Baron Münchhausen (1962)
- Walter Gasperi

- vor 1 Tag
- 4 Min. Lesezeit

Karel Zeman nützt die Abenteuer des Baron Münchhausen, um mit sprühendem Einfallsreichtum die Macht der Fantasie und Poesie zu feiern: Bei Filmjuwelen ist der 1962 entstandene Spielfilm, in dem spielerisch leicht Animations- und Realszenen verbunden werden, mit vielfältigem Bonusmaterial in digital restaurierter Fassung auf DVD und Blu-ray erschienen.
Wie Karel Zemans Klassiker "Reise in die Urzeit" (1955), Die Erfindung des Verderbens" (1957/58) und "Das gestohlene Luftschiff" (1966) wird auch "Baron Münchhausen" (1962) von einer Reise bestimmt. Hier kann der tschechische Pionier des Animationsfilms immer seiner Fantasie freien Lauf lassen, zahlreiche Schauplätze und unterschiedliche Figuren und Lebewesen ins Spiel bringen.
So lässt Zeman diesen Film nach einem Schnelldurchlauf durch die Entwicklung der Flugmaschinen auf dem Mond beginnen. Dort landet – wohl unter dem Einfluss des ersten bemannten Weltraumflugs im Jahr 1961 – der Kosmonaut Tonik (Rudolf Jelinek). Dieser stößt auf dem Erdtrabanten nicht nur auf Cyrano de Bergerac, sondern auch auf Baron Münchhausen (Milos Kopecky), der den Kosmonauten für einen Mondmenschen hält, dem er die Erde zeigen will.
Mit Münchhausen als durchgängigem Erzähler geht es so nicht nur vom Mond auf die Erde, sondern mit der Landung im Palast des türkischen Sultans auch von der Gegenwart ins 18. Jahrhundert. Weil der Kosmonaut und Münchhausen dort die vom Sultan entführte venezianische Prinzessin Bianka (Jana Brejchová), in die sich beide verlieben, befreien, müssen sie bald fliehen. Diese Flucht führt sie übers Meer, wo ihr Rettungsboot von einem Wal verschluckt wird, bis sie in einer anderen Festung landen. Deren Belagerung kann Münchhausen beenden, indem er mittels des berühmten Flugs auf einer Kanonenkugel die feindlichen Linien ausspioniert.
Zeman interessiert sich nicht für eine stringente Handlungsführung, sondern fabuliert lustvoll drauflos und reiht eine hinreißende Szene an die nächste. So sprüht dieser Film einerseits auf der inhaltlichen Ebene vor Einfalls- und Handlungsreichtum und begeistert andererseits auf der formalen Ebene durch die spielerische Leichtigkeit, mit der Trickszenen und reale Schauspieler:innen verbunden werden, ebenso durch die visuelle Gestaltung, für die die Stiche von Gustave Doré als Vorbild dienten.
So taucht der tschechische Trickfilmpionier die meisten Szenen nur in eine Grundfarbe von Braun bis zu leuchtendem Blau, um dann mit einer roten Rose, Wein oder dem gelb leuchtenden Mond einen markanten Farbtupfer zu setzen, arbeitet dann aber auch wieder mit Schattenspielen. Nichts wirkt dabei retortenhaft, sondern immer ist die Liebe zum Detail und die Handarbeit spürbar.
Lustvoll wirbelt Zeman aber auch die Zeiten durcheinander, wenn er den Kosmonauten an einem Dampfschiff basteln lässt, macht sich über die Männer lustig, wenn sie gegen eine scheinbar verschlossene Tür anrennen, die die Prinzessin mühelos öffnet, und spöttelt auch über den arroganten Lügenbaron.
Dazu kommt der Einfallsreichtum bei der Gestaltung der Schauplätze vom Palast des Sultans über Unterwasserszenen mit zahlreichen Fischen und Meeresungeheuern bis zur Festung, in der das große Finale stattfindet. Nicht zu kurz kommt freilich mit der venezianischen Prinzessin auch eine Liebesgeschichte, bei der sich der Kosmonaut wenig überraschend gegen Münchhausen durchsetzt, und auch eine Rettung in letzter Sekunde mittels eines Tricks fehlt nicht.
An Sprachversionen bieten die bei Film- und Fernsehjuwelen in digital restaurierter Fassung erschienene DVD und Blu-ray die tschechische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie deutsche und englische Untertitel. Die Extras umfassen neben einem Audiokommentar von Rolf Giesen, der zwar kaum konkret auf den Film eingeht, aber ausführlich über die Geschichte der "Münchhausen"-Filme, den historischen Baron Münchhausen und die unterschiedlichen Trickfilmtechniken Zemans informiert, mehrere jeweils deutsch untertitelte Features.
Wie bei der DVD / Blu-ray zu "Das gestohlene Luftschiff" gibt es so wieder das 15-minütige Feature "Die fabelhafte Welt des Karel Zeman", das Einblick in Tricktechnik und Vorbilder des tschechischen Regisseurs bietet, ein zwölfminütiges Feature über die Bedeutung Zemans, das fünfminütige Featurette "Die Entstehung einer Filmlegende", das Zemans Entwicklung zum Filmemacher nachzeichnet, sowie das dreiminütige Featurette "Die Legende geht weiter", in dem Zemans Tochter und Sohn über die Themen der Filme sprechen und darauf hinweisen, dass ihr Vater im Ausland mehr geschätzt wurde als in seiner tschechoslowakischen Heimat.
Dazu kommen die 100-minütige Dokumentation "Film-Abenteurer Karl Zeman", in der detailliert Leben und Karriere des tschechischen Regisseurs nachgezeichnet werden, das dreiminütige Featurette "Warum Zeman den Film gedreht hat", sowie ein 35-minütiges Feature "Fakten und Lügen", das Einblick in die historische Person des Baron Münchhausen und dessen vielfältige Rezeption in Literatur und Film bietet.
Das fünfminütige Featurette "Karl Zeman und die Welt" vermittelt unter anderem mit Interviews mit Tim Burton und Terry Gilliam einen Eindruck vom Einfluss Zemans auf spätere Filmemacher, während weitere Featurettes sich der Besetzung des Films, der Tricktechnik und der digitalen Restaurierung widmen.
Schließlich gibt es auch noch ein digital abrufbares Booklet von Rolf Giesen mit detaillierten Credits zum Film, einer Bio- und Filmografie Karl Zemans sowie Texten zum Inhalt von Zemans Film und Terry Gilliams "Die Abenteuer des Baron Münchhausen" (1988), dessen Dreharbeiten Rolf Giesen besuchte. Nicht fehlen dürfen freilich auch der originale und der deutsche Trailer sowie Trailer zu weiteren bei Film- und Fernsehjuwelen erschienenen Filmen.
Trailer zu "Baron Münchhausen"




Kommentare