• Walter Gasperi

Streaming: Moffie


Am Schicksal eines jungen Südafrikaners, der zum Militär eingezogen wird, schildert Oliver Hermanus eindrücklich die Homophobie und Schwulenfeindlichkeit im Apartheid-Regime. Das dicht inszenierte und großartige gespielte Drama kann bei Salzgeber gestreamt werden.


Inserts verankern die Handlung nicht nur im Südafrika des Jahres 1981, sondern skizzieren auch knapp den historischen Hintergrund mit dem zwischen 1966 und 1989 tobenden Grenzkrieg gegen das von der Sowjetunion unterstützte Angola. Um eine Ausbreitung des Kommunismus und der "Schwarzen Gefahr" zu verhindern, werden alle über 16-jährigen Sudafrikaner zu zweijährigem Wehrdienst eingezogen, um nach kurzer Ausbildung die Grenze zu sichern.


Wie hier der Antikommunismus zum Ausdruck kommt, so im Titel "Moffie" die Schwulenfeindlichkeit im Apartheit-Regime. Als "Schwuchtel" werden in Afrikaans mit diesem abwertenden Ausdruck Homosexuelle diskreditiert und gemobbt, als Gegenpol dazu werden die "echten Männer" gepriesen, zu denen die jungen Südafrikaner durch die militärische Ausbildung gemacht werden sollen.


Knapp hält Oliver Hermanus in seiner Verfilmung von André Carl van der Merwes autobiographischem Roman "Moffie: A Novel" die Exposition: Nach einem Abschiedsfest mit seinen Eltern geht es für den 18-jährigen Nicholas Van der Swart (Kai Luke Brummer) sogleich zum Militär. Beginnend mit der Abfahrt am Bahnhof mit den Schreien der Offiziere und dem Gedränge in den Abteilen evoziert Hermanus mit dissonanter Musik und Totalen des durch die weite Landschaft rollenden Zugs schon die Atmosphäre einer Reise in die Hölle.


Drastisch sichtbar wird hier auch schon der Rassismus, wenn bei einem Stopp die Soldaten einen Afrikaner zunächst beschimpfen und dann mit einem Beutel mit Erbrochenem bewerfen. Bei Nicholas ruft die Szene sichtlich Ablehnung hervor, doch er bleibt stummer Beobachter und versucht – wie auch später - möglichst nicht aufzufallen.


Vernichtend ist der anschließende Blick von Hermanus auf die militärische Ausbildung, bei der sich der 1983 in Kapstadt geborene Regisseur sichtlich von Stanley Kubricks "Full Metal Jacket" inspirieren ließ. Von Anfang an macht der Ausbildner die jungen Rekruten nieder, erklärt sie zu Krätze, schikaniert sie und schindet sie bis zum Zusammenbruch.


Dicht und mit schonungslosem Realismus schildert Hermanus diesen Drill und Sadismus, zeigt aber auch wie Nicholas und sein Kollege Stassen (Ryan de Villiers) sich langsam näher kommen. Doch ihre Gefühle müssen sie verheimlichen, denn Homosexuelle werden in dieser homophoben Macho-Welt, in der die Soldaten auch die Freizeit mit Männlichkeits-Spielen verbringen, nicht nur gemobbt, sondern zur Brechung ihrer Persönlichkeit auch in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert.


Dass diese Schwulenfeindlichkeit sich freilich nicht auf das Militär beschränkt, macht eine kurze, aber einprägsame Rückblende deutlich, in der sich Nicholas an einen Schwimmbadbesuch erinnert, bei dem ihm seine homoerotische Neigung bewusst wurde und er öffentlich bloßgestellt wurde, weil er nackte Männer in der Dusche beobachtete. Zutiefst geprägt hat Nicholas diese traumatische Erfahrung, hat ihn gelehrt, sein Begehren zu verheimlichen.


In Opposition zum toxischen Männlichkeitswahn steht das Begehren, das Hermanus immer wieder in langen Einstellungen der nackten, verschwitzten Oberkörper beim militärischen Drill, beim Volleyballspiel, beim Schwimmen in einem See oder beim Duschen beschwört. Mit nah geführter, unruhiger Handkamera versetzt Hermanus dabei den Zuschauer intensiv in die Gefühlswelt seines Protagonisten. Während freilich die Intensivierung dieser Szenen durch Zeitlupe funktioniert, so wirkt die musikalische Untermalung mit Stücken von Bach und Vivaldi doch etwas überzogen.


Nicht zu Unrecht wurde aber diese visuell bestechende Schilderung der Ambivalenz von brutaler Ab- und Zurichtung der Soldaten auf der einen Seite und zarten homoerotischen Gefühlen auf der anderen Seite schon mehrfach mit Claire Denis´ am Golf von Dschibuti spielendem Fremdenlegionsfilm "Beau Travail" verglichen.


Wenn Hermanus seinen Protagonisten von der Ausbildung zum Grenzeinsatz führt, macht er auch die Abstumpfung durch diesen militärischen Drill bewusst. Gleichzeitig wird in dem konzentriert inszenierten und von einem starken und unverbrauchten Ensemble getragenen Drama am Schicksal von Nicholas´ Freund sichtbar, dass in der Psychiatrie die Homosexuellen gebrochen und ihnen ihre Persönlichkeit und jedes Begehren ausgetrieben wurde. – Erschütternd erweitert so dieser Film das Bild vom südafrikanischen Apartheid-Regime, dessen Terror über den Rassismus gegenüber Afrikanern hinausging und auch zahlreiche junge weiße Männer psychisch und physisch zerstörte.


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Trailer zu "Moffie"