• Walter Gasperi

Mirai - Das Mädchen aus der Zukunft


Was macht eine Familie aus? Was belastet sie? Was hält sie zusammen? – Mamoru Hosoda verhandelt diese Fragen in seinem Anime, der Kinder wie Erwachsene gleichermaßen beglücken kann. Bei Cinemaids ist der hinreißende Animationsfilm auf DVD und Blu-ray erschienen.


Vom Himmel schwenkt die Kamera auf das am Meer gelegene Yokohama. Aus der ganzen Stadt wird ein Einfamilienhaus herausgepickt, unterbrochen wird die Annäherung von den Vorspanntiteln und der Vorstellung der Protagonisten, ehe die Kamerafahrt in Richtung Haus fortgesetzt wird.


Zum zentralen Schauplatz von „Mirai – Das Mädchen aus der Zukunft“ wird dieses Haus. Vor allem hier spielt sich das Leben des vierjährigen Kun und seiner Eltern ab. Sehnsüchtig wartet der Junge, umsorgt, von einer Babysitterin, auf die Rückkehr der Mutter. Bald trifft diese auch mit dem Vater ein und präsentiert Kun sein kleines Schwesterchen. – Erst später wird man entscheiden, dass sie Mirai (Zukunft) heißen soll.


Galt bisher die ganze Aufmerksamkeit der Eltern Kun, so kümmert man sich nun vor allem um das Baby. Kun will das nicht akzeptieren, reagiert wütend und eifersüchtig. Aber immer, wenn seine Wut am größten ist, passiert im Garten etwas Magisches. Bald begegnet er dort seiner kleinen Schwester in Gestalt eines Teenagers, die ihm erklärt, wie gut es ist Geschwister zu haben und wie wichtig Zusammenhalt ist, bald seinem vor einem Jahr verstorbenen Urgroßvater, der ihn Selbstbewusstsein und Mut lehrt, oder seiner Mutter als Kind, die damals alles andere als ordnungsliebend war.


So genau und realistisch Hosoda in der Gegenwartsebene die Belastungen des Familienlebens schildert, so einfühlsam und hinreißend zeigt er in den Fantasy-Momenten, die auf Erzählungen der Eltern über die Vorfahren oder auch auf Blicken ins Fotoalbum aufbauen, wie mittels Erinnerungen und Fantasie kindliche Unsicherheit, Ängste und Wut überwunden werden können. Langsam reift so der kleine Kun, lernt seine Schwester zu akzeptieren, seine Eltern wirklich zu lieben und findet so seinen Platz in der Familie.


Ganz aus der Perspektive des Jungen erzählt Hosoda, der erklärt durch die Geburt seines Sohnes zu diesem Film angeregt worden zu sein, arbeitet aber auch die Belastung der Eltern durch das zweite Kind und den Beruf heraus. Geschlechterrollen stellt er dabei auf den Kopf, wenn die Mutter als Managerin kurz nach der Geburt Mirais wieder zu arbeiten beginnt und auf Geschäftsreisen geht, während der Vater als freier Architekt zu Hause arbeitet und sich gleichzeitig um den Haushalt kümmern soll.


In schöner Balance zwischen Ernst und Witz werden die Überforderung des Vaters und die daraus resultierenden Spannungen in der Ehe geschildert, aber immer wieder folgen auf diese Konflikte harmonische Szenen, die die Freuden des familiären Zusammenlebens beschwören.


Mit den Fantasy-Momenten bleibt Hosoda dabei nicht in der Gegenwart, sondern macht bewusst, wie die Familie auch durch vergangene Generationen und durch die kindlichen Erfahrungen der Eltern geprägt ist. Durch die liebevolle Machart und das genaue Gespür für die Empfindungen seiner Protagonisten führt Hosoda so bewegend über 90 Minuten vor, was die Teenager-Mirai am Ende mit dem Satz „es ist faszinierend, wie kleine Dinge sich über die Jahre sammeln und uns zu dem machen, was wir jetzt sind“ zusammenfasst.


An Sprachversionen bietet der bei Cinemaids auf DVD und Blu-ray erschienene meisterhafte Anime die japanische Originalfassung, zu der deutsche Untertitel zugeschaltet werden können, sowie die deutsche Synchronfassung. Die Extras umfassen neben dem Trailer ein deutsch untertiteltes 45-minütiges Interview des deutschen Filmjournalisten Daniel Kothenschulte mit Regisseur Mamoru Hosoda.



Trailer zu "Mirai - Das Mädchen aus der Zukunft"