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Promis le ciel

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 2 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit
"Promis le ciel": Empathischer Blick auf den Alltag von drei Frauen aus der Elfenbeinküste in Tunis
"Promis le ciel": Empathischer Blick auf den Alltag von drei Frauen aus der Elfenbeinküste in Tunis

Erige Sehiri schildert den Alltag von drei Frauen aus der Elfenbeinküste, die sich in Tunis eine Wohnung teilen: Eine warmherzige Feier weiblichen Überlebenswillens trotz Repressionen und Rassismus.


Nah ist die Kamera von Frida Marzouk dran, wenn die evangelische Pastorin Marie (Aïssa Maïga), die einst in ihrem Heimatland Elfenbeinküste Journalistin war, die Studentin Jolie (Laetitia Ky) und Naney (Debora Lobe Naney) in ihrer Wohnung in Tunis die etwa vierjährige Kenza baden. Wenn sie das Mädchen zu seinem Namen, seinem Alter und zu seinem Schicksal befragen, ergibt sich langsam das fragmentarische Bild eines Schiffbruchs auf dem Mittelmeer, den Kenza überlebt hat.


Mit dieser Szene stellt die französisch-tunesische Regisseurin Erige Sehiri die drei Protagonistinnen ihres nach "Under the Fig Trees" (2002) zweiten Spielfilms vor. Unabhängig voneinander sind sie von der Elfenbeinküste nach Tunesien gekommen, aus unterschiedlichen Gründen wohnen sie bei Marie, die schon seit einem Jahrzehnt in Tunis lebt. Während Naney in Nordafrika nur eine Zwischenstation sieht und weiter nach Europa will, wird die Unterkunft von Jolie von ihrem in der Elfenbeinküste lebenden Vater bezahlt. Jolie selbst möchte zwar lieber in ein Student:innenheim ziehen, doch der Vater glaubt, dass sie in der Obhut der Pastorin besser geschützt ist.


Meist nur in der Wohnung treffen sich die drei Frauen, die auch eine Entscheidung finden müssen, ob sie sich selbst illegal um Kenza kümmern oder das Mädchen den Behörden übergeben wollen. Tagsüber gehen sie aber weitgehend ihre eigenen Wege.


So folgt "Promis le ciel" bald Marie, die in ihrer Untergrundkirche mitreißend predigt, bald Naney, die sich mit ihrem französischen Freund trifft und versucht, sich mit kleinen illegalen Geschäften Geld für die Flucht nach Europa zu beschaffen, und dann wieder Jolie. Wie in der ersten Szene dominieren durch den ganzen Film nahe Einstellungen. Die meist geringe Schärfentiefe und eine dynamische Handkamera verstärken dabei noch die Fokussierung auf die drei Frauen.


Scheinen zunächst Konflikte mit dem Vermieter (Mohamed Grayaa), der kein unguter Typ zu sein scheint, aber doch lieber die Miete einfordert, anstatt die defekte Wasserleitung zu reparieren, das Hauptproblem der drei Frauen zu sein, so rückt sukzessive die Bedrohung von außen ins Zentrum. Da sieht sich Jolie, obwohl sie eine Aufenthaltsbewilligung hat, Schikanen der Polizei ausgesetzt, während Marie stets eine Schließung ihrer illegalen Kirche fürchtet. Aber auch der Schmerz des Lebens in der Fremde wird spürbar, wenn Naney mit ihrer in der Elfenbeinküste allein aufwachsenden Tochter telefoniert.


Keine stringente Handlung entwickelt Sehiri, sondern zeichnet ein vielschichtiges und empathisches Bild dieser von Aïssa Maïga, der Haarkünstlerin Laetitia Ky und der Laienschauspielerin Debora Lobe Naney natürlich und kraftvoll gespielten Frauen. Gleichzeitig bietet die 43-jährige Regisseurin auch Einblick in eine Realität, die in Europa kaum bekannt ist. Denn laut ihrer Aussage streben nur 20% der afrikanischen Flüchtlinge Europa an, während 80% auf dem Kontinent bleiben.


Eindrücklich zeigt der Film dabei, dass Migrant:innen nicht nur in Europa Schikanen und Rassismus ausgesetzt sind, sondern auch in Tunesien. Dezidiertes Ziel von Sehiri ist es so auch diese Unsichtbaren sichtbar zu machen, über die der autokratische tunesische Präsident Kais Saied 2023 sagte, dass "Horden von illegalen Einwanderern aus Subsahara-Afrika für Gewalt, Verbrechen und inakzeptable Akte" (Trigon Magazin, Nr. 105, S. 15) verantwortlich seien.


Trotz dieses bedrückenden Hintergrunds verfällt "Promis le ciel" aber nicht in Pessimismus, sondern wie schon in ihrem Debüt feiert Sehiri die Entschlossenheit und Resilienz dieser Frauen, die sich nicht unterkriegen lassen. Wie im titelgebenden Song "Promis le ciel" des französisch-karibischen Trios Delgres widerständig betont wird "Man hat mir den Himmel versprochen, bis dahin rudere ich weiter auf der Erde …" kämpfen auch Marie, Naney und Jolie weiter und der Film verbreitet die Hoffnung, dass sie mit ihrer Beharrlichkeit ihren Weg und ihr Glück, das auch in der Rückkehr in die Heimat liegen kann, finden werden.

 


Promis le ciel

Tunesien / Frankreich / Katar 2025

Regie: Erige Sehiri

mit: Aïssa Maïga, Laetitia Ky, Debora Lobe Naney, Mohamed Grayaâ, Foued Zaazaa, Estelle Kenza Dpgbo

Länge: 92 min.



Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan.



Trailer zu "Promis le ciel"

 

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