Die Mörder sind unter uns (1946)
- Walter Gasperi

- vor 6 Tagen
- 4 Min. Lesezeit

Ein schwer traumatisierter Kriegsheimkehrer stößt im zerbombten Berlin des Jahres 1945 auf seinen Vorgesetzten, der im Krieg eine Massenerschießung befahl: Bei Filmjuwelen ist Wolfgang Staudtes immer noch beeindruckender Klassiker auf DVD und Blu-ray erschienen.
Der erste deutsche Nachkriegsfilm benötigte keine großen Kulissen, sondern konnte vielfach auf das zerstörte Berlin zurückgreifen. Auf das Insert "Berlin 1945. Die Stadt hat kapituliert" folgt die Totale einer von Ruinen gesäumten Straße.
Dokumentarisch wirkt die Einstellung mit am Straßenrand spielenden Kindern und einem sich langsam nähernden Mann, gleichzeitig spiegelt sich in der Trümmerlandschaft aber auch die verwundete Seele des Protagonisten: Einst war Dr. Hans Mertens (E. W. Borchert) nämlich Facharzt für Chirurgie, doch schwer lasten die Kriegserfahrungen auf ihm. Mit Alkohol versucht er die traumatischen Erinnerungen Abend für Abend zu verdrängen und blickt voll Zynismus auf die Welt.
Parallel zu dieser Zerstörung bricht mit Nachtclubs, die Tanz, Stimmung und Humor versprechen, aber auch schon eine neue Zeit an, während ein überfüllter Zug Flüchtlinge und Heimkehrer in die deutsche Hauptstadt bringt. Unter letzteren befindet sich auch die junge Illustratorin und Fotografin Susanne Wallner (Hildegard Knef), die das KZ überlebte. Sie will in ihre alte, halbzerstörte Wohnung zurückkehren, doch weil dort inzwischen Mertens einquartiert wurde, teilen sie sich die Zimmer.
Ihrem Aufbruchswillen und Optimismus, der sich auch in der Reinigung der Wohnung zeigt, steht Mertens´ tiefe Verzweiflung gegenüber. Trotz seines Alkoholismus, seiner Wutanfälle und Aggressionen bemüht sie sich aber fürsorglich um den schwer Traumatisierten.
Durch Susannes Liebe scheint Mertens wieder Fuß zu fassen, doch dann erfährt er, dass der Hauptmann (Arno Paulsen), der an Weihnachten 1942 in Polen eine Massenerschießung von Männern, Frauen und Kindern befahl, am Leben ist und ein glückliches Leben als Familienvater und Fabriksbesitzer führt….
Von Beginn an knüpft Wolfgang Staudte mit gekippten Kameraeinstellungen und dem Spiel mit Licht und Schatten an den expressionistischen Film der 1920er Jahre an. Mächtig überlagert so der Schatten von Mertens gegen Ende seinen ehemaligen Vorgesetzten, als Schattenspiel wird das Getratsche von Nachbarn inszeniert und immer wieder setzen extreme Großaufnahmen und Untersichten Akzente.
Allzu sprunghaft verändert sich zwar mehrfach die psychische Verfassung von Mertens, wenn er sich plötzlich mit Susanne anfreundet oder mit der Rettung eines kranken Kindes abrupt wieder zum Arztberuf zurückfindet, und auch Hildegard Knef, die mit diesem Film zum Star aufstieg, spielt zwar stark, aber ihr makelloses und geschminktes Gesicht passt nicht zu ihrem Schicksal als KZ-Überlebende und zu den bedrückenden Verhältnissen.
Doch klein wiegen solche Einwände angesichts der großartigen visuellen Gestaltung und des bissigen Blicks auf den Fabriksbesitzer Brückner (Arno Paulsen). Markant stellt Staudte dem innerlich zerstörten Mertens, der oft auch mit dem Kriegsheimkehrer Beckmann in Wolfgang Borcherts Stück "Draußen vor der Tür" verglichen wurde, den schon wieder ganz oben schwimmenden Kriegsverbrecher gegenüber.
Jovial tritt dieser Kleinbürger, in dem man eine Parallelfigur zum Protagonisten von Staudtes Heinrich Mann-Verfilmung "Der Untertan" (1951) sehen kann, gegenüber Mertens auf. Er führt seinen Kriegskameraden in seine heile Familie ein, presst nun aus Stahlhelmen Kochtöpfe und hat auch kein Problem damit, seine angeblich so geliebte Frau im Nachtclub zu betrügen.
Eindrücklich deckt Staudte die Verdrängung dieses schon wieder erfolgreichen Industriellen auf, wenn er in seinem Büro seine Jause aus Zeitungspapier auspackt, auf dem die Schlagzeile an die Vergasung von zwei Millionen Menschen in Auschwitz erinnert. Deutlich macht diese Szene auch, dass der Genozid an den Juden am Kriegsende in Deutschland durchaus bekannt war. Erst danach folgte wieder die allgemeine Verdrängung, bis mehr als 15 Jahre später mit den Auschwitzprozessen eine Aufarbeitung einsetzte.
Mit einprägsamem Biss stellt Staudte aber auch der Weihnachtsfeier in Brückners Fabrik, bei der "Stille Nacht, heilige Nacht" und "O du fröhliche" gesungen wird, mit einer Rückblende die Massenerschießung in Polen gegenüber: Mehr Sorgen machte sich der Hauptmann damals um den Schmuck des Weihnachtsbaums als um das Schicksal von rund 100 Zivilist:innen, deren Ermordung er trotz des – zaghaften – Einwands von Mertens anordnete.
Während Mertens beim ursprünglich geplanten Ende Brückner erschießen sollte, wurde dies auf Druck der sowjetischen Zensoren, die darin einen Aufruf zu Selbstjustiz sahen, abgeändert. Vielmehr ist nun den Schlussbildern im Voice-over die Aufforderung unterlegt, nicht zu urteilen, aber anzuklagen und Sühne zu fordern, während eine Kamerarückwärtsfahrt durch ein vergittertes Fenster der Fabrik Brückner förmlich einsperrt und eine Überblendung auf die Kreuze eines Soldatenfriedhofs an die zahllosen Opfer des Kriegs erinnert.
An Sprachversionen bieten die bei Film- und Fernsehjuwelen erschienene DVD und Blu-ray die deutsche Originalfassung, zu der englische Untertitel und deutsche Untertitel für Hörgeschädigte zugeschaltet werden können. Die Extras umfassen neben dem originalen Kinotrailer eine 23-minütige Dokumentation über die "DEFA Wurzeln", die anlässlich des 40-jährigen Bestehens der DEFA 1986 entstand. Darin wird vor allem anhand von Ausschnitten aus der DEFA-Wochenschau "Der Augenzeuge" Einblick geboten in die Dreharbeiten der ersten DEFA-Filme sowie in die Idee einer Wochenschau als sachlich-beobachtender Dokumentation und dem Film als Kunstform, die zum Aufbau einer gerechten und friedlichen Welt beitragen soll.
Dazu kommen ein Audiokommentar von Rolf Giesen, der vielfältige Hintergrundinformationen unter anderem zur Produktion des Films, zur DEFA und zur Filmcrew bietet, sowie ein per QR-Code abrufbares digitales 30-seitiges Booklet. Darin informiert Rolf Giesen über Inhalt und Ausgangspunkt des Films ebenso wie über die Gründung der DEFA sowie die Karrieren von Wolfgang Staudte und der Hauptdarsteller:innen, vor allem Hildegard Knefs. Aber auch der Nachdruck zeitgenössischer Rezensionen und ein Text von Ralf Schenk über die Gründung der DEFA und die Entstehung von "Die Mörder sind unter uns" fehlen nicht. Schließlich gibt es auch noch eine Trailershow mit sechs DEFA-Filmen, die bei Filmjuwelen erschienen sind.
Eröffnungsszene von "Die Mörder sind unter uns"




Kommentare