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  • AutorenbildWalter Gasperi

Under the Fig Trees


Erige Sehiri begleitet und belauscht in ihrem ersten Spielfilm Tunesierinnen einen Tag lang bei der Feigenernte: Mit unaufgeregt dokumentarischem Blick und natürlichen Laienschausspieler:innen bieten die Gespräche während der Arbeit und in den Pausen einen vielschichtigen Einblick in gesellschaftliche Verhältnisse und Träume der Erntehelferinnen.


Im Morgengrauen geht eine junge Frau in einer Totalen über eine wüstenhafte Ebene. Am Straßenrand wartet sie anschließend mit einer Gruppe weiterer Frauen auf einen Pickup, mit dem sie zu einer Feigenbaum-Plantage gebracht werden. Während die anderen Frauen auf der Ladefläche Platz nehmen, darf die junge Fide (Fide Fdhili) in der Fahrerkabine neben dem Chef sitzen. Ganz recht ist ihr das aber nicht, denn sie befürchtet das Gerede der anderen.


Wie sich hier in der Zweierkonstellation ein Dialog entwickelt, wird Erige Sehiri auch nach Ankunft in der Plantage bald den einen Arbeiterinnen und bald den anderen folgen. Nicht nach vorwärts drängt der erste Spielfilm der Tunesierin, sondern geht in die Breite und wechselt leichthändig und geschmeidig zwischen den Protagonist:innen.


Hautnah ist die Kamera von Frida Marzouk an den Erntehelferinnen dran und bringt ihre Gesichter im Sommerlicht regelrecht zum Leuchten. Nichts Aufsehenerregendes passiert, denn ganz auf die Gespräche konzentriert sich "Under the Fig Trees". Der zeitliche Rahmen ist mit dem einen Arbeitstag ebenso klar abgesteckt wie der Raum mit der Plantage und auch der ebenso reduzierte wie pointierte Musikeinsatz trägt zur Fokussierung auf die Frauen bei.


So folgt man der jungen Melek (Feten Fdhili), die ihrer ersten Liebe Abdou wieder begegnet, der vor fünf Jahren in die Küstenstadt Monastir gezogen ist. Wie man in Meleks Blick ihre ungebrochene Liebe und ihr Schmachten spürt, so thematisiert sie dies auch in ihren Gesprächen mit dem Jugendlichen.


Sana (Ameni Fdhili) versucht dagegen das Herz eines jungen Mannes zu erobern, gleichzeitig müssen alle aber immer auf der Hut vor dem ebenfalls noch jungen, aber strengen Chef sein. Achten müssen sie darauf, dass sie keine unreifen Feigen ernten, dass sie diese sanft in die Kisten legen und keinen Ast beim Ernten abbrechen.


Wenn die Arbeiterinnen in der Mittagspause zusammensitzen, wird auch ein gesellschaftlicher Wandel sichtbar. Denn während eine ältere Frau erzählt, dass sie mit einem Fremden zwangsverheiratet wurde und dass sie immer noch ihrer großen Liebe nachtrauert, wollen die jüngeren ein selbstbestimmtes Leben führen. Liebe und Ehe sind wiederkehrende Themen in ihren Gesprächen, aber auch Zweifel, ob es ein Glück geben wird, brechen durch.


Aber auch die Männer spart Sehiri nicht aus, deckt die sexuelle Übergriffigkeit des Chefs auf und seine Versuche bei der Bezahlung den Lohn zu drücken. Scharf reagiert er auch auf einen Erntehelfer, dem er vorwirft, zu wenig zu leisten und zudem Feigen zu stehlen.


Nicht nur der ruhige und genaue Blick auf die Frauen, in dem man Sehiris Herkunft vom Dokumentarfilm spürt, sorgen dafür, dass man rasch in diese Welt eintaucht, sondern auch die wunderbar natürlich agierenden Laiendarsteller:innen. Wenig erfährt man über ihren biographischen, familiären und sozialen Hintergrund, doch ihre Blicke, ihr Lachen, ihre Gesten und natürlich ihre Dialoge erzeugen Nähe und wecken Interesse.


So vermittelt Sehiri ganz ohne dramatische Handlung und beschränkt auf einen engen Raum einen vielschichtigen Einblick in die tunesische Gesellschaft, in der immer noch die Männer den Ton angeben, aber die jungen Frauen doch sichtlich Selbstbewusstsein entwickeln und ihren eigenen Weg gehen wollen.


Auch wenn dabei bedrückende Momente, in denen die Macht und der Druck des Chefs spürbar werden, nicht fehlen, verbreitet "Under the Fig Trees" einerseits mit seiner sommerlich-lichtdurchfluteten Plantage, andererseits aber auch mit dem beglückenden Lachen der jungen Frauen Lebensfreude und Optimismus.



Under the Fig Trees Tunesien / Frankreich / Schweiz / Deutschland / Katar 2021 Regie: Erige Sehiri mit: Ameni Fdhili, Fide Fdhili, Feten Fdhili, Samar Sifi, Leila Ouhebi, Hneya Ben Elhedi Sbahi, Gaith Mendassi Länge: 92 min.



Läuft in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan


Trailer zu "Under the Fig Trees"


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