The History of Sound
- Walter Gasperi

- vor 20 Stunden
- 4 Min. Lesezeit

Zur Zeit des Ersten Weltkriegs entwickelt sich über die Begeisterung für Folk-Songs zwischen zwei amerikanischen Musikstudenten eine intensive Beziehung, die rasch zu mehr als Freundschaft wird: Oliver Hermanus gelang ein atmosphärisch dichtes und bewegendes Meisterwerk des Gefühlskino, das wie die Songs selbst in künstlerische Form gegossene Emotion ist und von den großartigen Hauptdarstellern Paul Mescal und Josh O´ Connor getragen wird.
Vor vier Jahren gelang dem Südafrikaner Oliver Hermanus mit "Living" (2022) eine meisterhafte Neuverfilmung von Akira Kurosawas Klassiker "Ikiru – Einmal wirklich leben" (1952). Ohne jede Modernisierung, aber ungemein stimmig verlegte Hermanus die Geschichte um einen todkranken Beamten, der seinem Leben mit einer letzten Tat noch Sinn geben möchte, von Tokio ins London der 1950er Jahre. Nicht nur durch die herausragende Leistung von Bill Nighy in der Hauptrolle, sondern auch durch die wunderbar zurückhaltende, auf alle Effekte verzichtende Inszenierung entwickelte dieses leise Drama dabei große emotionale Kraft.
Die gleichen Tugenden zeichnet nun auch Hermanus´ Verfilmung von zwei 2018 erschienenen Kurzgeschichten des US-Amerikaners Ben Schattuck aus. Shattuck selbst schrieb auch das Drehbuch zum Film, das durch Zeit- und Ortsangaben den Eindruck erweckt, dass es sich um eine historische Geschichte handelt, doch Figuren und Handlung sind reine Fiktion.
Von Anfang an versetzen Hermanus und sein Autor mit dem Voice-over in die Perspektive von Lionel Worthing (Paul Mescal). Mit deutlich älterer Stimme blickt dieser Ich-Erzähler auf seine Kindheit zurück und beschreibt seine Gabe, Töne nicht nur hören, sondern auch sehen und schmecken zu können. Von den ersten Bildern an evozieren dabei die gedämpften, von Brauntönen dominierten Farben und die frostig-kahle Landschaft des ländlichen Kentucky des Jahres 1910 eine Atmosphäre, die den ganzen Film bestimmt.
Aber auch schon auf die zentrale Bedeutung der Folk-Songs stimmt dieser Auftakt ein, wenn Lionels Vater auf der Veranda der Farm "Across the Rocky Mountains" singt. Nach einem Schnitt wird dieser Song wieder aufgenommen, wenn Lionel sieben Jahre später als Musikstudent in einer verrauchten Bar in Boston den angehenden Komponisten David White (Josh O´Connor) kennenlernt. Über die gemeinsame Liebe zu Folk-Songs entwickelt sich auf Anhieb ein blindes Verständnis zwischen den beiden jungen Männern, aus dem bald mehr als Freundschaft wird.
Der Erste Weltkrieg trennt sie zwar, denn während Lionel auf die elterliche Farm zurückkehrt, kämpft David in Frankreich, doch nach Kriegsende sucht David wieder den Kontakt. Gemeinsam mit Lionel will er durchs ländliche Maine ziehen, um dort die Volkslieder der bäuerlichen Bevölkerung mit einem Grammophon auf Wachszylindern aufzuzeichnen und für die Nachwelt zu bewahren.
Diese tiefmelancholischen Lieder, die immer wieder von verlorener Liebe, Eifersucht, Tod und Trauer erzählen sind das Rückgrat von "The History of Sound". Sie sind Resonanzboden der Gefühle der Protagonisten und verstärken sie gleichzeitig. Wie diese Songs für Worthing in Liedform gegossene Emotionen sind, so ist auch Hermanus´ Film in künstlerische Form gegossene Emotion, ist eine langsam und zurückhaltend erzählte Ballade über eine bald verlorene Liebe, an die schließlich nur noch mit Bedauern über eine verpasste Chance und Tränen in den Augen Erinnerungsfetzen bleiben.
So zurückhaltend und in jeder Szene stimmig Hermanus erzählt, so großartig spielen Paul Mescal ("Aftersun", "All of Us Strangers", "Hamnet") und Josh O´Connor ("Rebuilding", "The Mastermind"). Mehr als durch Worte vermitteln sie in Blicken und Gesten intensiv die innige Verbundenheit von David und Lionel. Nie aufdringlich, aber bestechend wird durch Ausstattung, Kostüme und die Kameraarbeit von Alexander Dynan die Handlung aber auch in den sozialen und historischen Hintergrund des frühen 20. Jahrhunderts eingebettet.
Hermanus will dabei nicht mit seiner Inszenierung auftrumpfen, sondern vertraut ganz auf seine Geschichte und seine Schauspieler:innen. Hier gibt es keine spektakulären Schnitte oder Kamerabewegungen, sondern die filmischen Mittel stehen ganz im Dienst der Erzählung. Was leicht altbacken oder bieder wirken könnte, entwickelt durch sie souveräne Beherrschung des Erzählrhythmus sowie des Einsatzes des Off-Erzählers, die großartigen schauspielerischen Leistungen und natürlich die Songs aber eine Gefühlstiefe und Intensität die ihresgleichen suchen.
Wie schon in "Moffie" (2019) erzählt Hermanus zwar erneut eine homosexuelle Liebesgeschichte, spart aber die dort zentrale gesellschaftliche Repression aus. Keine äußeren Angriffe auf das Paar gibt es hier, doch immer scheint den Liebenden bewusst, dass sie ihre Beziehung in dieser Gesellschaft nicht leben können, dass sie sie geheim halten und mit einer Lüge leben müssen. Dabei weitet sich "The History of Sound" zu einem grundsätzlichen Film über das Wesentliche im Leben, wenn Lionel als ständig Suchender erscheint, und neben der Liebe auch Fragen nach der Bedeutung von Karriere und Familie angesprochen werden.
Und schließlich setzt dieses makellose Liebesdrama, das wohl in den Kanon der Klassiker dieses Genres eingehen wird, den mündlich von Generation zu Generation tradierten amerikanischen Folk-Songs ein großes Denkmal. Aus diesem Blickwinkel ist auch der Abstecher des Films nach Italien und England unverzichtbar, wird damit doch dieser von eigenen Erfahrungen und existentiellen Gefühlen gespeisten amerikanischen Musik ein Chorgesang gegenübergestellt, bei dem mehr um Spiritualität als um Emotionalität geht.
The History of Sound
USA / Großbritannien / Schweden / Italien 2025
Regie: Oliver Hermanus
mit: Paul Mescal, Josh O’Connor, Leo Cocovinis, Raphael Sbarge, Molly Price, Hadley Robinson
Länge: 128 min.
Läuft derzeit im Kinok St. Gallen und am Mittwoch, dem 10.6. und Donnerstag, dem 11.6. im FKC Dornbirn / Cinema Dornbirn (engl. OmU.)
LeinwandLounge in der Remise Bludenz: Mi 24.6., 19 Uhr (engl. OmU.)
Trailer zu "The History of Sound"




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