abstrakt war. Erst in Zusammenarbeit mit dem Drehbuchautor und Schriftsteller Emmanuel Carrère, mit dem Assayas unter anderem die fiktive Figur der Ksenia (Alicia Vikander) ausbaute, nahm das Projekt Gestalt an. Schon ein Vorspanninsert weist so darauf hin, dass der Film ein fiktionales Werk ist und sich Freiheiten nimmt, gleichzeitig wird aber immer wieder mit Archivmaterial die Historizität betont.


Als Ausgangspunkt wählen Assayas und Carrère eine Russlandreise eines amerikanischen Journalisten (Jeffrey Wright), der im Jahr 2019 über den 1937 verstorbenen sowjetischen Schriftsteller und Revolutionär Jewgeni Samjatin forschen will, aber bald von Vadim Baranov (Paul Dano), der sich als Samjatin-Fan ausgibt, auf dessen Datscha eingeladen wird. Doch das Gespräch dreht sich bald nicht mehr um den Schriftsteller, sondern vielmehr erzählt Baranov dem Amerikaner seine eigene Geschichte, die untrennbar mit dem Aufstieg Vladimir Putins verknüpft ist.


Während der Journalist gewissermaßen die Position des Kinopublikums einnimmt, erlaubt es die Wahl Baranovs als Erzähler und zentrale Figur den Bogen über 25 Jahre zu spannen und die Ereignisse mit Voice-over immer wieder zu raffen. Dicht beschwört der Film mit sorgfältiger Ausstattung – gedreht wurde in Lettland -, aber auch durch teils originales, teils auch nachgestelltes Archivmaterial die Aufbruchsstimmung und demokratische Freiheit der 1990er Jahre mit exzessiven Partys, Konzerten und dem Aufstieg der Oligarchen, aber auch das Vakuum, das Boris Jelzins zunehmend von Alkoholismus bestimmte Präsidentschaft auslöste.


Baranov entwickelte sich in dieser Zeit vom avantgardistischen Theater-Regisseur zum TV-Produzenten von Reality-Shows, bis der Oligarch Boris Beresowski (Will Keen), der der Überzeugung war, dass sich die russische Bevölkerung nach einer starken Führung sehnt, ihn für sein Projekt gewann. Gemeinsam betrieben sie den Wechsel des Geheimdienstchefs Vladimir Putin (Jude Law) in die Politik und seinen Aufstieg zum Ministerpräsidenten (1999) und schließlich zum Präsidenten (2000).


Mit enormem Drive zeichnet Assayas, gegliedert durch Kapitelüberschriften, die Entwicklung von der Zeit der Befreiung von der Sowjetherrschaft über die Machtübernahme bis zur Festigung der autoritären Herrschaft nach. Der Zweite Tschetschenienkrieg (1999 - 2009) wird ebenso gestreift wie der Untergang des Atom-U-Boots Kursk (2000), die medienwirksame Inszenierung der Olympischen Winterspiele in Sotschi (2014), die Entwicklungen in der Ukraine bis zum Krimkrieg 2014 und der Aufbau von Trollfabriken, die mittels Desinformation in Internet und den sozialen Medien in den westlichen Staaten Destabilisierung und Verunsicherung schüren sollen.


Souverän rafft Assayas die Ereignisse, gleichwohl ist nicht zu übersehen, dass in der Fülle wenig wirklich vertieft werden kann. Dennoch beeindruckt dieser zweieinhalbstündige Politthriller nicht nur als kompakter Streifzug durch die russische Geschichte von den 1990er Jahren bis 2014, sondern mehr noch als Studie der Mechanismen zur Etablierung der Macht.


Vladimir Putin selbst, der von Jude Law mit großer Zurückhaltung gespielt wird, taucht erst nach rund 50 Minuten auf. Prägnant wird er einerseits als skrupelloser Machtmensch charakterisiert, andererseits wird aber auch sein Minderwertigkeitskomplex sichtbar, wenn er sich von den westlichen Nationen nicht entsprechend geschätzt fühlt.


Im Zentrum steht aber immer Baranov, der als Manipulator die Ereignisse zur Durchsetzung des Putinismus lenkt, selbst aber im Hintergrund bleibt. Paul Dano spielt ihn mit leiser Stimme als scheinbar sanften Milchbubi, in dem sich ein skrupelloser Handlanger Putins verbirgt.


Für einen Gegenpol zu diesem von Männern dominierten russischen Machtapparat sorgt die opportunistische Künstlerin Ksenia. Gleichzeitig bringen Assayas und Carrère mit ihrer Beziehung zu Baranov auch eine emotionale und private Ebene ins Spiel. Mit Politik hat sie nichts am Hut, bringt auch ihre Ablehnung gegenüber der Skrupellosigkeit Baranovs zum Ausdruck und scheint sich einzig für ein Luxusleben zu interessieren, bei dem sie zwischen Russland, der Côte d´Azur und westeuropäischen Metropolen pendelt.



Der Magier im Kreml – The Wizard of the Kremlin

Frankreich / USA 2025

Regie: Olivier Assayas

mit: Paul Dano, Jude Law, Alicia Vikander, Tom Sturridge, Will Keen, Jeffrey Wright, Dan Cade

Länge: 145 min.



Läuft derzeit in den deutschen und österreichischen Kinos, z.B. im Cineplexx Hohenems. Ab 23.4. in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen.



Trailer zu "Der Magier im Kreml - The Wizard of the Kremlin"



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